Direkt zum Inhalt

Nudging oder klare Verhaltensregeln?

08.04.2020

Prof. Erich Kirchler befasst sich seit vielen Jahren mit dem Thema Nudging. Bei dieser Methode wird das Verhalten von Menschen durch kleine Stupser gelenkt, ohne dabei auf Verbote und Gebote zurückzugreifen. Die Handlungsfreiheit bleibt bei Nudging also aufrecht. Aufgrund der Coronakrise erleben wir gerade eine sehr starke gesetzliche Verhaltensregulation. Ob sich die Einschränkungen auch ohne solche Restriktionen hätten durchsetzen lassen? Eine Analyse des Wirtschaftspsychologen der Universität Wien.

Nein, ich denke nicht! Es gibt Situationen, die klare Maßnahmen verlangen, die für alle gelten und das Verhalten aller regulieren. Im Falle einer Pandemie sieht das Grundgesetz aus diesem Grund eine teilweise Einschränkung unserer Grundrechte vor. Wenn zum Schutz der Gesundheit der Bevölkerung physische Distanz notwendig ist und der Aufenthalt im öffentlichen Raum möglichst sparsam sein muss, wenn Arbeit-von-Zuhause und Mund-Nasen-Masken im Geschäft zielführend erscheinen, dann sind konkrete Anweisungen durch gesetzliche Regelungen angebracht. Libertär-paternalistisches Vorgehen, also Nudging, würde dazu führen, dass sich einige nicht an die „Stupser“ halten.

Wir befinden uns in einem „sozialen Dilemma“. Das heißt, wir sind in einer Situation, in welcher der Einzelne einen Vorteil darin sieht, sich seine Freiheit zu nehmen, sich nicht nach den Regeln zu verhalten, also nicht zu kooperieren. Wenn der Großteil der Bevölkerung sich an die Empfehlungen hält, hat derjenige einen Vorteil, der nicht kooperiert. Wenn viele nach der Maxime egoistischer Nutzenmaximierung handeln, dann entsteht für alle ein Schaden. Nicht-kooperatives Verhalten Einzelner würde kooperativ handelnde Menschen demotivieren und schnell Nachahmer finden. Dabei würden jene, die egoistisch handeln, nicht nur sich selbst gefährden, sondern viele andere auch. Die enormen gesamtgesellschaftlichen Kosten würden in der Konsequenz nicht jene tragen, die sich auf ihr Grundrecht auf Freizügigkeit berufen, sondern die gesamte Gesellschaft. Deshalb sind klare Maßnahmen und die Kontrolle der Einhaltung notwendig.

Verstehen und Akzeptanz von Regeln

Auch wenn Nudging nicht die „Strategie der Stunde“ ist, bedeutet das nicht, dass psychologisch begründetes Vorgehen nicht sinnvoll ist. Eine sachlich konkrete Kommunikation des Wissensstandes und der Maßnahmen, die der jeweiligen Lage angemessen sind, hat oberste Priorität.

Die demokratische Staatsform wird zurzeit auf eine harte Probe gestellt, weil sie einerseits die Unverletzlichkeit der Grundrechte des Einzelnen wahren, andererseits aber das gesamtgesellschaftliche Wohl im Auge behalten muss.

Die Bedrohung vor einem nicht sichtbaren Feind, der von weit weg sukzessiv näher rückte und schließlich die ganze Welt erfasst hat und lähmt, löst Angst, Unsicherheit und das Gefühl von Kontrollverlust aus. Das führt dazu, dass Menschen ständig nach Informationen suchen, geradezu süchtig danach sind. Wir reden ständig über das bedrohende Unbekannte, um es endlich zu begreifen, also „greifbar“ zu machen. Wir sind bestrebt, eine „soziale Repräsentation“ des neuen Phänomens, des unsichtbaren Feindes auszubilden, uns ein Bild zu machen, um handlungsfähig zu werden, um planen und uns in Folge schützen zu können. Beispielsweise wird die Metapher des Krieges benutzt, in dem wir uns mit einem unsichtbarem Feind befinden.

Um die von der Regierung getroffenen Maßnahmen für richtig zu erachten und freiwillig zu befolgen, benötigen wir konkrete, fachliche Information, die professionell von glaubwürdigen Experten kommuniziert wird. Auch die klare Unterscheidung von gründlich überprüften und falschen Informationen ist wesentlich. Wir brauchen konkrete Hinweise, wo empirisch belegte Information verfügbar ist. Die klare Warnung vor fake-news ist notwendig. Auch Etappensiege, die durch die Maßnahmen gegen eine Ausbreitung des Virus erzielt werden, sind wichtig, weil sie Zuversicht geben. Vertrauen in die fachliche Kompetenz von Experten und in wissenschaftliche Institutionen, die die politischen Entscheidungsträger beraten, ist fundamental. Fundamental für die Akzeptanz und Einhaltung der angeordneten Maßnahmen ist auch, dass darauf vertraut werden kann, dass die politischen Entscheidungsträger das Wohlwollen der Bevölkerung zum obersten Ziel haben. Deshalb müssen die Maßnahmen klar kommuniziert werden, konkret der jeweiligen Situation angepasst sein und deren erhoffte und festgestellte Wirkung muss nachvollziehbar erscheinen.

Anpassung und soziales Lernen

Soziale Vergleiche und die Beobachtung, dass sich andere im öffentlichen Raum an die Vorschriften halten, also soziale Normen, sind richtungsweisend dafür, sich selbst auch an die rechtlichen Bedingungen zu halten. Soziale Vergleiche können auch bei der Bewältung der veränderten Anforderungen zu Hause hilfreich sein.

Arbeit-von-Zuhause bedeutet für viele eine gewaltige Umstellung und damit verbundene Herausforderungen, die die Arbeitswelt und das familiäre Leben betreffen. Ganze Berufsgruppen, die sich bisher an eine weitgehend direkte Arbeitssituation gewöhnt haben, müssen nicht nur ihre Arbeitsweise on-line „erfinden“, sondern mühen sich auch mit neuer Soft- und Hardware ab. Für viele Menschen ist es völlig ungewohnt, den ganzen Tag mit Partner und Kindern zusammen zu sein. Neben der berufsbezogenen Arbeit müssen sie ihre schulpflichtigen Kinder beim Lernen anleiten, sie spielerisch beschäftigen und nicht selten stellen sie fest, dass die vielen ungewohnten Anforderungen auch die Beziehung belasten.

Die Lage ist für jene, die ihre Arbeit verlieren und allein zu Hause bleiben müssen, nicht besser. Die Zeit zieht sich, Langeweile und soziale Isolation machen sich breit und ein Tag sieht wie der andere aus. Anweisungen zur Strukturierung der Zeit, zur Aufrechterhaltung gewohnter Rituale, zur Planung von Arbeitszeit zu Hause, Zeit für Sozialkontakte mit physischer Distanz und räumliche und zeitliche Nischen für sich selbst sind hilfreich. Hilfreich kann auch das Wissen darüber sein, dass andere Menschen ähnliche Herausforderungen zu bewältigen haben und deren Umgang damit zu kennen. In Gesprächen und über die Medien vermittelt zu sehen, wie andere ihren Alltag gestalten und über die Runden kommen, ermöglicht es, passende Bewältigungsstrategien auch auszuprobieren. Soziale Vergleiche helfen, sich der Veränderung anzupassen. Das Verhalten anderer in vergleichbaren Situationen bietet Lern- und Orientierungsmöglichkeit.

Kooperation und Gesellschaftsvertrag

Die gesundheitspolitischen Maßnahmen haben massive wirtschaftliche Kosten verursacht und Selbstständige und Unternehmen an den Rand des Ruins gedrängt mit noch nicht absehbaren Folgen. Während in manchen Branchen das Arbeitspensum enorm gestiegen ist, sind in anderen Branchen Massen von Menschen in Kurzarbeit geschickt oder arbeitslos geworden. Kooperation und Solidarität sind das Gebot der Stunde. Gesundheit und der Erhalt von Arbeitsplätzen wurden zu den obersten Zielen erkoren. „Koste es, was es wolle“, ist dabei die Devise und das tröstende Schlagwort für viele, die von der ökonomischen Lage bedroht sind.

Bisher wurde von den Vertretern des Turbokapitalismus grenzenloses Vertrauen in die Kraft des freien Marktes gesetzt und die Vorteile des harten Wettbewerbs wurden gepredigt und verteidigt. Das hat nicht nur die Ausbeutung von Staat und Menschen gefördert, sondern auch zu signifikanter Ungleichverteilung von Einkommen und Wohlhaben in vielen Ländern geführt. Die Steigerung von Profiten war die Messeinheit für Erfolg. In der aktuellen Situation bietet das Credo der Profitorientierung jedoch keine brauchbare Antwort auf die weltweite Krise. Wir waren zwar vor weltweiten Krisen gewarnt, haben auch den Ausbruch von COVID-19 in China aus sicherem Abstand tatenlos bestaunt, aber nicht davon abgelassen, auf Teufel komm raus weiter alles zu unternehmen, um Renditen zu steigern. „Corporate social responsibility“ ist seit einiger Zeit ein propagiertes Ziel; es diente aber weniger als Verhaltensmaxime denn als Instrument des Marketing.

Dass die Politik in einem Schulterschluss über die Parteien hinweg in der jetzigen Situation die Gesundheit vor den wirtschaftlichen Profit gestellt hat, zeugt von einem Bewusstsein für das Wohl aller und hat damit Vorbildcharakter. Verantwortung für das Allgemeinwohl, Solidarität und Kooperation sind deshalb auch zwischen den politischen Akteuren, den Unternehmern und den Arbeitenden geboten. Lange vor dem weltweiten Shutdown hätten wir von den Konzernen die freiwillige Einhaltung des solidarischen Gesellschaftsvertrages einklagen müssen, welcher gesamtgesellschaftliche Verantwortung übernimmt und nicht rücksichtlose Profitjagd propagiert.

Wer heute die angebotene staatliche Hilfe als Gelegenheit für Kündigungen nutzt, Arbeitende in Kurzarbeit schickt und gleichzeitig weiter vollen Arbeitseinsatz verlangt, wer trotz hoher Gewinne in der Vergangenheit die Mietzahlungen aussetzt oder die Geschäfte trotz Verbot weiter betreibt, weil er zu allererst an die Renditen seiner Aktionäre denkt, verhält sich nicht nur eigennützig und unsolidarisch, sondern muss auch mit sozialer Ächtung rechnen. Die Ankündigung eines international tätigen Sportartikelherstellters, die Miete für die Geschäftslokale auszusetzen, löste einen Shitstorm aus, der das Unternehmen schnell verstehen ließ, dass nicht alles, was erlaubt ist, auch gesellschaftlich akzeptiert wird. Vielleicht wird durch die Coronakrise der Gemeinwille, der eben nicht nur der Summe von Einzelinteressen entspricht, sondern auf das Wohl aller zielt, gestärkt und Solidarität und Kooperation nachhaltig zur Verhaltensregel erklärt.

Re-Nationalisierung als paradoxe Reaktion auf eine globale Herausforderung

Der Kooperation zwischen Politik, Wirtschaft und Bevölkerung im eigenen Land steht der Abschottung nach Außen konträr gegenüber. Menschen klassifizieren andere Personen anhand von verschiedenen Merkmalen und bilden soziale Kategorien oder Gruppen. Wir gehören verschiedenen Gruppen an, wie der Familie, der Kategorie der Berufstätigen, der Kategorie der Österreicher usw. und anderen Kategorien gehören wir nicht an. Die Zugehörigkeit zu Gruppen und Abgrenzung von anderen ist wichtig, weil wir dadurch unser soziales Selbstbild generieren, unseren Selbstwert und unsere soziale Identität. Wir versuchen zu einer positiven sozialen Identität zu gelangen, indem wir die Gruppe, der wir angehören, auf relevanten Merkmalsdimensionen aufwerten und dazu tendieren, fremde Gruppen abzuwerten oder zu diskriminieren.

Die Theorien der „sozialen Kategorisierung“ und „sozialen Identität“ bieten eine Erklärung für das scheinbare Paradoxon, im Land enger zusammenzurücken, Lösungen für unsere Probleme zu suchen und uns von anderen abzuschotten und Grenzen zu schließen.

Klimawandel und COVID-19 sind jedoch keine nationalen Krisen, sondern globale und sie drängen nach globalen, nach gemeinsamen Antworten. Tatsächlich hat die Angst vor der Bedrohung das Wir-Gefühl im Lande gestärkt, aber nicht die internationale Kooperation. Europäische oder internationale Bewältungsvorschläge lassen auf sich warten. Der Wettbewerb zwischen den Ländern verstärkt sich: Wer mehr bietet, schnappt dem anderen in Raubrittermanier bereits in Auslieferung befindliche Schutzkleidung weg oder konfisziert Lieferungen an den Nachbarn, um die dringend benötigte Ware im eigenen Land zu behalten. Die Tendenz, die eigene Nation aufzuwerten und anderen abzuwerten verstärkt sich.

Auch wenn die Theorie der sozialen Identität die Dynamik der Wir-Ihr-Differenzierung und Diskriminierungstendenzen noch so plausibel erklärt, darf die internationale Kooperation nicht zugunsten des Zusammenrückens auf nationaler Ebene und der Abgrenzung von anderen aufgegeben werden, weil die großen Probleme unserer Zeit globale Herausforderungen sind und nicht vor den Staatsgrenzen halt machen. UNO, EU und deren Mitgliedstaaten müssen jetzt zu Solidarität und Kooperation finden. Vorerst bleibt abzuwarten, ob es gelingt, gemeinsam zu agieren und einander zu unterstützen.

„Erklärungs- und Verklärungsfehler“ in der Rückschau

Was wird sein, wenn die Corona-Krise einmal bewältigt worden ist? Werden wir uns an die Ziele erinnern, die Gesundheit der Menschen über alles zu stellen und den Erhalt von Arbeitsplätzen zu sichern? Die Psychologie kennt das Phänomen des sogenannten Rückschaufehlers und weiß von den Schwächen und Tricks des Gedächtnisses.

Erfahrungen verblassen, Erinnerungen werden im Nachhinein konstruiert, wobei die Rekonstruktion der Vergangenheit den aktuell gegebenen Motiven unterliegt. Das kann zu erheblichen Verzerrungen des realen vergangenen Geschehens führen.

Zurzeit ist das Vertrauen in die Professionalität der amtierenden Politiker groß. Deren Ziele werden von der überwiegenden Mehrheit geteilt: Gesundheit und Erhalt der Arbeitsplätze vor wirtschaftlichen Interessen! Dafür strömen den regierenden Parteien Wähler zu - berichten Meinungsforscher. Aber wie werden sich unsere Einstellungen ändern, wenn einmal die Corona-Krise überstanden ist, aber die wirtschaftlichen Kosten zu tragen sind?

Im Rückblick werden wir – wenn wir noch einmal davongekommen sind – die Sparmaßnahmen als erdrückend wahrnehmen, das Fehlen von Arbeit beklagen und die erbrachten wirtschaftlichen Opfer als übertrieben bewerten. Der materielle Verlust wird schmerzhaft sein und der „Wiederaufbau“ wird länger dauern als unsere Geduld anhalten wird. Was uns heute als notwendige Maßnahmen zum Schutz der Menschen erscheint, wird dann nicht als Selbstverständlichkeit erinnert werden. Wir werden nach Schuldigen suchen, die uns in die prekäre ökonomische Lage gebracht haben und weniger an das vorrangige Ziel denken, unsere Gesundheit zu schützen. Vielleicht werden wir die Schuldigen unter den Politikern finden, deren Strategien wir heute mehrheitlich zustimmen.

Wenn die ökonomisch schwierige Lage lang andauern wird, werden wir nach schnellen Lösungen suchen und nicht die Geduld aufbringen, uns an sachlichen Überlegungen zu orientieren, die uns langsam wieder zurück in den Wohlstand führen. In dieser Zeit werden einige von uns empfänglich für die einfachen Antworten populistischer Heilsversprecher werden, die uns glauben machen, sie wüssten genau, wo das Problem liegt, wer der Feind sei, und sie würden sich unserer misslichen Lage annehmen und uns daraus herausführen. Diesen „Rattenfängern“ dürfen wir dann nicht nachlaufen. Deshalb ist es wichtig, dass wir in der Rückschau nicht den Fehler machen, die Gegenwart verzerrt zu erinnern. Die Erinnerung an die heutigen Sorgen und heutigen Ziele muss wach gehalten werden, damit wir uns von der Krise, den Folgekosten und den Anstrengungen sie zu bewältigen nicht in erbärmliche Nationalismen zurückwerfen lassen.

Werbung

Weiterführende Themen

Meinungen
05.06.2020

Widersprüche sind immanenter Teil unseres Daseins. Deshalb überrascht es im Sog der krisenhaften Widersprüchlichkeit kaum, dass die Covid-Welle angesichts der surrealen (WC-Papier-)Hamsterei nicht ...

Thema
04.06.2020

Dr. Ernst Gittenberger und Univ.Prof. Dr. Christoph Teller vom Institut für Handel, Absatz und Marketing der JKU Linz ziehen nach 7 veröffentlichten Artikeln zum „Einkaufsverhalten in Zeiten des ...

Meldungen
28.05.2020

respACT startet Initiative mit dem Global Compact Netzwerk Österreich. Unternehmen können die 5 Forderungen für eine nachhaltige Wirtschaft ab sofort ...

Interviews
26.05.2020

Corona hat gezeigt, wo unsere Schwachstellen liegen, sagt Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck. Jetzt heißt es, sich besser für Krisen rüsten und die Wettbewerbsfähigkeit erhöhen.

Stories
26.05.2020

Gerade mittelständische Unternehmen könnten die Umbrüche der Corona-Phase dazu nützen, um junge Arbeitskräfte anzuziehen und mit alten Mustern zu brechen. Worauf sie dabei achten müssen, erklärt ...

Werbung