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No Risk, no Fun?

12.09.2018

Wenn neue Kunden aus anderen Ländern bestellen , sollten Unternehmen nicht zu leichtgläubig liefern. Wo aktuell besonders häufig Zahlungsausfälle drohen und warum Afrika besser ist als sein Ruf.

Auto, Haushalt, Gesundheit und Pension zu versichern ist für Herrn und Frau Österreicher fast selbstverständlich. Umso verwunderlicher ist es, dass ein Großteil der heimischen Unternehmer ihre Waren gänzlich unversichert ins Ausland liefert. Vor zwei Jahren hat die Wirtschaftskammer Österreich die Anzahl der österreichischen Exporteure erhoben und rund 52.000 Betriebe verzeichnet. Dieser Anzahl stehen bundesweit gerade einmal 5.000 Kreditversicherungsverträge gegenüber. Die Rechnung ist simpel und ergibt, dass 91 Prozent der Exportbetriebe über die Grenze liefern, ohne gegen das Risiko eines Zahlungsausfalls versichert zu sein.

Brisant ist diese Zahl vor allem, da Österreichs Wirtschaft traditionell besonders stark exportgetrieben und damit darauf angewiesen ist, ihre Produkte weltweit zu vermarkten. Und diese Welt scheint unsicherer zu werden. Man denke etwa an den Handelsstreit zwischen den USA und China, an die Konflikte zwischen Russland und der EU, an den Zwist von Donald Trump mit dem Iran, die Sicherheitslage im Nahen Osten, den Brexit und die politische sowie wirtschaftliche Entwicklung in der Türkei. Ein Gesamtbild, das zwar für ein mulmiges Gefühl in der Magengegend sorgen darf, Unternehmen aber auch nicht gleich ins Bockshorn jagen sollte. Denn auf der anderen Seite steht die Tatsache, dass die Wirtschaft momentan auf Hochkonjunktur läuft und so vergleichsweise wenige Insolvenzen anfallen. Tun die Unternehmen also gut daran, eifrig ohne Absicherung zu exportieren?

Wer bei Norbert Kosbow, Prokurist der Kreditversicherung Acredia, nachfragt, wird wenig verwunderlich ein klares Nein hören. Zu viele Fälle kämen ihm laufend unter, in denen genau diese Vorgehensweise zur Insolvenz führen würde – ohne Absicherung wohlgemerkt.

DRUM PRÜFE, WER BELIEFERT WIRD

Dabei hängt es allerdings sehr davon ab, welchen Markt ein Unternehmen bedient. Und hier trügt der Schein, dass die Märkte instabiler geworden sind, leider nicht. Mit der Wirtschaftskrise 2008 ist nicht nur die Bankenwelt ins Trudeln geraten, auch diverse lokale Krisenherde sind entstanden. In den Entwicklungsländern und den BRICS-Staaten sind die Währungen vielfach unter Druck geraten. Der US-Dollar war stark, und die Rohstoffnachfrage ist zurückgegangen, was manche Länder schwer getroffen hat. Jetzt, wo die Krise endlich überstanden ist, kommen selbstgemachte Probleme aus der Politik hoch. Und so unerfreulich diese Tatsache auch sein mag – Tweets und vor allem Re striktionen und Handelshemmnisse von Trump haben in einer globalisierten Wirtschaft das Zeug, die Wirtschaft gehörig zu bremsen. Egal ob es um die Türkei, Ägypten oder den Nahen Osten geht: Unternehmer sind heute gut beraten, sich intensiver mit der Risikobewertung zu befassen, bevor sie neue Märkte angehen. Wer dies tut, braucht einen starken Partner, der sich mit den lokalen Risiken befasst hat, meint Norbert Kosbow und bricht damit eine Lanze für die Leistungen der Kreditversicherer. Denn die Bonität sei eine Sache, die volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen und die rechtliche Durchsetzung von Forderungen eine ganz andere. Man dürfe nicht vergessen, dass auch das Insolvenzrecht sehr unterschiedlich ausgeprägt sei.

RECHTZEITIG ABSICHERN

Das wirft die Frage auf, ob risikobehaftete Länder überhaupt versicherbar sind. „Ja, aber“, meint Kosbow. Natürlich müssten Kreditversicherer auch das politische Risiko abdecken sowie die mitunter enorm hohen Betreibungskosten im Schadensfall. Aber: Es gibt Länder, in denen es bereits sprichwörtlich brennt. Und auch eine Feuerversicherung wird kein brennendes Haus abdecken. Für Venezuela etwa, das fast bankrott ist, wird man aktuell von keiner Versicherung der Welt eine Deckung bekommen. Wer sich allerdings zeitgerecht um eine Versicherung gekümmert hat, wird auch loyal in schwierigen Märkten durch die Krise begleitet.

WO AUSFÄLLE DROHEN

Ein Blick auf die aktuellen Top Ten der Zahlungsverzüge zeigt übrigens, dass es nicht immer besonders exotische Destinationen sein müssen, bei denen ein erhöhtes Ausfallsrisiko droht. Denn auf die Vereinigten Arabischen Emirate, Chile, Algerien und Russland folgen schon Polen, Italien, Rumänien, Serbien und die Schweiz vor Argentinien.

„Wer recht zeitig den Markt erschließt, hat einen Startvorteil.“ Norbert Kosbow, Acredia

Neben diesen Spitzenreitern sind allerdings auch die Türkei sowie die Ukraine Dauerbrenner in Sachen Zahlungsverzug sowie im Bereich der politischen Instabilität, meint Norbert Kosbow. Wenn erst die Devisenausfuhr so eingeschränkt ist, dass Firmen nicht mehr ins Ausland überweisen können, ist Feuer am Dach. Der Experte gibt allerdings zu bedenken, dass es nicht immer politische Risiken sein müssen. Auch in grundsoliden Märkten kann ein namhafter Abnehmer in die Insolvenz rutschen.

Weniger solid, dafür umso aussichtsreicher ist aus Sicht Kosbows Afrika. Der Grund liegt nicht zuletzt darin, dass der Kontinent aus österreichischer Perspektive in nur sehr geringem Ausmaß bearbeitet wurde. Ein Blick in die Außenhandelsstatistik für das erste Quartal 2018 zeigt, dass der Anteil der heimischen Exporte nach Afrika lediglich ein Prozent beträgt. Im Vergleich: Die USA liegen bei sieben Prozent. Natürlich gibt es afrikanische Länder wie Ägypten, Algerien und Südafrika, zu denen traditionell gute Handelsbeziehungen bestehen, doch vielfach haben die instabilen rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen Exporteure abgehalten. Auch das Wirtschaftswachstum konnte im Vergleich zu asiatischen Entwicklungsländern nicht mithalten. Es fehle vielfach am Spirit, an der Unternehmerlandschaft und am Investitionskapital, meint Kosbow. Umso höher schätzt er jetzt aber das Potenzial für die kommenden Jahre ein. Und mit dieser Einschätzung ist er nicht allein.

WACHSTUMSCHANCEN IN AFRIKA

Interessanterweise sind es ausgerechnet jene Zahlen, die der Politik Sorge bereiten, die in der Wirtschaft positiv bewertet werden. Zum Beispiel dass Afrikas Bevölkerung wächst und dass schon heute 60 Prozent der Afrikaner jünger als 25 Jahre sind. Christoph Kannengießer, Hauptgeschäftsführer des Afrika- Vereins der deutschen Wirtschaft, rechnet etwa damit, dass Afrikas Anteil an der Weltwirtschaftsleistung in den kommenden 15 bis 20 Jahren von drei auf sechs Prozent steigen wird. „Das mag wenig klingen, doch in keiner anderen Region der Welt sind vergleichbare Wachstumsschübe zu erwarten.“ Zudem gebe es heute deutlich mehr gut ausgebildete Afrikaner als vor 15 Jahren und eine stetig wachsende Mittelschicht.

Für Dynamik dürfte dort nicht nur der wachsende Wunsch nach Konsum westlichen Vorbilds breiter werdender Bevölkerungsschichten sorgen, sondern auch die enormen Investitionen, die von China etwa in Mosambik und Angola getätigt werden. Ein Engagement, das natürlich dem Reich der Mitte zugutekommen soll, aber auf alle Fälle für eine wirtschaftliche Dynamik sorgen wird. Dabei gilt: Wer rechtzeitig den Markt erschließt, hat einen Startvorteil. Infrastruktur, Energiewirtschaft, Finanzwesen – der Aufholbedarf ist enorm.

Die Empfehlung des Experten? Unternehmer sollten sich die afrikanischen Länder näher ansehen und Optionen prüfen. Liegen doch die Schadensquoten auch nicht höher als in Südamerika oder Südostasien. „Allerdings nur mit anständiger Deckung“, fügt Kosbow zwinkernd an.

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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