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In der Herdenhierarchie sind zwei Kriterien entscheidend: Respekt und Vertrauen, meint Wirtschaftscoach Kristina Zettl.

Mitarbeiter­flüsterer

28.06.2017

Wer das eigene Führungsverhalten unter die Lupe nehmen möchte, braucht dazu nur eines: ein Pferd.

Saftig grüne Wiesen, wohin das Auge reicht. Ein kitschig blauer Himmel, wie aus einem Bilderbuch. Inmitten dieser schönen Kulisse in Stössing im Mostviertel warten Augenpaare auf uns, die uns innerhalb von wenigen Sekunden durchschauen. Sie sind die kritischsten und authentischsten Feedback-Geber, die man sich nur wünschen kann: Pferde. 

„Pferde sind Flucht- und Herdentiere. Das macht sie sehr interessant in ihrer Reaktionsweise auf uns Menschen“, sagt Unternehmensberaterin und Wirtschaftscoach Kristina Zettl. Im Wirtschaftsalltag ein ehrliches, konstruktives Feedback zu erhalten, ist gar nicht so einfach. Mitarbeiter scheuen sich häufig davor, ihre Meinung zu sagen, aus Angst vor negativen Konsequenzen. Oder die Führungskraft selbst hat Schwierigkeiten, mit der Kritik umzugehen. Da kommen unbefangene Feedback-Geber natürlich wie gerufen. Im Umgang mit den Menschen verschafft sich ein Pferd einen blitzschnellen Eindruck darüber, ob wir ihm überlegen sind, ihm also zusätzlichen Komfort oder Sicherheit verschaffen können. Oder es spürt unsere Unsicherheit und Angst – und wir werden beispielsweise einfach ignoriert. „In der Herdenhierarchie sind zwei Kriterien entscheidend: Respekt und Vertrauen. Ohne Respekt übernimmt im Zweifel das Pferd das Kommando. Durch zu viel Druck hat es kein Vertrauen und wird sich zwar unterordnen, aber nur auf die Gelegenheit lauern, bei der es durchgehen kann, wenn der Reiter unaufmerksam ist und den Druck lockert.“

Führungsverhalten unter Stress

Dies lässt sich auch auf den Wirtschaftskontext umlegen. Wie überzeugend und wirkungsvoll treten wir gegenüber Kollegen, Mitarbeitern und Kunden auf? Pferde halten uns diesbezüglich einen Spiegel vor Augen. Kristina Zettl bietet seit Jahren am Coaching Institut das Seminar „Leadership & Wirkung“ an, das sie gemeinsam mit Westernreitinstruktorin und „Pferdeflüsterin“ Elfrida ­Köttner leitet. Dabei wird weder geritten noch hat es etwas mit tiergestützter Therapie zu tun. „Wir arbeiten in einer unbekannten Situation mit unzureichender Information. Das erzeugt Stress. Dabei sehen wir uns an, wie gut jemand mit diesem Stress umgeht und welche Muster sich zeigen. Wie klar ist die Körpersprache, wie reagiert er im Handeln, ist er risikofreudig?“

Die Teilnehmer treffen im Rahmen des Seminars auf eine Herde aus zehn Kaltblut-Pferden. Eine Aufgabe besteht beispielsweise darin, den Rang der Tiere in der Gruppe einzuschätzen – welches ist das ranghöchste Tier, welches das rangniedrigste? Gibt es Außenseiter? „Führung bei Pferden ist weiblich. Die Leitstute am Rand wird oft übersehen, weil sie an der Seite steht und beobachtet. Viele halten die spielenden Wallache für die Chefs. Wir Menschen sind es gewöhnt, dass derjenige, der den größten Wirbel macht, der Chef ist“, so die Unternehmensberaterin. 

Ist das Geheimnis der Leitstute gelüftet, geht es an die nächste Übung, zum Beispiel sechs bis sieben Pferde zusammentreiben, zur Ruhe bringen und von einem Eck der Halle ins gegenüberliegende Eck bringen. Gar keine so leichte Aufgabe. „Viele schnappen sich die Leitstute, führen sie ins gegenüberliegende Eck und glauben, alle anderen kommen dann schon nach. Was die wenigsten verstehen: Wenn ich eine Gruppe führen möchte, kann  ich nicht einzelne Gruppenmitglieder ansprechen. Ich kann nur die Gruppe als Ganzes führen“, sagt der Wirtschaftscoach. In dieser ungewohnten Situation zeigt sich die Stressreaktion: Macht der Mensch deutlich, was er möchte? Oder fängt er an zu hudeln? Holt er sich Hilfe? Die Pferdeflüsterin Elfrida Köttner bemerkt immer wieder genau das Gegenteil. Immer wieder sieht sie Teilnehmern an, dass sie Angst haben, aber nicht nachfragen. „Wenn ich im Zirkus zu Tigern in den Käfig gehe, frage ich doch auch, wie ich mich verhalten soll“, wundert sich Köttner. 

Mit Respekt und Vertrauen

führen Um die Übung optimal auszuführen, braucht es eine angemessene Mischung aus Respekt und Vertrauen. Dies schafft man durch ein Wechselspiel von Druck und Loslassen: „Machen Sie etwas Druck. Damit ist aber nicht Schlagen oder Zerren gemeint, sondern deutlich sichtbar zu machen, was sie gerne hätten. Also körpersprachlich signalisieren und dann darauf bestehen, dass es passiert“, so Kristina Zettl. Tut das Pferd nicht das, was ich möchte, geht es nicht darum, es zu schlagen, sondern einen Schritt zurückzutreten: Habe ich klar körpersprachlich formuliert, was ich möchte? „Falls man dies klar und deutlich sichtbar gemacht hat, sich im zweiten Schritt fragen: Stehe ich dem Pferd im Weg bei der Umsetzung?“ Hat man es klar signalisiert und steht auch nicht im Weg, kann man noch etwas deutlicher werden und einen Schritt auf das Pferd zugehen. „Sobald die erste gewünschte Reaktion kommt, den Druck sofort wieder rausnehmen.“ Das lässt sich auch auf den Berufsalltag umlegen. Ist man als Führungskraft klar und lässt den Mitarbeitern Raum, um umzusetzen? „Oder hängt man ständig als Besserwisser drin?“, so der Coach.

Wie praxisnah sich dies auch im Beruf anwenden lässt, konnte Rechtsanwältin Elisabeth Freilinger-Gössler durch das Seminar erfahren: „Ich habe festgestellt, dass man anhand einer Pferdeherde tatsächlich seine Führungsqualitäten erproben und schulen kann. Die Pferde reagieren ähnlich wie eine zu führende Menschengruppe. Ich habe gelernt, dass man klare und deutliche Zeichen setzen muss, wenn man von einer Pferdeherde bestimmte Reaktionen erwartet und dass es sich bei einer zu führenden Gruppe von Menschen natürlich gleich verhält. Wenn ich mich nicht klar ausdrücke, wird weder der Mensch noch das Pferd mich richtig verstehen.“

Change-Prozesse

meistern Auch für Change-Prozesse lässt sich die genannte Beispiels-Übung einsetzen, also etwa, wenn zwei Abteilungen fusioniert wurden. „Dann arbeiten wir mit zwei Leitstuten und ihrer Gefolgschaft, was man sich übrigens nur mit Kaltblutpferden erlauben kann“, sagt Kristina Zettl. Dabei wird den Teilnehmern vor Augen geführt, wie die Stuten untereinander abklären, wer der Chef ist. „Und wie die Veränderungs-Verliererin darauf reagiert. Die scheißt nämlich in aller Regel darauf und wird immer das Gruppenergebnis stören – es sei denn, sie bekommt spezielle Aufmerksamkeit.“ 

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