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Ökonomie der Liebe

08.09.2017

Ist es nicht eigenartig, dass wir die Liebe so sehr begehren, sie aber dort überhaupt nicht vorkommt, wo wir arbeiten und wirtschaften? Ich plädiere für eine Weltrevolution: für eine Ökonomie der Liebe.

Alle sehnen sich nach ihr, begehren sie, streben sie an. Sie wird „geputzt und hergerichtet“, wie der Philosoph José Ortega y Gasset anmerkt. Sie wird besungen. Und wie. Sie ist das mit Abstand meist gepriesene Gefühl. Sie ist unvergleichlich. Sie durchdringt alles. Das ganze Dasein des Menschen. Bis auf die Ökonomie. Dort kommt sie nicht vor, die Liebe. Die kraftvolle, schöne, wahre Liebe. Darum mutet es auch eigenartig an, dass ihr hier in einem Wirtschaftsmagazin eine Kolumne gewidmet ist.

Aber ist nicht eigentlich das andere eigenartig? Ist nicht genau der Umstand seltsam, dass sie so sehr begehrt wird, und genau dort, wo wir unser Leben gestalten und zum immer Besseren wenden wollen, überhaupt nicht vorkommt? So als wäre sie rein zum Privatgebrauch bestimmt. Als wäre sie etwas Schamhaftes und Peinliches, zu dem man sich nur Zutritt verschafft, wenn man abends erschöpft die Wohnungstür aufsperrt.

Ist es nicht höchst abartig, dass wir etwas zutiefst begehren und ihm im Arbeitsalltag absolut keinen Raum geben? „Die Wahrheit über sich wissen und trotzdem weitermachen, ist Zynismus“, bemerkt Peter Sloterdijk. Wie zynisch und lieblos wollen wir leben und wirtschaften?

Ich habe mir bei Interviews die Frage angewöhnt, wie es mein Gegenüber denn im Beruf mit der Liebe hält. Bei PolitikerInnen ernte ich Hüsteln und Heiterkeit. Uli Böker, die 15 Jahre lang Bürgermeisterin des Oberösterreichischen Vorzeigedorfs Ottensheim war und jetzt im Landtag sitzt, meinte, sie wäre ja in den Gemeinderatssitzungen schon in Esoterikverdacht gekommen, wenn sie von „Achtsamkeit“ gesprochen hat.

Viel anders wird es in Vorstandssitzungen oder Marketingmeetings auch nicht sein, oder? Wie geht es denn Ihnen so mit der Liebe im Business?

Ich möchte an dieser Stelle daran erinnern, dass die Liebe mehrere Aspekte hat. Sie ist nicht nur Eros, die erotische Liebe, sondern zeigt sich auch als Agape, welche nach Höherem strebt und dem eigenen Tun einen spirituellen Mehrwert gibt. Wir kennen sie als Philia, die Freundschaftsliebe, und Caritas, die fürsorgende Mitmenschlichkeit. Veronika Lamprecht, Coach von Führungskräften, unterscheidet sogar in fünf Aspekte: in die Liebe zum Ich, Liebe zum Du, Liebe zur Erde, Liebe zur Gemeinschaft und gar in die Liebe zu Leere und Stille (weil die Stille der Geburtsort von allem ist). Das Wesen der Liebe ist das Aufgehen in Schenken und Beschenktwerden. Lieben heißt „sich in einem anderen Selbst vergessen, doch in diesem Vergehen und Vergessen sich erst selber zu haben und zu besitzen“, wie der Philosoph Hegel (Anfang 19. Jhd.) anmerkt.

Wir erfahren und besitzen uns selbst also erst im liebevollen Tun. Lieben wir nicht, so sind wir nicht. Ohne Liebe sind wir lebende Tote. Wäre es nicht erfrischend und eine Weltrevolution, würden wir beginnen, unseren Geschäften mit einer Haltung der Liebe nachzugehen? Liebe zu dem, was wir tun. Liebe zu denjenigen, für die wir es tun. Liebe zu allem, was wir für unser Tun brauchen.

Autor/in:
Harald Koisser

schreibt philosophische Bücher und 
ist Herausgeber des Mutmacher-Magazins „wirks“. 
www.wirks.at, www.koisser.at

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