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Nur die Not macht erfinderisch

14.09.2020

Dubrovnik ist leer. Die Einheimischen können es kaum fassen. Ein Zustand zwischen Angst und Hoffnung und ein Paradebeispiel für eine Ökonomie, die sich grundlegend verändern muss.

Dubrovnik

Dubrovnik im Juni diesen Jahres. Leere Straßen, von einem einsamen Brautpaar werden Fotos gemacht. Man erkennt Einheimische. Eine ältere Dame in einem Blumenkleid bekreuzigt sich, als sie an der alten Kirche vorbeigeht. Der Aufstieg auf die Stadtmauer kostet nur ein Viertel des Normalpreises. Ein Restaurant bietet in Anlehnung an Covid-19 einen 19-prozentigen Rabatt an. 

Die rund tausend Einwohner können sich nicht erinnern, wann ihre Stadt so leer war. Ja, in den Kriegsjahren Anfang der 90er Jahre. Aber sonst, ohne Krieg? Sie kennen die mittelalterliche Stadt nur im Zustand der Überflutung mit Körpern. An „normalen“ Tagen schoben sich 25.000 Menschen pro Tag durch die engen Gassen, Tag für Tag, ohne Pause. Jetzt sind es um die 2000. An einer Mauer ist ein Verhaltenshinweis für Fußgänger angebracht. Bitte nicht stehen bleiben und immer rechts halten. 

„Am Anfang haben die Leute aufgeatmet“, sagt Fremdenführerin Gaby, „aber jetzt vermissen wir die Touristen“. Sie sagt es mit leiser Wehmut als redete sie von lieben Verwandten. Doch was sie wohl meint, ist die Geldbörse. Dort fehlen die Touristen. Sonst nicht. Wie soll man auch jemanden vermissen, der mit einem Kreuzfahrtschiff anlegt, das höher ist als die Stadtmauer, sich durch die Stadt drängt, seinen Müll entsorgt und sonst wenig konsumiert? Die Kreuzfahrtouristen machen nur rund zehn Prozent der Besucher aus, aber sie sind aufgrund der monströsen Schiffe und des minimalen ökonomischen Effekts Symbole für ein aus dem Ruder gelaufenes System. Eigentlich ist ja Dubrovnik eine Flugdestination, die vor allem Briten und Amerikaner anzieht.

„Es wird nie wieder so sein wie zuvor“, sagt Tourismusmanagerin Gabriela Lucic. Sie ist dafür bezahlt worden, dass es so war, wie es war. Und jetzt wird es nie mehr so sein. Das ausbleibende Geld macht Angst, doch die leere Stadt gibt Hoffnung. Es könnte vielleicht auch anders werden. Dubrovnik steht nicht nur für ähnliche Orte mit enormem Besucherdruck wie Venedig oder Hallstatt, sondern für die Ökonomie generell. Das Bild ist überall gleich. Endlich Frieden, Stille, Besinnung, „der Überlebenskampf ist ausgesetzt“, wie mir ein Unternehmer anvertraut. Und auf der anderen Seite drohen Zahlungsunfähigkeit, Konkurs, Arbeitslosigkeit. Warum müssen Frieden und Besinnung einen so hohen Preis haben? Liegt es in der Natur der Sache oder an menschlicher Unkultur? Ginge es auch anders? Könnte man auch in Ruhe und Frieden ökonomisch erfolgreich sein?

„Wir überlegen alternative Modelle“, sagt Lucic – zum Beispiel in einer definierten Zeit pro Jahr die Stadt Dubrovnik nur für Studierende aus aller Welt zur Verfügung zu stellen. Das hieße natürlich: runter mit den Preisen. Zwei Wochen lang gibt es dann das Luxushotel zum Preis eines Studentenwohnheims. Und warum diese Aktion? Einfach damit junge Menschen die Stadt sehen können. Und weil sie die Stadt vielleicht anders sehen, liebevoller, mit größerer Wertschätzung. Vielleicht kommen die jungen Leute dann, wenn sie fertig studiert haben und Geld verdienen, wieder. Es ist auf alle Fälle eine sympathische Idee und natürlich ist unklar, ob sie realisiert wird. Wenn die Touristen mit dem dicken Geldbeutel zu früh wiederkommen, wird sie wahrscheinlich in der Schublade verschwinden. Aber wenn die Not anhält, und es spricht vieles dafür, dann hat diese Idee Chancen auf Realisierung, und es werden weitere Ideen sprudeln. Die Hoffnung ist immer eine Begleiterin der Angst. Anders wäre Angst nicht zu ertragen. Man muss sie sich durch Ideen und Innovationen gefügig machen und durch Begeisterung überwinden. 

Unfruchtbar leiden ist eine Sünde wider den Geist, wie Anton Wildgans einmal formulierte. Wenn schon leiden, dann sollte man etwas daraus machen. „Kunst kommt niemals aus dem Paradiesischen“, notierte Erhart Kästner, „immer aus Not, immer“. Nur die Not macht erfinderisch. Die Betonung liegt auf „nur“.

Es wird nie wieder so sein wie zuvor? Das könnte man als gute Nachricht auffassen. 25.000 Menschen pro Tag stehen für genau jene hypertrophierte Ökonomie, die sich an Statistiken, Tempo und numerischem Wachstum berauscht hat. Wir ertragen dieses Tempo und diese Quantitäten schon lange nicht mehr. Aber wer hätte den Mumm gehabt, Dubrovnik einfach zuzusperren? Da brauchte es einen Virus, der wie der Chor in der griechischen Tragödie von außen das Geschehen wendet. Dubrovnik war überall. Jetzt ist die Zeit für „alternative Modelle“.

Autor/in:
Harald Koisser

schreibt philosophische Bücher und 
ist Herausgeber des Mutmacher-Magazins „wirks“. 
www.wirks.at, www.koisser.at

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