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Mit Storytelling ganz nach oben

10.06.2021

Die Kommunikationsberaterin Gabriele Strodl-Sollak hat ein Buch darüber geschrieben, wie ambitionierte Frauen Changemakerinnen werden, Spaß im Job haben und die Anerkennung bekommen, die sie verdienen. Wir haben nachgefragt.

„Kooperation und Klarheit sind spielentscheidend für eine Karriere in unserer agilen Arbeitswelt!“, Gabriele Strodl-Sollak, Kommunikationsexpertin und Autorin von „Boost your career, Sister!“

Frauen sind im Arbeitsalltag nach wie vor benachteilig. Wo verorten Sie die größten Hürden?

Wir sind von einem historischen Mutterkult geprägt und einer Vorstellung, dass Kleinkinder bis zum dritten Lebensjahr bei der Mutter am besten aufgehoben sind. Gerade letzte Woche erzählte mir eine Führungskraft, dass sie bereits in der 14. Schwangerschaftswoche auf der Suche nach einem Krippenplatz für die Zeit nach der Geburt war und sich bei mehr als 30 Institutionen nicht nur die Absage „Wir-haben-keinen-Platz“ geholte hatte, sondern auch gleich belehrt wurde, dass es für das Baby sowieso besser wäre, wenn sie die ersten Jahre zuhause bleiben würde – und das ereignete sich in Wien … Während Ursula von der Leyen aus ihrer Expat-Zeit in den USA mit mehreren Kleinkinder erzählte, dass es für die Amerikaner selbstverständlich war, dass beide Eltern Vollzeit arbeiten würden. Das Argument lautete, dass die Schulausbildung so teuer wäre und deshalb natürlich beide Elternteile erwerbstätig sind. Sie hat das Umfeld sogar besonders unterstützend erlebt, damit Vollerwerbstätigkeit für beide Elternteile möglich sind. Corona und Remote Work haben in den deutschsprachigen Ländern für beide Elternteile sogar einen Backslash bewirkt. Frauen haben tendenziell dem Homeschooling den Vorrang gegeben vor der eigenen Erwerbsarbeit und bei Männern war das eher umgekehrt. Ein interessanter Aspekt ist auch, dass einkommensstärkere Familien im Lockdown die Hausarbeit nicht mehr wie bisher delegieren konnten.

Losgelöst von strukturellen und externen Problemen: Was kann jede einzelne Frau tun, um ihre eigene Karriere voran zu treiben?

Gutes Storytelling hilft. Und über die eigenen Ambitionen zu sprechen. Wenn niemand von meinen beruflichen Ambitionen weiß, werde ich weniger gefördert und weniger für interessante Projekte gefragt werden. Ich erzähle gerne die Geschichte einer Unternehmensberatung mit 70 Mitarbeiter*innen. Zwei Senior-Beraterinnen auf zweiter Managementebene hatten eine flotte Karriere hingelegt. Beide waren qualifiziert, kompetent, bei Kund*innen beliebt und lieferten hervorragende wirtschaftliche Ergebnisse. Die eine der beiden hatte die Nase vorne und noch mehr strategische Fähigkeiten und war eine außergewöhnlich schnelle Umsetzerin. Eines Tages wurde jedoch die andere in den Kreis der Geschäftsführung aufgenommen. Die enttäuschte Senior-Beaterin nahm allen Mut zusammen und fragte nach, weshalb nicht sie in den Geschäftsführungskreis aufgenommen wurde. Die Antwort lautete: „Wir dachten du strebst das gar nicht an. Die andere Senior-Beraterin hat immer gesagt, dass sie sich in der Geschäftsführung sieht.“

In wem finden Frauen Verbündete?

Frauen, die in einer Partnerschaft leben, sollten ihren ersten Verbündeten daheim finden. Dort entscheidet sich, ob sie Karriere machen wird oder nicht. Ein Partner oder eine Partnerin kann so viel gewinnen, neben einer selbstbewussten und erfolgreichen Frau. Wer sich mit Kolleg*innen auf demselben Karriere-Level verbündet ist immer gut beraten. Hier geht es ums Geben und Nehmen in einem ausgewogenen Verhältnis. Auch Vorgesetze können unsere Verbündete im Sinne von Förder*innen sein. Wenn ich merke, ich komme nicht weiter, dann kann ich das bei einem Mitarbeitergespräch ansprechen oder nach einem Gespräch fragen, falls das nicht institutionalisiert ist: „Ich möchte mich beruflich weiterentwickeln und kann mir dieses und jenes vorstellen. Wie sehen Sie das?“ Entweder dieser Türe öffnet sich oder ich stelle eine weitere Frage: „Was müsste ich denn tun, damit dieses und jenes möglich wird?“ Ein Geschäftsführer in der Energiewirtschaft entsendet beispielsweise immer wieder Frauen zu unseren Positionierungs-Workshops, wenn er das Potenzial der Mitarbeiterinnen sieht, aber auf der Persönlichkeitsebene noch etwas fehlt, damit sie den nächsten Schritt ihrer Karriereentwicklung gehen kann. Verbündete finden sich auch innerhalb des Unternehmens. Wichtig ist, mutig zu sein, den ersten Schritt zu machen. Gemeinsamkeiten suchen ist das Schlüsselwort. Dabei gibt es keine Geschlechter- oder Hierarchiegrenzen. Es geht um das Miteinander.

Wenn Widerstände auftreten, die sich ihnen speziell als Frauen stellen: Dagegen kämpfen oder die Energie an anderer Stelle nützen?

Beide Taktiken haben etwas für sich. Unlängst erzählte mir im Coaching eine Enddreißigerin, die ihre erste Führungsfunktion in einem Team von 10 Mitarbeiter*innen übernommen hatte, dass einer ihrer Mitarbeiter sie während der ersten Besprechung mit anderen Abteilungen richtiggehend desavouiert hatte. In diesem Fall muss sie reagieren. Dieselbe Führungskraft hat bei einer Konferenz, zu der schriftlicher eingeladen wurde, die Moderationsrolle zugeschoben bekommen, während die ausschließlich männlichen Kollegen auf derselben Management-Ebene zu Kurzvorträgen eingeladen waren. Alles schriftlich. Jeder hat den Statusunterschied gesehen. In dieser Situation lohnt es sich nicht, um einen Kurzvortrag zu kämpfen. Sie kann jedoch die Moderationsrolle neu interpretieren. Sie braucht ja nicht nur lächelnd von einem Beitrag zum nächsten weiterführen, sondern kann in ihrer Rolle die Einzelbeiträge kommentieren, interpretieren, in Relation zueinander stellen, sie hinterfragen und weitere Fragen aufwerfen, sich ganz schön viel Moderationszeit nehmen und ein Framing fürs Publikum geben. Sie hat die Deutungshoheit und kann diese Rolle machtvoll gestalten und ihre Inhalte in die Moderation hineinpacken.

Wie muss das Selbstverständnis bzw. das Mindset aussehen, wenn der Weg nach oben gelingen soll?

Für Männer und Frauen gilt: Fachkompetenz, Lust am Gestalten, Freude und Mut für Neues, statt in einer Komfort-Zone zu verweilen. Dranbleiben, auch wenn es einmal nicht so glatt läuft. Manche Frauen in jüngeren Jahren bremsen sich unreflektiert selbst aus, indem sie im Hinterkopf denken, dass sie irgendwann ein Baby bekommen wollen. Allerdings: Ist man schwanger, hat man immer noch viele Monate Zeit, um mit dem Partner und dem Unternehmen gemeinsam zu planen. Dabei können ganz tolle Lösungen entstehen. Das heißt fürs Mindset: Volle Kraft voraus.

Zur Person: Gabriele Strodl-Sollak, MA  ist Kommunikationsberaterin, Business-Coach und Autorin des Buches: „Boost your career, Sister!" das im März 2021 erschienen ist.  

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