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Österreichs Manager setzen auf Vertiefung der EU

08.02.2013

Neue Studie zeigt: Wachstumsrückstand gegenüber BRIC-Staaten lässt sich nur durch mehr Innovationskraft und Forschung & Entwicklung aufholen

„Europa neu denken“ lautete das Motto des zehnten internationalen Wiener Kongresses com.sult, der am 22. Jänner im Haus der Industrie stattfand. Österreichs Manager haben dabei – entgegen der britischen Austritts-Option, die Premier David Cameron in seiner Europa-Rede zum Thema machte - eine klare Präferenz, zeigt eine Umfrage im Auftrag von Wirtschaftskammer Wien und Create Connections unter Teilnehmern und Referenten des Kongresses: 62% der Besucher setzen auf eine Vertiefung der EU-Strukturen. Nur 8% sehen einen EU-Zerfall. Die Einschätzungen der befragten Referenten sind ähnlich: 58% erwarten sich eine Vertiefung der EU-Strukturen.

Steigenden Optimismus zeigen die Studienergebnisse zur Zukunft des Euro: nur 3,7 % (2012: 4,8%) der Besucher und nur 4,4% (2012: 4,6%) der Referenten des Kongress sind der Über-zeugung, dass es den Euro bis Jahresende nicht mehr gibt.

 

Mehr Wachstum nur durch mehr Innovation

Als klares Problem sehen die Befragten jedoch die Wachstumsschwäche des EU-Raums im Vergleich zu den dynamischen BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China). Europa wird diese Wachstumsschwäche im nächsten Jahrzehnt nicht aufholen, prognostizieren 56% der Besucher und 79% der Referenten. Der Weg zu mehr Wachstum ist laut Studie allerdings klar: Die Mehrheit der Befragten votiert für die Förderung von Innovation sowie Forschung & Entwicklung (14% der Besucher, 7% der Experten), für mehr Koordination auf europäischer Ebene (10% der Besucher, 17% der Experten) sowie für bessere Wachstums- und Exportförderung (6% der Besucher, 13% der Experten).

 

Mehr Geld zur Bekämpfung der Schuldenkrise

Kritisch zeigen sich die Befragten, ob es gelungen ist, die Schuldenkrise in Europa unter Kon-trolle zu bringen. 61% der Besucher und 66% der Experten gehen davon aus, dass die EU noch mehr Geld in die Hand nehmen muss. Nur jeder Fünfte hält die bisherigen Maßnahmen für ausreichend.

 

Standortpolitische Hausaufgaben

Eindeutige Prioritäten setzen die Befragten der com.sult-Studie bei der Frage, was die Grundvoraussetzungen für die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes sind. Bildung und gut ausgebildete Mitarbeiter (27%) führen als Standortfaktor vor Innovation sowie F&E (21%), Offenheit für neue Ideen und Flexibilität (12%) und niedrigen Steuern (8%).

 

Bessere Noten für Innovationspolitik

Der Vergleich der com.sult-Erhebungen 2010, 2012 und 2013 zeigt, dass die Manager der Politik heute tendenziell bessere Noten geben, wenn es um Innovationskraft und die Förderung von F&E zur Wettbewerbsfähigkeit geht: Auf der fünfstufigen Notenskala gibt es als Mittelwert heuer erstmals 3,0. 2010 war die Bewertung mit 3,6 deutlich schlechter ausgefallen, 2012 betrug der Mittelwert 3,3. Österreich wird heuer von 51% der Befragten als innovationsfreundlicher Standort bezeichnet, 2012 waren dies nur 37%.

In der Rangliste der Maßnahmen für mehr Innovationskraft in Österreich führt die Reform des Bildungssystems (Besucher: 31%, Experten 25%) vor mehr Investitionen in Universitäten und Grundlagenforschung (23%, 19%), Unterstützung bei der Gründung von Technologieunternehmen (16%, 10%) sowie mehr steuerlichen Anreizen für F&E (je 14%).

 

Leichter Optimismus bei wirtschaftlichen Aussichten

Was die wirtschaftlichen Aussichten für Österreich in den nächsten 12 Monaten betrifft, zeigen sich die Manager entspannter als im Vorjahr. 53% (2012: 54%) erwarten eine gleichbleibende Entwicklung, aber 34% orten eine bessere wirtschaftliche Entwicklung als bisher (2010: 13%).

Mit Blick auf Europa sind die Einschätzungen ähnlich: 31% der Besucher (39% der Experten) erwarten sich eine bessere wirtschaftliche Entwicklung, während 43% der Besucher (39% der Experten) eine gleichbleibende Entwicklung annehmen. Ein Viertel der Besucher und 18% der Experten gehen aber von einer schlechteren wirtschaftlichen Entwicklung aus.

Mit Blick auf die globale Ebene äußern die Befragten deutlich mehr Optimismus: 45% der Besucher und 42% der Befragten prognostizieren eine bessere wirtschaftliche Entwicklung.

 

Politische Defizite im europäischen Vergleich

Von besonderem Interesse ist die Bewertung von politischen Stärken und Schwächen des Standorts Österreich im europäischen Vergleich. Das Urteil der Manager zeigt auch hier ein klares Bild: Während Österreich bei Staatshaushalt, Wirtschaftsstandort und demokratischem System klar im positiven Saldo-Bereich liegt, wird Österreich bei wichtigen Zukunftsfaktoren wie Innovationskraft, Visionskraft, F&E, Korruptionsbekämpfung, europäisches Denken und Handeln, Medienlandschaft und Bildungspolitik eindeutig im negativen Bereich verortet.

 

Reformagenda der Manager für nächste Regierung

Auf der Reformagenda der befragten Manager für die nächste Bundesregierung führt das Bildungssystem (68%) vor der Steuerreform (35%) und der Senkung der Lohnnebenkosten sowie der Sanierung des Staatshaushaltes (je 31%). Danach werden Gesundheitsreform, Pensionsreform, der Ausbau der Infrastruktur und eine stärkere Vertretung der EU als regierungspolitische Prioritäten genannt.

 

Österreichs beste Europäer

Mit Blick auf die Bundesländer empfinden die befragten Manager Wien als jenes Bundes-land, das am meisten europäisch denkt (50%). Dahinter liegen Oberösterreich (10%) und Niederösterreich (9%).

Auf die Frage, welcher europäische Politiker Europa aus der Krise führen kann, votiert eine überwältigende Mehrheit für Angela Merkel (31%).

 

„Der jährlich durchgeführte com.sult Outlook hat sich zum aussagekräftigen Zukunftsbarometer für Wirtschaft und Politik entwickelt. Die Ergebnisse des com.sult Outlook 2013 machen deutlich, dass die Manager sehr europäisch denken und etwas optimistischer in die Zukunft gehen als bisher. Gleichzeitig werden von der Politik konkrete Reformen für den Wirtschaftsstandort Österreich eingefordert“, bilanziert David Ungar-Klein, Initiator des Wiener Kongresses com.sult die Studienergebnisse.

Für WKW-Präsidentin KR Brigitte Jank zeigen die Ergebnisse der Erhebung, dass Standortpolitik klaren Vorrang haben muss. Jank: „Wir brauchen keine Experimente mit neuen oder höheren Steuern, sondern eine gezielte Stärkung des Standortes und insbesondere seiner Innovationskraft. Das schlechte Abschneiden im europäischen Vergleich ist ein Alarmsignal für die Politik in Wien und im Bund. Mehr Wachstum gibt es nur mit besseren Rahmenbedingungen für unsere Betriebe.“

 

Top-Note für com.sult

Die Erhebung wurde vom Meinungsforscher Peter Hajek im Auftrag des Wiener Kongress com.sult und der Wirtschaftskammer Wien unter den mehr als 60 referierenden Experten und unter den 1.500 Besuchern des com.sult durchgeführt. Insgesamt wurden für die Studie 220 persönliche Interviews geführt (62% Männer, 38% Frauen). Auch der Wiener Kongress com.sult selbst wurde in der Erhebung auf den Prüfstand gestellt: 45% der Besucher bewer-teten ihn als „sehr gut“, 41% als „gut“. Die Veranstalter dürfen sich über eine Durchschnitts-note von 1,6 freuen.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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