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Neue Ideen gesucht

10.07.2018

Das Thinkport Vienna auf dem Areal des ­Wiener Hafens entwickelt Konzepte für ­urbane Logistik von morgen – und sorgt dafür, dass der Öffentlichkeit klar wird, wie wichtig das ist. 

Text: Peter Martens

Martin Posset hat eine klare Botschaft: „Alles ist Logistik.“ Logis­tische Prozesse gebe es praktisch überall – und es gebe viel mehr von ihnen, als einem bewusst sei. „Es gibt keine Baustelle, keinen Supermarkt, aber auch kein Büro ohne eine umfassende Logistik dahinter“, sagt Posset und verweist auf die Anzahl der Brotsorten, die heute in einer österreichischen Großstadt jeden Abend kurz vor Ladenschluss noch frisch auf einen Käufer warten. Dahinter steht eine enorme Menge Arbeit und ein ganzes Netz an Strukturen, die für den Endverbraucher zum größten Teil unsichtbar bleiben – eben weil logis­tische Prozesse hierzulande sehr gut eingespielt sind.  Diese Strukturen sichtbar zu machen – das gehört zu den zentralen Aufgaben des Thinkport Vienna, das von Martin Posset und Peter Rojko geleitet wird. Dabei handelt es sich um eine im Vorjahr gestartete Initiative, die sich als „das erste Wiener Innovationslabor für urbane Güterlogistik“ versteht. Eine Denkfabrik im Kleinformat also, die vom Hafen Wien und der Universität für Bodenkultur gemeinsam getragen wird. Hafen und Boku stellen auch die insgesamt fünf Mitarbeiter. Zusätzliche Förderungen fließen vom Verkehrsministerium. Die Initiative ist nichtkommerziell ausgerichtet, soll aber für die Stadt, die Wirtschaft, die Wissenschaft und nicht zuletzt für Stadtbewohner neue Techniken und Abläufe präsentieren – und auch die einzelnen Akteure untereinander vernetzen. „Wir sind eine offene Plattform für alle Themen rund um den Transport von Gütern in der Stadt“, erklärt Posset. „Die übergeordnete Aufgabe ist es, Innovationen zu entwickeln, zu testen und umzusetzen.“ Aber eben nicht nur – sondern in der Öffentlichkeit auch ein Bewußtsein für die oft verborgene, weit verzweigte Arbeit der Logistiker zu schaffen.  Ein anschauliches Beispiel dafür liefert die Verschiebung der Umsätze vom stationären Handel zum Internethandel. Für den Verbraucher vor dem Bildschirm ist es einfach nur ein Klick. Kaum jemand denkt in dieser Sekunde daran, dass dahinter oftmals eine Produktion in Asien, der Transport über den Ozean und die Verteilung über Warenlager quer durch Europa stehen. Aus der Perspektive einer Stadt sind andere Prozesse noch relevanter, weil sie das Geschehen vor Ort massiv beeinflussen. Zum Beispiel geht der Umsatz der angestammten Geschäfte zurück, damit sinkt die Zahl ihrer Mitarbeiter. Gleichzeitig werden die Lieferungen im Einzelhandel immer kleinteiliger und die Lieferfrequenz steigt extrem. Es finde eine „Atomisierung des Transports“ statt, wie Posset es formuliert. Die Folge sind Straßen voller weißer Kastenwagen und Staus bis in die inneren Bezirke – und jede Menge Abgase. Mit einer Zahl kann man diesen Trend mitsamt seinen Auswirkungen veranschaulichen: In Österreich wurden allein im Vorjahr knapp 210 Millionen Pakete zugestellt. In Deutschland nähert sich diese Zahl der Drei-Milliarden-Marke.  Neue Verteilplattformen schaffen Wer bei der Verbesserung der Paketlogistik ansetzen wolle, könne es über mehrere Parameter tun, so Posset. Etwa beim Antrieb der Lieferfahrzeuge, ob mit Wasserstoff oder Strom, wobei dann die Frage relevant wird, woher dieser Strom kommt. Oder bei der Art der Verteilung: In die Wohnung, an eine Gemeinschaft von Wohnungen, an eine Abholstation oder an die U-Bahn.  Entsprechend setzt hier die Entwicklungsarbeit des Thinkport an. Derzeit prüft die Mannschaft zum Beispiel die Möglichkeit eines „Güterhofs“ vor den Toren der Stadt, einer „Hafenbrücke“ am Hafen oder einer zentralen Verladestelle in den inneren Bezirken, um den Transport rund um die letzte Meile zu bündeln und die Anzahl der Fahrten insgesamt zu senken. Auch die großen, im Zentrum der Stadt gelegenen Parkhäuser könnten in Zukunft zum Teil als Verteilplattformen dienen. Gleichzeitig könnten es digitale Systeme ermöglichen, dass eine nicht rund um die Uhr genutzte Busstation oder ein Parkplatz zum Teil als Entladezone dienen könnten.  Auf der Seite der Empfänger erwähnt Thinkport-Chef Posset die Möglichkeit eines künftigen „Paketraums“, der die Lieferung eines Pakets und dessen Annahme zeitlich entkoppelt und damit weitere Fahrten überflüssig macht. Solche Paketräume könnten in Zukunft bereits vor der Errichtung eines Wohnhauses genau so selbstverständlich eingeplant werden, wie das heute mit Müllräumen oder Fahrradräumen in Neubauten der Fall ist. In Kombination mit neuen, digi­talen Nachweisen seiner Identität beim Empfang einer Sendung sind auch neue Abholboxen an Parkhäusern oder  U-Bahn-Stationen möglich.  Radikale Innovation Nicht alle Ideen scheinen realistisch – vielleicht gehört sich das so für eine kleine Forschungseinheit, die „radikal innovativ“ sein will. So mutet der Vorschlag eines „Handwerkertaxis“, das Arbeiter unterschiedlichster Gewerke mit Werkzeugen versorgt und gleichzeitig Bauarbeiter zwischen verschiedenen Baustellen transportiert, als weltfremd an. Auch kann das Thinkport Vienna, gegründet im April des Vorjahres und operativ tätig seit Oktober, im heurigen Juni noch keine gemeinsamen Projekte mit Logistikunternehmen nennen. Martin Posset betont jedoch, dass es aktuell sehr wohl fünf konkrete Projekte gebe, diese aus Rücksicht auf die externen Partner nicht genannt werden könnten. Er verweist auch auf den Branchentreff ­„Forum Green Logistics“, den das Thinkport gemeinsam mit der Wiener Spedition Unitcargo veranstalte.  Neben der Kommunikation von Ideen in die Branche wie in die Öffentlichkeit sowie der Entwicklung von Technologien gehören auch Tests neuer Verfahren zu den Aufgaben des Thinkport. Der Sitz der Denkfabrik ist dabei eine Botschaft an sich: das Areal des Wiener Hafens, also mitten in einer der größten Logistikdrehscheiben Österreichs. Dieser Firmensitz ist kein Zufall. Am Wiener Hafen kreuzen sich die Verkehrswege Wasser, Schiene und Straße. Über hundert Logistiker haben sich hier angesiedelt und beschäftigen derzeit etwa 5000 Menschen. Das Containerterminal, das größte der Republik, wickelte allein im Vorjahr rund 405.000 Containerumschläge ab. Auf dem weitverzweigten Gelände passiert jeden Tag richtig viel – und zwar nicht nur, wenn wieder Szenen für die „Soko Donau“ gedreht werden, sondern im trimodalen Verkehr.  Der Hafen Wien ist wie ein riesiges Schaufenster in alle Prozesse der Logistikbranche – und für den Thinkport eine hervorragende „experimentelle Testumgebung“ direkt vor der Tür. So kann die Mannschaft der Logistikforscher in der Luft über der Donau Drohnen kreisen lassen, während die vielen Einrichtungen des Hafens die Möglichkeit bieten, „bestehende, moderne Umschlagsgeräte zu testen“ oder Versuche in Blocklagern, Palettenlagern oder Gefahrgutlagern durchzuführen. Damit hinter vielen kleinen Schritten allmählich das Fernziel näher kommt: Die Abläufe in der Logis­tik sowohl für Betriebe als auch für Bewohner der Stadt zu verbessern – und die Emissionen zu senken.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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