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More of talents statt War of talents

14.04.2019

Welser Profile zählt zu den Leitbetrieben des Mostviertels. Kein Wunder. Denkt doch CEO Thomas Welser weit über sein Unternehmen hinaus: Geht’s der Region gut, geht’s uns allen gut.

Die Bezeichnung KMU passt schon lange nicht mehr. Thomas Welsers Firmengruppe, die Welser Profile, erwirtschafteten zuletzt mit 2.500 Mitarbeitern 650 Millionen Umsatz in Werken in Österreich, Deutschland und den USA. KMU können sich dennoch von seiner Philosophie einiges abschauen. Zum einen, weil Welser einen Familienbetrieb führt, in beachtlicher elfter Generation. Ungeachtet der Größe: Lebt eine Familie für ihre Firma, herrscht dort ein besonderer Geist. Zum anderen denkt Welser für und mit der Region, in der er verankert ist, hier dem Mostviertel südlich von Amstetten. Damit bringt er diesen besonderen Geist auch in die Region ein.

Doch der Reihe nach. Der Stammsitz des Hauses Welser in Ybbsitz gehört der Familie seit 1664. Aus der ursprünglichen Pfannenschmiede entwickelte sich Welser zu einem führenden Profilier- und Stanzbetrieb – Innovation war schon immer ein Thema. 1947 kam mit Waltraud Welser eine Ausnahmepersönlichkeit ins Spiel. Sie bewies, dass Frauen auch in technischen Branchen das Zeug zur Entrepreneurin haben. Gemeinsam mit ihrem Mann führte sie 1960 ein neues Produktionsverfahren ein, das sogenannte „Rollprofilieren“. Knapp sechzig Jahre später ist Welser weltweiter Marktführer bei offenen Sonderprofilen, geschweißten Sonderprofilrohren und Profilsystemen. Wem das zu technisch ist, dem hilft Thomas Welsers Beschreibung: „Unsere Profile sind überall drinnen. Ob Schreibtisch, Fenster, Türstock, Auto – einfach überall.“

Thomas Welser, Enkel des Powerpaares, hatte nie Zweifel, ins Familienunternehmen einzusteigen. Die Firma war das Zentrum, um das sich alles drehte. Als Kinder spielten er und sein Bruder in den Hallen, zu Mittag aßen sie mit den Kunden am Küchentisch. An der lokalen HTL lernte er Maschinenbau, an der WU Wien Handelswissenschaften. Der Weg lag so klar vor ihm, dass er seiner späteren Frau, einer Schwedin, schon in den Neunzigerjahren bei einer der ersten Begegnungen eröffnete, sie werde wohl mit ihm nach Ybbsitz ziehen müssen. Sie tat es.

Von der Pieke auf

Als Junior wuchs er in die Geschäftsführung hinein, vom Assistenten bis zum Vorsitzenden der Geschäftsführung, der er heute ist. Auch Bruder Andreas sitzt als Infrastruktur-, Supply Chain- und Qualitätschef fest im Sattel. Gemeinsam mit Christian Hansl, zuständig für Produktion und Technik, und Nicolas Longin, verantwortlich für den kaufmännischen Bereich, leiten sie die Unternehmensgruppe.

Wie Entscheidungsprozesse in der Familie ablaufen – die Großmutter hatte drei Söhne – darüber verliert er kein Wort. Nicht eine Geste verrät, ob sie freudig oder konfliktbeladen waren. „Das würde der Charta widersprechen“, ist ihm als einziges zu entlocken. Dass eine Dynastie wie diese von einer durchdachten Charta zusammengehalten wird, überrascht nur wenig. Tatsächlich fanden in den letzten Jahren wesentliche Umstrukturierungen statt. Großvater Josef starb 2005, Vater Wolfgang zog sich 2012 nach 40 Jahren aus der operativen Geschäftsführung zurück. Großmutter Waltraud verstarb 2018, und gegen Ende des letzten Jahres zog sich auch Onkel Helmut aus dem operativen Geschäft zurück. Jetzt ist die nächste Generation in der Verantwortung.

"Wir müssen die jungen Leute in der Region halten."

Von außen nach innen

Viele Unternehmer haben die Fähigkeit, von innen nach außen zu denken, sprich: ihr Unternehmen gut in der Region zu verankern. Thomas Welser beherrscht das auch. Er denkt aber auch in die andere Richtung: Was braucht die Region, damit sie blüht – damit es wiederum der Firma gut geht? Sie braucht Fachkräfte, natürlich. „Man muss bei den Kindern anfangen und sie begeistern“, ist Welser überzeugt. „Wenn sie erst mit 14 oder 15 Jahren über die Berufswahl nachdenken, ist es zu spät.“ Mit seinen Kindern – es sind vier – ging er oft in deren Schulklassen und erzählte Geschichten über Produkte und Unternehmen, gerade so, wie sie Kinder fassen können. Technik und Unternehmertum sind für Kinder spannend, stellte er fest, wenn man sie nur richtig präsentiert. „Da muss man dranblieben, den Kindern das Technische immer wieder schmackhaft machen, sie hinführen. Dann wird es ihnen wieder einfallen, wenn sie sich ihre berufliche Zukunft überlegen.“ Das ist die eine Denkrichtung.

Die andere ist, die Gesellschaft und sich selbst zu reflektieren. „Man muss sich fragen, in welchem System die Jungen groß werden, welche Werte sie haben, was sie wollen, woran sie glauben, wie sie sich entwickeln. Und dann muss man sich fragen: Was brauchen wir?“ In seiner Region fallen solche Gedanken auf fruchtbaren Boden. Seit 17 Jahren gibt es dort die „Bildungsmeile“ der Wirtschaftskammer. Inzwischen 37 Lehrbetriebe laden zusammen mit den Schulen die Schüler und Eltern zu sich ein. Mittlerweile fast „ein Selbstläufer“, meint Welser. Doch ließe sich das Netzwerk nicht skalieren? „Wir setzten uns alle, die das Thema interessieren könnte, an einen Tisch: Umdasch, Bene, Welser, die anderen lokalen Leitbetriebe und KMU, dazu die Städte Amstetten und Waidhofen an der Ybbs. Gemeinsam gründeten wir – mit Unterstützung des Landes Niederösterreich – die Zukunftsakademie Mostviertel.“

Gut skaliert: Ihr gehören heute 150 lokale Unternehmen an, dazu die HTL und die beiden Fachhochschulen St. Pölten und Wr. Neustadt. Die Akademie organisiert Aus- und Fortbildungen bis zu Fachhochschulniveau. Was immer die Mitglieder benötigen, ob Lean Management, Augmented Reality oder Künstliche Intelligenz – die fünf Mitarbeiter der Zukunftsakademie checken die Aus- oder Fortbildung für die Unternehmen und stoßen Projekte an, die die Region voranbringen. Finanziert wird die Zukunftsakademie durch Mitglieds- und Projektbeiträge, die den Betrieben up to date ausgebildete Fachkräfte wert sind, Förderungen des Landes und Einnahmen aus dem Bildungsangebot.

Zusammen ist besser als allein

Konkurrenzdenken wird dabei ausgeschaltet. „Wir müssen die jungen Leute in der Region halten, indem wir die Region attraktiv gestalten“ ist das gemeinsame Ziel. Gut, sagt Welser, das Land habe schöne Landschaften, Städte, Berge – aber was hilft das, wenn die Jungen zum Lernen nach Wien oder Graz gehen und nicht mehr zurückkommen? Da sei es doch besser, gelegentlich einen Mitarbeiter an einen Kollegen aus der Region zu verlieren. Dafür kommen andere zurück. Am Ende gewinnen alle. „More of Talents bringt mehr als War of Talents“, ist sein Credo. Jetzt geht er noch einen Schritt weiter. Der Arbeitstitel des nächsten Großprojekts lautet „Zukunftscampus“. Das Gelände ist definiert, das Areal des ehemaligen Bene-Werks mitten in Waidhofen. Dort soll unter anderem ein Polytechnikum entstehen, „das coolste in ganz Österreich“. Ab 2022 soll der Campus sieben Leistungsbereiche abdecken: Ausbildung, Prototypenwerkstatt, Coworking & Garage, IdeaLab, junges Wohnen, Events und die Gastronomie als soziale Klammer. Die Keimzelle, der sogenannte Beta-Campus mit Coworking Spaces, IdeaLab für Kreativmeetings und Eventbereich, steht jetzt schon offen. Gemeinsam mit dem Verein „mein Lehrbetrieb“ soll noch dieses Jahr Lehre mit Matura angeboten werden. Das Ziel ist, dass alle im Netzwerk die Mitarbeiter bekommen, die sie brauchen. Nicht nur Welser mit seiner großen Arbeitgebermarke, sondern jedes Unternehmen: „Weil nur dann geht es der ganzen Region gut. Und damit uns allen.“ Ein Gedanke, den sich so mancher abschauen könnte. Auch KMU.

 

Autor/in: Mara Leicht

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