Direkt zum Inhalt

Nur noch Studenten?

04.04.2019

Handwerk und Dienstleistung boomen. Beide suchen händeringend Fachkräfte. Das Paradoxon ist dabei: Viele suchen ja einen Job und finden trotzdem keinen. Was schiefläuft analysiert Hans Harrer, Präsident des Senat der Wirtschaft, in einem Gastkommentar. 

Heute, wo, laut OECD, eine gute Berufsausbildung auch jedem eine Berufschance eröffnet, ist ein akademischer Abschluss nicht mehr der Weisheit letzter Schluss. Nur viel zu viele wollen trotzdem studieren - auch wenn das für sie gar nicht der richtige Weg ist und sie daher mittendrin scheitern, wie die hohe Studien-Abbruchquote in Österreich eindringlich verdeutlicht. Ein Beispiel: Wer früher eine Assistentin suchte, bekam Angebote von Maturantinnen oder HAK-Absolventinnen. Wer heute sucht, bekommt nur mehr Bewerbungen von Uniabsolventen. Sind die Anforderungen so gestiegen, dass man heute Vollakademiker dafür benötigt? In manchen Fällen - mag sein, aber nicht immer.

Leider genießt die duale Ausbildung keinerlei Reputation, oder wie man heute so schön sagt: dem wurde nie ein adäquates Branding verpasst. Allerdings, und auch das muss gesagt werden, passen viele Unternehmen und Jobsuchende nicht zusammen. Entweder ist das passende Angebot am falschen Ort oder die schulischen Leistungen entsprechen nicht den heutigen Anforderungen. Nur wie lässt sich diese Inbalance beheben? Jeder ist gefordert. Unternehmen müssen ihr Angebot für die heutige Generation attraktiver machen, denn die Generationen Y und Z ticken anders als die Babyboomer. Sie wollen Arbeit und Freizeit ausbalanciert wissen, Weiterbildungsperspektiven und eine adäquate Ausbildungsvergütung in Aussicht gestellt bekommen. Und die Politik sollte nicht an einer überbewerteten Akademikerquote festhalten, sondern der dualen Ausbildung ebenso großes Augenmerk schenken. Die berufliche Ausbildung muss von der Politik und Gesellschaft endlich wieder wertgeschätzt werden. Denn wer will nicht die Dienste eines fachlich gut ausgebildeten Kellners, Kochs, Installateurs oder Tischlers, etc. in Anspruch nehmen? Nicht umsonst heißt es: auch Handwerk hat goldenen Boden. Wenn es so weitergeht, werden wir aber bald Gold bezahlen müssen, um Fachkräfte oder überhaupt  nur Laien zu bekommen!

Das AMS, so wurde angekündigt, will 2019 evaluieren, welche IT-Qualifikationen in der Arbeitswelt gefordert sind, um den Fachkräftemangel durch Schulungen entgegenzuwirken. Also wer erst jetzt darauf kommt, dass es diesen Mangel gibt, ein Jahr Erhebungen betreibt, um dann ein Zukunftskonzept zu entwickeln, wird wieder um Jahre zu spät dran sein. Was benötigt wird, ist längst von Unternehmen breit kommuniziert worden. Um fehlende MINT-Fachkräfte zu gewinnen, bedarf es auch attraktiver Pakete, die bereits in den Schulen an die zukünftigen Mitarbeiter herangetragen werden, um diese rechtzeitig vor ihrer Berufswahl dafür zu begeistern. Wer allerdings das aktuelle Berufsschulsystem nicht in allen Belangen den modernen Anforderungen anpasst, den flexiblen Arbeitszeitmodellen ständig einen Stein vor die Füße wirft und nur in der Akademisierung aller Menschen das Heil sucht, wird die Probleme am Arbeitsmarkt auch in Zukunft nicht beheben können.

Werbung

Weiterführende Themen

Stories
04.06.2019

Daten sind ein strategisches Asset. Beinahe jedes Unternehmen kann aus ihnen Nutzen generieren. Dennoch lassen viele KMU das Potenzial noch links liegen. Dabei ist Datenmanagement eine lustvolle ...

Stories
15.05.2019

Wie Andreas Fill aus einem kleinen Ort im Innviertel eine blühende Wirtschaftszone machte.

Stories
14.04.2019

Welser Profile zählt zu den Leitbetrieben des Mostviertels. Kein Wunder. Denkt doch CEO Thomas Welser weit über sein Unternehmen hinaus: Geht’s der Region gut, geht’s uns allen gut.

Hans Harrer
Stories
14.04.2019

Hans Harrer ist Präsident des Senats der Wirtschaft und als Unternehmer im Gesundheitsbereich sowie in Gastronomie und Hotellerie tätig. Warum er gerade die Idee smarter Regionen forciert, erklärt ...

v.l.n.r.: Hans Harrer, Josef Plank, Lukas Kasalo, Manfred Haimbuchner, Josef Obergantschnig, Michaela Reitterer, Günther Herndlhofer, Gabriele Stowasser, Alix Frank                                     Thomasser, Dr. Johannes Linhart
Stories
28.03.2019

Der Senat der Wirtschaft hat zu einer Veranstaltung geladen, auf der die Nachhaltigkeitsziele der UN im Zentrum standen. Ausgangspunkt von Vorträgen und ...

Werbung