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Neues Recht in der Lehrlingsausbildung

31.05.2006

Die BAG-Novellen von 2003 und 2006 sollen neben einigen Verwaltungsvereinfachungen vor allem die Lehrlingsausbildung modernisieren. Mit der Modularisierung soll Struktur in das unübersichtliche Gewirr der derzeit an die 270 Lehrberufe gebracht werden. Mit der integrativen Berufsausbildung wurde ein flexibles Modell für benachteiligte Jugendliche geschaffen, welches mittlerweile im Ausland, vor allem in Deutschland, auf Interesse stößt. Von Alfred Freundlinger*

Mit der BAG-Novelle 2006 wurde die rechtliche Grundlage für eine Modularisierung der Lehrlingsausbildung geschaffen. Ziel ist die Erhöhung der Attraktivität der Lehrlingsausbildung vor allem durch Qualitätssteigerung und Spezialisierung. Indem möglichst viele Lehrberufe modular gefasst werden, soll die Zahl der Basisberufe stark reduziert werden. Mit einem besser überschaubaren Angebot kann auch die berufsinformation verbessert werden, das Ausbildungssystem soll insgesamt auch durchlässiger werden und die Mobilität junger Leute fördern. Die ersten Modulberufe werden voraussichtlich 2007 eingeführt.
Ein modularer Lehrberuf besteht aus:
1. einem Grundmodul
2. einem oder mehreren Hauptmodulen
3. einem oder mehreren Spezialmodulen
Ein Lehrvertrag wird mindestens über ein Grundmodul und ein Hauptmodul abgeschlossen. Bis zu einer Gesamtdauer von vier Jahren können freiwillig, wenn beide Vertragspartner einverstanden sind, ein zusätzliches Hauptmodul oder ein bis zwei Spezialmodule hinzukommen. Im Regelfall wird der Lehrvertrag gleich zu Beginn über die gesamte Dauer abgeschlossen. Es ist aber auch möglich, ihn während der Lehrzeit einvernehmlich zu ändern und im Rahmen des Modulberufes längere oder kürzere Varianten zu vereinbaren.
Das Grundmodul erstreckt sich im Regelfall über eine Ausbildungsdauer von zwei Jahren. Eine kürzere Dauer (mindestens aber ein Jahr) ist in begründeten Ausnahmefällen möglich. Das Grundmodul enthält Fertigkeiten und Kenntnisse, die den grundlegenden Tätigkeiten eines oder mehrerer Lehrberufe entsprechen. In den meisten Fällen bedeutet dies, dass mehrere verwandte Lehrberufe mit gleichlautenden Ausbildungsinhalten zusammengefasst werden. Hauptmodule dauern mindestens ein Jahr. Insgesamt muss die Dauer von Grund- und einem Hauptmodul mindestens drei Jahre ergeben.

Wahl-Menü für die Lehre
Modulberufe, in welchen mehr als ein Hauptmodul angeboten wird, sind im gemeinsamen Grundmodul breiter als die bisherigen Einzellehrberufe angelegt. Hauptmodule enthalten jene Fertigkeiten und Kenntnisse, die den dem Lehrberuf eigentümlichen Tätigkeiten und Arbeiten entsprechen. Gemeint ist hier eine fachliche Spezialisierung wie bei Einzellehrberufen. Dem Ausbildungsbetrieb steht es wie bisher schon frei, mit den Ausbildungsinhalten des Hauptmoduls bereits früher, also in den ersten beiden Lehrjahren, zu beginnen.
Die Dauer eines Spezialmoduls beträgt ein halbes oder ein Jahr. Spezialmodule enthalten vertiefende und/oder ergänzende Kenntnisse und Fertigkeiten, die zu einer weitergehenden Spezialisierung im Rahmen der beruflichen Erstausbildung führen. Sofern bereits im Zeitpunkt des Abschlusses des Lehrvertrags die Ausbildung in einem Spezialmodul vereinbart wurde, dürfen die Inhalte des Spezialmoduls freiwillig bereits früher ausgebildet werden.

Integrative Berufsausbildung
Die "integrativen Berufsausbildung" löste 2003 die Vorlehre ab. Im neu geregelten § 8b wurde die gesetzliche Grundlage für eine integrative Berufsausbildung für benachteiligte Personen geschaffen.Vorgesehen sind zwei Möglichkeiten der Ausbildung vorgesehen. Die erste sieht einen Lehrvertrag über die gesamten Ausbildungsinhalte eines Lehrberufes mit einer verlängerbaren Lehrzeit vor. Die Verlängerung kann gleich zu Beginn oder im Laufe des Lehrverhältnisses vereinbart werden. Diese Ausbildungsform ist für Jugendliche gedacht, von denen angenommen werden kann, dass sie die Lehrabschlussprüfung mit einer längeren Lehrzeit erreichen können. Die zweite Möglichkeit umfasst eine Ausbildung in Teilqualifikationen des Lehrberufs. Allenfalls können Inhalte anderer Lehrberufe ergänzt werden. Vermittelt werden müssen Tätigkeiten, die im Wirtschaftsleben den Gegenstand eines Berufes bilden, also unmittelbar verwertbar sind. Das gilt auch für die Teilqualifizierungen.
Die Zielgruppe wird klar definiert. Damit soll vermieden werden, dass Jugendliche, die für eine reguläre Lehrlingsausbildung geeignet sind, in eine Ausbildung gemäß integrativer Berufsausbildung vermittelt werden. Grundsätzlich wird für alle Bewerber zunächst der Versuch einer Vermittlung in ein reguläres Lehrverhältnis unternommen. Nur Personen, die das AMS nicht in eine Lehrstelle vermitteln konnte, und auf die eine der folgenden Voraussetzungen zutreffen, kommen für eine integrative Berufsausbildung in Frage:
1. sonderpädagogischer Förderbedarf am Ende der Pflichtschule,
2. kein positiver Hauptschulabschluss,
3. Behinderungen im Sinne des Behinderteneinstellungsgesetzes
oder
4. erfolglose Lehrplatzsuche aus sonstigen in der Qualifikation des Jugendlichen liegenden Gründen.
Die Jugendlichen werden von Berufsausbildungsassistenten begleitet - diese wirken bei der Festlegung der Ausbildungsziele und bei der Abschlussprüfung mit und beraten bei einem Ausbildungswechsel.
Im Bedarfsfall können auch pädagogische Begleitmaßnahmen bzw. die Form der Einbindung in den Berufsschulunterricht individuell festgelegt werden. Absolventen einer verlängerbaren Lehrausbildung können zur regulären Lehrabschlussprüfung antreten. Für Absolventen einer Teilqualifizierung wurde eine eigene Abschlussprüfung vorgesehen, die im Lehrbetrieb oder einer anderen geeigneten Einrichtung durchgeführt werden kann. Sie soll feststellen, wie weit die vereinbarten Ausbildungsziele erreicht wurden (etwa durch eine Arbeitsprobe). Die Erreichung der Ausbildungsziele beziehungsweise ob wesentliche Teil des Lehrberufs erlernt wurden, wird in einem Zeugnis bestätigt. Die Lehrlingsstelle beurteilt, welche Teile eines Lehrberufes als wesentlich gelten.

Wechsel zwischen Lehr-Modellen
Auch ein Wechsel zwischen der regulären Lehrlingsausbildung und den beiden Varianten der integrativen Berufsausbildung ist im Einvernehmen zwischen Auszubildenden und Ausbildungsbetrieb möglich. Hat ein Jugendlicher das vereinbarte Ausbildungsziel einer Teilqualifizierung erreicht und die erste Klasse der Berufsschule positiv abgeschlossen, ist bei einem anschließenden Lehrvertrag im entsprechenden Lehrberuf mindestens ein Jahr anzurechnen. Mit dieser Bestimmung wird die Durchlässigkeit von der integrativen Berufsausbildung in eine allfällig anschließende Lehrausbildung sichergestellt.
Auszubildende in der integrativen Berufsausbildung sind sozialversicherungsrechtlich und steuerrechtlich Lehrlingen gleichgestellt. Die Ausbildungsbetriebe können also die Lehrlingsausbildungsprämie geltend machen. Lehrlinge in verlängerbaren Lehrverhältnissen sind zum Besuch der Berufsschule verpflichtet. Für Auszubildende in Teilqualifizierungen besteht grundsätzlich auch Berufsschlupflicht, im Rahmen der Festlegung der Ausbildungsziele besteht aber auch die Möglichkeit einer Einschränkung auf das Recht zum Besuch der Berufsschule.

Verlängerte Ausbildung möglich
Seit 2003 darf die Dauer der Ausbildung um bis zu 18 Monate verlängert werden, wenn neben der Lehre gleichzeitg eine andere Ausbildung absolviert wird, wie z. B. im Sport,. Die Ausbildung kann dann modulartig, etwa zum Zweck eines konzentrierten Trainings, unterbrochen werden.
Auch berufliche Auslandserfahrung der Lehrlinge wird nun rechtlich unterstützt - gedacht ist vor allem an Auslandspraktika, die Teilnahme an EU-Mobilitätsprogrammen und an Austauschprogrammen von internationalen Konzernen. Rechtlich wird das Lehrverhältnis für die Zeit der Teilnahme an einer Ausbildung im Ausland unterbrochen, wobei die Ausbildungszeiten im Ausland im Ausmaß von bis zu vier Monaten pro Lehrjahr auf die Lehrzeit angerechnet werden. Während der Auslandsausbildung gelten die Teilnehmer hinsichtlich Sozialversicherung, Arbeitslosenversicherung, Lehrlingsausbildungsprämie und Familienlastenausgleichsgesetz als Lehrlinge.
Die Bewertungsskala der Lehrabschlussprüfung wurde um die Stufe "mit gutem Erfolg bestanden" erweitert. Dadurch sollen über den Durchschnitt hinausgehende Leistungen honoriert werden. Die Bestimmungen zur genauen Terminisierung der Wiederholungsfristen bei Lehrabschlussprüfungen wurden getrichen. Die in den meisten Fällen bereits volljährigen Prüfungskandidaten können nun selbst entscheiden, wann sie neuerlich zur Prüfung antreten wollen.
(6/06)

* Alfred Freundlinger ist Referent für Lehrlingsausbildung in der Abteilung für Bildungspolitik der WKO.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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