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Mit Optimierung wachsen

11.05.2018

Seit 35 Jahren verdoppelt die Erber-Gruppe alle fünf Jahre den Umsatz. Bei 300 Millionen Euro wird das langsam schwierig. Oder doch nicht?

Er war schon auf dem Biotrip, als das Wort noch nicht in Mode war. Erich Erber, Gründer der Erber AG, dachte immer seiner Zeit voraus. In den frühen 1980er-Jahren stieß er auf ein, wie er sagt, „hochakademisches Thema“: Mykotoxine. Das sind giftige Schimmelpilze, die etwa entstehen, wenn Getreide feucht wird. Verfüttert man es an Tiere, beeinträchtigt es nicht nur deren Verdauung und Wachstum. Es ist in der Folge auch für den Menschen gefährlich. Erber stieß auf ein Gegenmittel, das die Toxine bindet und unschädlich macht und auf natürlicher Basis und vergleichsweise einfach herzustellen ist. Unter dem Namen Biomin vertrieb er es bald in die ganze Welt. Es machte ihn zum Weltmarktführer.

Es wäre nicht Erich Erber, hätte er sich auf diesen Lorbeeren ausgeruht. Er trieb die weltweite Expansion voran, eröffnete Produktionsstätten rund um den Globus. Und er erweiterte das Portfolio um alles, was dazupasste. Und sollten ein, zwei Geschäftsideen, die sich nicht so recht einfügen wollten, dabei gewesen sein, sprengte er diese bald wieder ab.

Übrig geblieben sind neben Biomin weitere drei Marken: Romer Labs mit diagnostischen Lösungen für die Futtermittelsicherheit, Sanphar mit dem Schwerpunkt veterinärmedizinische Krankheitsprävention und EFB als Drehscheibe für Biotech-Innovationen. Macht zusammen 300 Millionen Euro Umsatz. Und nein, ein Kinderspiel war das natürlich nicht. „Der Anfang war ganz schön frustrierend“, erzählt Erber. Da stand er als junger Gründer auf einer niederländischen Messe für Tierprodukte – keiner konnte mit ihm als Österreicher etwas anfangen: „Die Deutschen, die Holländer haben für alles eine Lead Industry. Und dann kommt einer wie ich und will ihnen erklären, wie die Welt funktioniert.“

Genau das kann der Unternehmer aber richtig gut. 2004 setzte er sich in den Kopf, ein World-Nutrition-Forum ins Leben zu rufen, ein Zusammentreffen der obersten Köpfe der Branche: „Weil wir immer nur mit den Technikern redeten, nie aber mit dem Chef. Ich wollte die Chefs treffen.“ Und er wollte mit ihnen über die Zukunft der Branche parlieren. 2004 ging es um das Europaverbot, Antibiotika zu verfüttern: „Die Amerikaner sagten, das geht nicht; die Schweden machten es längst – und schon waren wir in einer riesigen Diskussion.“

380 Gäste kamen zu jenem ersten World-Nutrition-Forum nach Salzburg. Zwei Jahre später in Wien waren es schon 580. Eine mächtige thailändische Entscheiderin, erinnert sich Erber, schickte im ersten Jahr nur einen Vertreter. Ab dem zweiten Mal kam sie selbst. 2016 in Vancouver waren schon 900 Gäste dabei. Das World-Nutrition-Forum ist heute das wichtigste Event der Branche. Erich Erber ist mächtig stolz darauf.

PASSION, PEOPLE, PROFIT

Der Schlüssel seines Erfolgs liegt in der Begeisterung, die er vermitteln kann. Er halte es mit den drei P des Wirtschaftsphilosophen Charles Handy, sagt Erber. Erstens Passion: „Du musst begeistert sein von dem, was du tust.“ Obwohl studierter Volkswirt, verkaufte er am Beginn seiner Karriere Futtermittelzusatzstoffe: „Wir haben alles verkauft, was zugelassen war. Wenn es nicht mehr gewirkt hat, haben die anderen gesagt, verdoppelt halt die Dosis. Mir hat das nicht genügt.“ Die Lust am Entdecken war immer da, „weil das Bekannte kenne ich ja schon. Das ist langweilig.“

Wer Leidenschaft vermitteln könne, meint Erber, findet auch die richtigen Mitarbeiter, die sich genauso in ein Thema hineintigern. Womit wir beim zweiten P von Charles Handy wären: People. Erst wenn Passion und People erfüllt sind, könne man über das dritte P nachdenken: den Profit.

Und der fließt seit 15 Jahren stetig – mit einer Umsatzverdoppelung alle fünf Jahre. Selbst in Zeiten, als die Gewinne nicht so sprudelten, kletterten die Umsätze ständig: „Steigende Umsätze sind ein Zeichen, dass man etwas richtig macht“, sagt Erber. Bei manchen Kunden gehe er seit 35 Jahren ein und aus, „die könnten uns längst rausschmeißen. Aber sie tun es nicht.“ So sage er das auch seinen Verkäufern: „Sorgt dafür, dass ihr für eure Kunden wichtig bleibt.“

PROZESSE AUSMISTEN

Weil bei 300 Millionen Euro Umsatz eine Verdoppelung langsam schwierig wird, startete er vor zwei Jahren ein Change-Projekt. „P2“ hieß es, und hier stehen die beiden P für „Production“ und „Procurement“.

Erber, inzwischen Aufsichtsratsvorsitzender, ist ein Mann für das große Ganze. Deshalb kommen die Details zum P2- Projekt von Gundula Pally, Geschäftsführerin von Kerkhoff Consulting, jener Beratung, die die Transformation begleitete. Das Ziel: Für die geplante Verdoppelung sollten die Prozesse in Produktion und Einkauf neu aufgesetzt werden. Keine leichte Übung, denn oft zieht die Mannschaft nicht mit, weil ja ohnehin alles gut läuft. Warum also etwas ändern? Pally arbeitete mit einem Simulationsspiel. Das Prinzip ist simpel. In einem Raum mit zehn Tischen wird die Fabrik nachgestellt, so wie sie momentan ist. Nur werden den Bereichsleitern andere Stationen zugeteilt als im echten Leben. „In der Realität würde sich ein Einkaufsleiter hüten, dem Produktionsleiter Verbesserungsvorschläge zu machen“, sagt Pally: „Der wird ihm sagen, kümmere dich um deine Angelegenheiten.“ In der Simulationsumgebung aber, herausgenommen aus dem Tagesgeschäft, erleben alle den vertrauten Prozess aus anderer Perspektive, erkennen und akzeptieren die Schwachstellen und bauen aktiv an einer besseren Version. Zusatznutzen: Sie brechen die Silos auf.

UND JETZT ERP

Der Procurement-Teil des Projekts war der einfachere, und er war nach einem halben Jahr erledigt. Mit den Einsparungen finanzierte Finanzvorstand Rudolf Stelzhammer den schwierigeren Part: die Optimierung von Produktion, Logistik und Supply-Chain. Von der Abschlusspräsentation in der Fabrik zeigt er sich beeindruckt: „Nicht die Projektleiter erklärten für jeden Bereich, was jetzt anders ist, sondern ein Mitarbeiter. Da stand der Staplerfahrer vor einem Schaubild und beschrieb, wie er jetzt arbeitet. Und es klang überzeugt.“

Das nächste Projekt ist die Einführung eines ERP-Systems. Als einer der ersten Österreich-Pioniere startet die Erber Group mit SAP S/4HANA: „Die meisten Firmen arbeiten mit einer früheren SAP-Version und denken darüber nach, ob und wann sie upgraden sollen“, sagt Stelzhammer. Erber aber muss kein Altsystem ersetzen und startet gleich mit der neuesten Version. Was bedeute, dass sich wirklich jeder der 1400 Mitarbeiter weltweit mit dem neuen System anfreunden muss: „Das ist heikel. Aber keine Sorge, wir werden nicht vergessen, was uns groß gemacht hat: unser unternehmerischer Geist.“

„Die Deutschen, die Holländer haben für alles eine Lead Industry. Und dann kommt einer wie ich und will ihnen erklären, wie die Welt funktioniert.“​ Erich Erber, Gründer der Erber AG

Autor:
Mara Leicht

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