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Optimist aufgrund der Beweislage

10.11.2020

Der MIT-Professor Andrew McAfee zeigt in seinem aktuellen Buch auf, dass reiche Länder schon jetzt trotz Wachstums weniger Ressourcen verbrauchen. In seinen Augen können Kapitalismus, technologischer Fortschritt, bürgernahes Regieren und öffentliches Bewusstsein sogar den Planeten retten.

Zur Person

ANDREW MCAFEE ist Ko-Direktor der MIT Initiative on the Digital Economy und stellvertretender Direktor des Center for Digital Business an der MIT Sloan School of Management. Im August erschien „Mehr aus weniger – Die überraschende Geschichte, wie wir mit weniger Ressourcen zu mehr Wachstum und Wohlstand gekommen sind und wie wir jetzt unseren Planeten retten“ auf Deutsch. McAfee bietet unter longbets.org mehrere Wetten an, darunter: 2029 werden die USA weniger Energie verbrauchen als 2019. Er bietet insgesamt 100.000 Dollar als Wetteinsatz an, wobei die Einsätze an eine wohltätige Organisation gespendet werden. Bisher hat noch niemand gegen ihn gewettet.

Sind Sie ein geborener Optimist?

Nein. Ich bin ein Optimist aufgrund der Beweislage. Natürlich ist nicht alles großartig. Nicht alles führt in die richtige Richtung. Zum Bespiel steigt die CO₂-Konzentration in der Atmosphäre weiter an.
Das sind bad news. Aber viele fundamentale Dinge gehen in die richtige Richtung. Der Blick auf diese Trends macht mich optimistisch.

Was hat Sie bei der Recherche für Ihr neues Buch überrascht?

Vor fünf Jahren habe ich in einem Essay gelesen, dass die USA trotz Wirtschafts- und Bevölkerungswachstums Jahr für Jahr weniger Ressourcen verbrauchen – insgesamt, nicht pro Person. Ich dachte, das kann nicht stimmen, und ich habe die Referenzen genau überprüft und festgestellt: Es ist korrekt. Ich war so überrascht von der Idee, dass wir unser Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum, unseren Wohlstand und ökologischen Fußabdruck vom Ressourcenverbrauch abkoppeln können, dass ich mich entschied, ein Buch darüber zu schreiben.

Die ganze Idee der Dematerialisierung, also der Rückgang des Verbrauchs von Ressourcen wie Öl, Kohle, Stahl, aber auch Wasser und Agrarflächen bei gleichzeitigem Wachstum des Wohlstands hat Sie also überrascht?

Absolut. Und ich war weiter überrascht, als ich feststellte, dass die Ernten in den USA jedes Jahr mehr abwerfen, obwohl sich der Wasserverbrauch für den Anbau, die landwirtschaftlichen Flächen und die Menge an Düngemitteln seit Jahrzehnten nicht verändern. Ich stieß auf mehr und mehr Beispiele wie diese.

Sie sprechen von vier Arten der Dematerialisierung: Welche Länder verschlanken, ersetzen, optimieren und verflüchtigen ihre Ressourcen noch zu wenig?

Alle Länder mit marktwirtschaftlichen Systemen haben den Ansporn, das Optimum aus ihren Gütern zu holen und Produkte – von Alu-Dosen bis Autos – mit weniger Material herzustellen. Wettbewerb verlangt von Unternehmen, Kosten zu reduzieren. Weniger entwickelte Ökonomien werden ihre Ressourcen weiter erhöhen. Sie dematerialisieren noch nicht so stark wie die USA oder Österreich, aber sie werden auch dorthin
kommen.

Ist es durch Dematerialisierung möglich, dass zum Beispiel Chinesen, Inder und Indonesier, also drei Milliarden Menschen, den gleichen Lebensstil wie wir erreichen können,
ohne dass das der Erde schadet?

Es wird sich auf die Welt auswirken, wenn diese Länder wohlhabender werden. Aber wir wissen von reichen Ländern, dass es einen Punkt gibt, an dem ihr Impact auf den Planeten ein Maximum erreicht und dann zurückgeht – wir sehen das bei Umweltverschmutzung, Wasserverbrauch oder Ressourcennutzung. Ich bin ziemlich sicher, dass die USA schon am Höhepunkt
des Energieverbrauchs und CO₂-Ausstoßes sind. Einkommensschwache Länder werden den Planeten sogar weniger belasten – durch innovative Technologien werden sie früher beginnen zu dematerialisieren, als wir das getan haben. Sie werden keinen Kupferdraht für Telefonnetzwerke brauchen, nicht so viele Autos pro Person und nie so schmutzige Energie haben, wie wir hatten, denn erneuerbare und saubere Energien werden rasch billiger. Daher werden die Bewohner dieser Länder schonender mit dem Planeten umgehen als wir es taten, als wir reich wurden.

Sie sprechen von den Auswirkungen pro Person, aber die Summe der Menschen hat wohl einen gewissen Effekt?

Wenn wir Umweltverschmutzung, besonders die Treibhausgas-Emissionen, bewältigen, wenn wir smart und nachhaltig handeln, kann unser Planet drei Milliarden wohlhabende Inder, Chinesen und Indonesier leicht verkraften.

Sie sind überzeugt, dass der Kapitalismus die Welt zu einem besseren Ort macht. Warum, glauben Sie, gibt es so viele Menschen, die daran zweifeln?

Ich weiß es nicht. Wenn Sie sich Menschen ansehen, die in marktorientierten Gesellschaften mit gesundem Wettbewerb leben und sie mit jenen vergleichen, die unter anderen Bedingungen leben,
ist die Lage klar. Staaten, die sich explizit gegen den Kapitalismus gewandt haben, mussten in der Regel Mauern bauen, um die Menschen am Weggehen zu hindern. Ich denke, viele junge Leute haben keine Erinnerung an die großen kommunistischen Ökonomien: Die Berliner Mauer fiel 1989. Die Sowjetunion endete 1991. Ich glaube auch, dass viele etwas gegen Milliardäre haben, und wenn sie sie für das Symptom eines ungerechten Systems halten, ist das verständlich. Aber Norwegen und Schweden, sehr egalitäre soziale Demokratien, haben mehr Milliardäre pro Kopf als die USA. Und schließlich haben die Krise 2008 und die aktuelle Pandemie den Glauben vieler Menschen an unser System erschüttert.

Sie schreiben von den vier Reitern des Optimisten: technologischer Fortschritt, Kapitalismus, bürgernahes reaktionsfähiges Regieren und öffentliches Bewusstsein. Was müsste passieren, dass nicht Ihre, sondern die vier apokalyptischen Reiter siegen?

Wir wären in furchtbaren Schwierigkeiten, würden wir uns von einer marktbasierten Wirtschaft entfernen. Schauen Sie auf die Umweltauswirkungen in totalitären Ländern ohne Kapitalismus und technologischen Fortschritt. Wahrscheinlicher ist aber, dass wir scheitern, wenn uns die anderen Reiter, bürgernahe Regierungen und öffentliches Bewusstsein, fehlen. Regierungen in repräsentativen
Demokratien haben zum Beispiel Umweltverschmutzung bekämpft, weil die Menschen es verlangt haben. Und richtig Ärger kriegen wir, wenn wir unsere Verbindung zur besten verfügbaren Forschung verlieren.

Gibt es zu viele Pessimisten da draußen?

Ja. Mit Pessimismus und dem Betonen der Dinge, die falsch laufen, zeigt man, dass man zur gebildeten seriösen Elite gehört. Wer sich auf positive Trends fokussiert, gilt als intellektuelles Leichtgewicht.
Leider dürften die positiven Entwicklungen nicht so einen großen Effekt haben, dass sie Pessimisten zu Optimisten zu machen. Aber es macht Mut, dass es Leute gibt, die mit ihrer Forschung und Büchern betonen, warum wir optimistisch sein dürfen.

Autor/in:
Alexandra Rotter
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