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Netze statt Ketten

31.08.2020

Die Pandemie hat deutlich gezeigt, wie fragil manche Lieferketten aufgestellt sind. Aus Sicht von Michael Otter, Leiter der Außenwirtschaft Austria, ein guter Grund, um auf Wertschöpfungsnetze zu setzen. Was die Exportwirtschaft insgesamt braucht, um die kommenden Monate überstehen zu können, und wo es Unterstützungsleistungen gibt, erklärt er im Interview.

"Reshoring wird ­planwirtschaftlich sicher nicht ­funktionieren", meint Michael Otter, Leiter der Aussenwirtschaft Austria.

Die Corona-Pandemie dauert mittlerweile ein halbes Jahr. Wie geht es aktuell der heimischen Exportwirtschaft?

2019 war mit 154 Mrd. Euro an österreichischen Warenexporten ein Rekordjahr, die Landung in der Corona-Realität war umso härter. Gerade für unsere international eng verflochtene Wirtschaft ist das eine ziemliche Herausforderung. Natürlich haben viele Unternehmen besonders mit der gesunkenen Nachfrage zu kämpfen, aber Rückmeldungen unserer Exportfirmen und aktuelle internationale Wirtschaftsindikatoren geben Anlass zur Hoffnung. Da niemand genau absehen kann, wie sich die Situation weiterentwickeln wird, sind das Vertrauen und die Investitionsbereitschaft sehr gering. Sehr deutlich wird das auch anhand der aktuellen Zahlen. Die Konsumenten kaufen weniger Autos, sie fliegen weniger auf Urlaub, und sie schieben allgemein größere Investitionen lieber auf. Das schlägt sich natürlich auch auf den B2B-Bereich durch.

Gibt es auch Lichtblicke?

Die letzten Exportzahlen geben Hoffnung. Die OeNB hat das prognostizierte Minus beim BIP von –7,2 % auf minus sechs reduziert. Im Mai gab es bei den Exporten noch ein Minus von 25 %, im Juli hat sich das Minus auf 7 % reduziert. Auch viele Einkaufsmanagerindizes in ganz Europa sind aktuell wieder über der Wachstumsschwelle. Positives kommt aus der für uns wegen enger Zulieferverflechtungen so wichtigen deutschen Industrie: Sie verzeichnete im Juli einen Anstieg der Auftragseingänge um 27,9 %. Diese positiven Tendenzen sind sicher auch auf die Erfolge beim Zurückdrängen des Virus zurückzuführen. Es sind also positive Signale erkennbar. Nun lautet die große Frage, wie es weitergeht; Ob der Tanz zwischen Öffnung und Achtsamkeit gelingt und die Konsumenten wieder Vertrauen schöpfen. Wenn das klappt, können wir die Phase durchstehen. Eine wesentliche Rolle für die Stabilisierung werden auch weitere öffentliche Investitionen spielen. 

Welche Branchen leiden besonders, welche weniger?

Über alle Bereiche hinweg verzeichnen wir in den ersten fünf Monaten 2020 einen Rückgang bei den Warenexporten von 12,9 %. Besonders schwer hat es manche Kernbereiche Österreichs getroffen. Etwa die Maschinen- und Fahrzeugproduktion, die ein Minus von 23 % im Export verzeichnet. Auch bearbeitete Waren und Rohstoffe haben ein Minus von 15 % hinnehmen müssen. Positiv hat sich dagegen der Bereich der Nahrungsmittel und Getränke entwickelt und auch die chemische Industrie. Manche Branchen konnten sich also bislang gut halten. Aber Fakt ist: Im klassischen Exportgeschäft braucht man neue Aufträge. 

Trauen Sie sich eine Prognose zu, was das restliche Jahr bringen wird?

Wir glauben daran, dass sich der positive Trend fortsetzt. Die Devise lautet jetzt, auf Sicht fahren, denn aktuell weiß niemand wirklich, was um die Ecke kommt. Ich würde allerdings meinen, dass es in die richtige Richtung geht. Nur kann sich das leider sehr schnell wieder ändern. Wenn im September und Oktober die Nachfrage wieder einbricht, sind alle positiven Entwicklungen dahin. Das ist aus Sicht des einzelnen Unternehmens so, das gilt aber auch global. Darum müssen wir versuchen, Nachfrage zu schaffen, um das finanzielle Risiko abzufedern.

Wie kann das gelingen?

Nachfrage schaffen wir konkret durch recht hemdsärmelige Arbeit mit den Firmen. Alle unsere Büros sind weltweit besetzt, und die Mitarbeiter vor Ort vernetzen lokale Betriebe mit potenziellen Lieferanten aus Österreich. Wir arbeiten aktuell natürlich vermehrt mit digitalen Formaten, anstatt mit Wirtschaftsmissionen. Virtuelle Treffen sind gut, um die Kundenbindung aufrechtzuerhalten, sie sind aber kein vollwertiger Ersatz für persönliche Treffen mit Neukunden. Da wir vor Ort sind und Neukunden persönlich vorselektieren und dann die Unternehmen vorstellen können, klappt es aber durchaus gut. Im Herbst planen wir auch wieder Wirtschaftsmissionen und Messepräsenzen in der Nachbarschaft. Wir möchten möglichst früh wieder draußen sein – wenn es die Lage zulässt.

Sie vernetzen nicht nur Unternehmen, Sie sorgen auch für Wissenstransfer und präsentieren heimischen Betrieben spannende Innovationen aus aller Welt. Wie gut hat sich dieser Ansatz etabliert?

Dass wir nicht nur den Export unterstützen wollen, sondern auch neue Ideen vermitteln, kommt sehr gut an. Denn wir müssen von den weltbesten Betrieben lernen und uns austauschen. Die Zukunftsreisen haben wir nun auch durch digitale Workshops und interaktive Formate ersetzt. Wenn wir das Format nicht schon vor Jahren erfunden hätten, müssten wir es heute tun. 

Welche Regionen entwickeln sich denn besonders dynamisch?

An erster Stelle ist Südostasien zu nennen. Die Region entwickelt immer mehr Produktionspower, es gibt dort tolle Start-ups und Geschäftsideen. Die Nähe zu etablierten Ländern wie Japan, Südkorea und Singapur, aber auch zu China beschleunigt die Entwicklung. Sehr spannend ist aber auch der Südkaukasus, wo wir gerade einen Stützpunkt planen. Natürlich ist auch weiterhin die Dynamik in Afrika sehr hoch – vor allem im Osten und Westen. Da bringen wir uns schon jetzt in Stellung, weil es schnell gehen kann, wenn sich erst der Nebel lichtet.

Welche Unterstützungsleistungen können Exporteure gerade anzapfen?

Wir helfen natürlich bei Problemen aller Art vor Ort. Finanzielle Förderungen bietet das Exportförderprogramm „go-international“ der WKÖ gemeinsam mit dem BMDW. Dabei handelt es sich um Direktschecks. Mit dem Betriebsmittelfinanzierungsfonds der OeKB stehen darüber hinaus drei Milliarden bereit.

Die Krise hat Abhängigkeiten deutlich gemacht, weswegen die Politik laut über Lieferketten und die Rückverlagerung von Produktion nach Europa nachzudenken begonnen hat. Ein sinnvoller Ansatz?

Reshoring wird planwirtschaftlich sicher nicht funktionieren. Aber ich bin dafür, dass man die Produktion gewisser Schlüsselsektoren wie etwa Pharmazeutika in Europa hält. Ein Bild, das mir besser gefällt, zeichnet sich bei den Wertschöpfungsketten ab. Ketten haben ja viele Glieder, und wenn eines ausfällt, ist sie unterbrochen. Darum brauchen wir Wertschöpfungsnetze. Wenn ein Knotenpunkt in einem Netz zerreißt, kann man ausweichen. Staaten und Unternehmen sollten jetzt also vom Singlesourcing zum Multiplesourcing übergehen.

Passiert das bereits?

Das Bewusstsein ist sicher da. Allerdings muss man immer genau prüfen, ob es sich wirklich auszahlt. Risikostreuung ist aufgrund der Erfahrungen in der Krise für viele Betriebe ein großes Thema. Sie kostet aber mehr, und oft ist sie gar nicht möglich. 

Wieso?

Manche Hidden Champions haben zum Beispiel sehr spezielle Anforderungen und finden überhaupt keinen zweiten Lieferanten, der in der benötigten Qualität liefern kann. Insgesamt wird die Beschaffung digitaler, auch dieser Umstand spricht für Netze. Denn unser System wird komplexer. Deswegen brauchen wir noch mehr Handelsabkommen. Wenn das gelingt, erhalten wir in neuen Netzwerken die Chance, unsere Stärken auszuspielen. Wenn wir uns auf unsere Stärken fokussieren, dann können wir ein innovatives Kompetenzzentrum werden.

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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