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Mitten im Wandel

10.03.2021

Für den Generaldirektor der VBV-Gruppe Andreas Zakostelsky steht fest: Wer nicht in Richtung Nachhaltigkeit geht, wird am Markt überbleiben. Im Interview analysiert der Nachhaltigkeitspionier die Maßnahmen der Regierung und gibt einen Überblick, welche Bedeutung CSR für heimische Führungskräfte hat.

ZUR PERSON

ANDREAS ZAKOSTELSKY ist Generaldirektor der VBV-Gruppe sowie Bundesvorsitzender des Wirtschaftsforum der Führungskräfte (WdF), das mit mehr als 3. 000 Mitgliedern Österreichs größtes Führungskräftenetzwerk ist. Darüber hinaus ist er seit 2010 Obmann des Fachverbandes der Pensionskassen.

Sowohl als Generaldirektor der VBV-Gruppe als auch in Ihrer Funktion beim WdF setzen Sie sich für Nachhaltigkeit ein. Warum liegt Ihnen das Thema so am Herzen? Weil wir dringend unser Mindset ändern müssen. In den letzten Jahrzehnten sind uns große Krisen erspart geblieben, und der technische Fortschritt hat uns das Gefühl vermittelt, dass sich alle Probleme lösen lassen werden. Das war leider ein Irrglaube, wie wir jetzt in der Krise sehen. Die Pandemie werden wir irgendwann in den Griff bekommen, doch die Klimakrise rollt unbeirrt weiter. Mit den entsprechenden Maßnahmen können wir das Schlimmste allerdings noch verhindern. Wir müssen jetzt rasch handeln. Darauf will ich aufmerksam machen.

Mit dem WdF haben Sie in einer Umfrage erhoben, wie Führungskräfte das Thema Nachhaltigkeit bewerten. Wie ist der Befund ausgefallen? Durchaus positiv. Das Thema ist in den Führungsetagen eindeutig angekommen. Das war vor drei Jahren noch anders. Durch Greta Thunberg und Fridays for Future hat eine starke Bewusstseinsbildung eingesetzt. Der Klimawandel ist auf der globalen Agenda ganz nach oben gerutscht. Bei der Transmission der Wirtschaft in Richtung Nachhaltigkeit spielen Führungskräfte eine ganz zentrale Rolle, und dessen sind sie sich auch bewusst.

Was genau können sie denn tun? Die Politik muss die Rahmenbedingungen vorgeben, aber damit sie das zielgerichtet kann, braucht sie Input von der Wissenschaft, aber auch von Führungskräften und Unternehmensleitern. Sie müssen aufzeigen, was sie brauchen, um entsprechend tätig werden zu können. Tatsächlich stoßen die Führungskräfte auch bereits sehr viel an. Wenn die Rahmenbedingungen dann da sind, müssen sie von der Wirtschaft auch umgesetzt werden. Hier würde ich mir noch mehr Sichtbarkeit der Pläne wünschen. Wir bräuchten laufende Pressekonferenzen der Regierung zum Klimawandel, ähnlich wie zu Corona. Was ist der nationale Weg? Wo stehen wir? Wo müssen wir hin?

Das Klima endet bekanntlich nicht an Landesgrenzen. Wie zufrieden sind Sie mit den Zielvorgaben auf europäischer Ebene? Die Ziele des New Green Deal der EU sind aus meiner Sicht absolut zu begrüßen. Da ist endlich ein großer Ruck passiert. Spannend wird jetzt die Frage, inwiefern der Wiederaufbau der Wirtschaft unter nachhaltigen Gesichtspunkten passieren wird. Die Phase wäre jedenfalls günstig, um mit Förderungen konkrete Ziele und Kriterien zu verknüpfen und so eine Transmission in Richtung Nachhaltigkeit in Gang zu setzen. Was die EU im Bereich der Green Finance vorgibt, stimmt mich diesbezüglich sehr zuversichtlich. Denn auch dort werden bereits sehr konkrete Kriterien festgelegt, um zu evaluieren, wer nachhaltig agiert.

Gehen Sie davon aus, dass sich dieser Ruck auch in Österreich fortsetzen wird? In Österreich ist das Glas halb voll und halb leer. Unter dem Strich hat die aktuelle Bundesregierung mehr zu dem Thema Nachhaltigkeit in ihrem Programm verankert und in Umsetzung gebracht als vorherige Regierungen. Halb leer ist das Glas, weil manche berechtigt sagen, dass trotz grüner Regierungsbeteiligung bislang nicht besonders viel weitergegangen ist. Was ich mir zum Beispiel von der Regierung wünsche, ist die Einrichtung von einer Art Klima-Rechnungshof. Es geht darum, die gesamte Entwicklung im Auge zu behalten und auch zu analysieren, wie sich Gesetze auf das Klima auswirken. Allerdings darf man nicht vergessen, dass die Bundesregierung erst seit einem Jahr im Amt ist und von Corona überrollt wurde.

Das kann man ihr nur schwer vorwerfen. Nein. Dass Corona die Management Attention absorbiert hat, ist völlig logisch. Aber umso wichtiger ist es, auch an den langfristigen Themen festzuhalten. Und da sehe ich gute Signale wie das 1-2-3-Ticket oder höhere Steuern auf SUV. Die Bundesregierung ist also grundsätzlich schon gut unterwegs. Das mache ich auch daran fest, dass sie schon 2040 anstatt erst 2050 Klima-Neutralität erreichen will. Das kann aber nur durch einen Schulterschluss mit der Wirtschaft klappen.

Wie intensiv befassen sich Österreichs Führungskräfte beispielsweise mit dem CO₂-Ausstoß ihrer Unternehmen? Das Thema Nachhaltigkeit ist voll angekommen, und die Betriebe setzen zahlreiche Maßnahmen. Unsere Umfrage hat allerdings auch ergeben, dass erst 21 % den CO₂-Ausstoß ihrer Unternehmen messen. Im Bewusstsein ist angekommen, dass man etwas tun muss. Es fehlt aber noch der letzte Schritt zu sagen: Wir legen alle Karten offen auf den Tisch. Wir brauchen diesen letzten Missing Link.

Das gesamte Themenfeld ist extrem weit. Was verstehen Österreichs Manager unter Nachhaltigkeit? Ökonomie, Ökologie und Soziales: Sie erfassen das Thema durchaus in seiner ganzen Breite und setzen auch in verschiedenen Bereichen Aktionen. Auffällig ist, dass 90 % ganz besonders stark ihre Verantwortung für Umwelt und Klima wahrnehmen. Das Klima genießt also eindeutig die höchste Aufmerksamkeit. Zu Recht. Denn der Klimawandel birgt auch die größte Gefahr.

Sich mit Nachhaltigkeit zu befassen, beansprucht jede Menge Ressourcen. Welche Effekte versprechen sich die Manager davon? 81 % der Befragten geben Auswirkungen auf ein positives Image als Arbeitgeber an. 80 % sehen eine positive Wahrnehmung des Unternehmens bei Kunden. Noch eher gering beurteilen Manager die Vorteile für stabilere Lieferketten mit 51 % oder die Durchsetzbarkeit höherer Preise.

Wie sieht Ihre Einschätzung neben den positiven Effekten aus: Wie gefährdet sind Österreichs Unternehmen, wenn zu wenig passiert? Sie müssen sich darauf einstellen, dass der gesellschaftliche und politische Druck noch enorm anwachsen wird. Wer nicht in Richtung Nachhaltigkeit geht, wird am Markt überbleiben. Wir befinden uns mitten in einem Wandel. Das lässt sich zum Beispiel daran erkennen, dass viele Konsumenten bereit sind, mehr für biologische oder regionale Nahrungsmittel zu bezahlen. Das Bewusstsein der Konsumenten wird sich auf immer mehr Bereiche ausweiten. Wer sich darauf nicht einstellt und stehen bleibt, fällt zurück. Das lässt sich irgendwann auch nicht mehr aufholen. Dann ist es zu spät.

Aus dieser Warte betrachtet, drängt die Zeit, und es gibt viel zu verlieren. Fühlen sich die Führungskräfte dieser zusätzlichen Herausforderung gewachsen? Ich würde sagen ja. Sie sind sich bewusst, welchen Einfluss sie im Unternehmen haben, und sie sind auch überzeugt davon, dass sie etwas tun können. 77 % der Führungskräfte beurteilen ihren Einfluss als sehr hoch oder eher hoch. In der ersten Führungsebene sind die Werte sogar noch höher. Und 65 % sind der Meinung, dass ihre Unternehmen eine hohe Verantwortung tragen.

Die Vorsorgekassen setzen als Pioniere schon lange auf Nachhaltigkeit. Welche konkreten positiven Effekte konnten sie verzeichnen? Die Vorsorgekassen sind als relativ junge Branchen sehr früh auf das Thema aufgesprungen und waren damit sehr rasch erfolgreich. Einerseits stimmen die Performance und der Ertrag. Andererseits achten auch immer mehr Kunden auf das Thema. Vor 20 Jahren gab es noch die Frage, was Nachhaltigkeit kostet. Mittlerweile sind die Vorteile bekannt und belegt. Im Bereich der Veranlagung ist Nachhaltigkeit kein Nachteil, sondern langfristig ein Vorteil. Beispielsweise, weil man nicht in Firmen investiert, die mit Kohle und fossilen Brennstoffen ihr Geld verdienen. Deren Aktien verlieren an Werthaltigkeit.

Das Thema Nachhaltigkeit hat sich über die Jahre stark verändert: Vom Risikomanagement über Philanthropie bis tief hinein ins Kerngeschäft. Welche Entwicklung sehen Sie für die nächsten Jahre? Ich glaube, dass sich immer mehr Unternehmen selbst dazu verpflichten werden, ihren CO₂- Fußabdruck bewerten zu lassen. Das ist für die Sichtbarkeit wichtig. Erst dann erkennt man wirklich, wo etwas zu tun ist. Der Fokus auf die Ökologie wird uns also bestimmt noch länger erhalten bleiben.

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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