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Neugieriger Traditionsbetrieb

08.04.2014

Als Händler von Glaswaren genießt Lobmeyr einen Ruf von Welt. Das über die Generationen tradierte Erfolgsgeheimnis: Mut zur Offenheit.

Fast unscheinbar wirkt das Geschäft in der Wiener Kärntner Straße von außen. Seit 1823 firmiert der Glasspezialist Lobmeyr in der Hauptstadt. Welchen weltweiten Eindruck das Wirken des heute in sechster Generation geführten Familienbetriebs hinterließ, merkt man erst, wenn man das zweite Obergeschoß betritt. Dort eröffnet sich ein Museum mit Stilklassikern aus 190 Jahren Familiengeschichte. Reduziert bis detailverliebt gibt sich das Sortiment: mit den Klassikern – Gläsern, entworfen von Josef Hoffmann, Oswald Haerdtl oder Adolf Loos – bis hin zu den zeitgenössischen Produkten wie dem Trinkbecher „Liquid Skin" von LucyD, welchen die Besucher auch im New Yorker Museum of Modern Art bewundern können. „Lobmeyr findet man in jedem bedeutenden Museum für angewandte Kunst", sagt Leonid Rath stolz. Er führt gemeinsam mit zwei Cousins seit 14 Jahren die Geschicke des Wiener Glasmeisters, in dessen Werkstätten nicht nur traditionelle Handwerks-techniken über Dekaden hinweg tradiert wurden, sondern auch bahnbrechend Neues entstand, wie etwa der erste elektrische Luster der Welt, welchen man in Kooperation mit Thomas Edison für die Wiener Hofburg herstellte.

Freiheiten geben
„Offen und neugierig zu sein war immer das Erfolgsgeheimnis der Lobmeyrs", sagt Rath. Das habe sich stark in der Auseinandersetzung mit den Designkünstlern gezeigt. Ein Streit seines Ururgroßonkels Ludwig Lobmeyr mit Adolf Loos über die Zylinderform des heute legendären Trinkservice No. 248 ist dokumentiert, aber nur ein Beispiel, wie Rath erklärt. Es war letztlich gut, dass man die Künstler schließlich gewähren ließ, sie fast alle Freiheiten hatten, meint Rath. Vieles ging gut: Daraus entstanden die heute zu bestaunenden Klassiker. Manches ging schief, und das gibt den Nachfolgern Mut. „Glücklicherweise sind auch unsere Vorgänger mit manchen Entscheidungen richtig danebengelegen", sagt Rath, „sonst würden wir uns vor Ehrfurcht ja auch gar nichts selbst zutrauen."

Ungewisse Investments
Und genau das Wagnis sei letztlich das Geheimnis gewesen, dass Lobmeyr noch heute an bester Adresse firmiert, während andere Traditionsunternehmen aufgrund der fortschreitenden industriellen Fertigung zusperren mussten. Das Erfolgsgeheimnis? „Nicht jedes Investment rechnet sich auf den ersten Blick. Aber diese Investitionen trotzdem zu tätigen ist der Vorteil eines Familienunternehmens." Ludwig Lobmeyr blieb vor hundert Jahren großteils auf seiner Kollektion für die Kölner Werkbundausstellung sitzen. Heute sind das genau die Produkte, die man zu den Klassikern zählt und deren Verkauf rund die Hälfte des Geschäfts ausmacht. Mit der anderen Hälfte will man selbst ein Erbe für die Nachfolgegenerationen schaffen. In einigen Wochen wird man seine neuen Arbeiten in Mailand zeigen. „Ich kann nicht erklären, wieso wir das machen und wann sich das genau rechnet", sagt Rath. „Vielleicht erntet erst die nächste Generation die Früchte", sagt er, während er einen zufriedenen Blick auf die eigene Kollektion wirft. Aber das würde ja auch ganz gut zur Firmentradition passen.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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