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Mister Stevia und die Chinesen

26.09.2016

Mit seinem zuckerfreien Süßstoff hat Franz Reisenberger alle Höhen und Tiefen durchlebt. Weltweiter Erfolg ist ihm heute gerade recht. Das Portrait eines Unbeugsamen.

Bekannt geworden sind Sie vor drei Jahren, als Sie den Stevia-Hype in Österreich losgetreten haben. Was haben Sie eigentlich davor gemacht?
Mein Hauptgeschäft ist der Exklusivvertrieb von Zusatzstoffen für Mischfutterbetriebe: Vitamine, Aminosäuren, Probiotika, Enzyme, alles, damit das Tier gesund bleibt. Meine Eltern waren Landwirte, ich selbst habe die Höhere Landwirtschaftliche Bundeslehranstalt in Wieselburg absolviert. 1972 bin ich nach Wien gegangen, 1984 habe ich mich mit Futtermittelzusätzen selbstständig gemacht – das ist mein angestammtes Geschäft. Später habe ich nach Polen, Tschechien und in die Slowakei expandiert. Als dann die Wende kam, war ich schon dort.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort?
Ich habe einen Riecher für Geschäftsideen. Alle, an die ich geglaubt habe, habe ich auch umgesetzt. Ich lasse mich nicht so leicht kleinkriegen. Nicht umsonst bin ich ein oberösterreichischer Mostschädel.

Wie sind Sie auf Stevia gestoßen?
2006 habe ich es durch Zufall – oder besser durch die Vermittlung eines guten Freundes – kennengelernt. Der Gatte der paraguayanischen Botschafterin wollte die getrockneten Blätter die Steviapflanze als Aromastoff in der EU registrieren lassen. Europa war der letzte Kontinent, in dem sie noch nicht zugelassen waren. Dazu brauchte er eine in Brüssel akkreditierte Firma. So haben wir uns kennengelernt.

Und Ihnen ist sofort das Potenzial aufgefallen?
Gleich beim ersten Gespräch ist mir bewusst geworden, wie groß der Markt im Humanbereich ist. Wir alle nehmen viermal so viel Zucker zu uns wie wir sollten. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt 25 g pro Tag, tatsächlich nehmen wir 100 g zu uns. Der Bedarf nach einem zuckerfreien Süßstoff ist also gigantisch.Womit ich aber nicht gerechnet habe, sind die Prügel, die mir die Zuckerlobby zwischen die Beine geworfen hat. Es hat fünf Jahre gedauert, bis die EU-Registrierung unter Dach und Fach war.

Und was geschah dann?
Dann wollte ich in Österreich eine Pilotproduktionsanlage für die Herstellung von Steviolglycosiden in Bio-Qualität errichten. Zum Verständnis: In der EU gibt es keine Genehmigung für die Pflanze, sondern nur für deren Inhaltsstoffe. Die werden als Steviolglycosid oder E960 aus der Pflanze extrahiert. Ich bin aber an der Förderung für die Anlage gescheitert, weil ich für die falsche Kategorie eingereicht habe. Zum Glück! Denn inzwischen kommen 90 Prozent der Steviolglycoside weltweit aus China, das sowohl beim Anbau als auch in der Verarbeitung 30 Jahre Vorsprung hat. Und bei den Produktionskosten ist China ohnehin unschlagbar. Also habe ich die Strategie geändert. Ich beziehe jetzt den Rohstoff aus China und lasse ihn in Deutschland zu fertigen Produkten verarbeiten: Granulate, Tabs und Flüssigsüßstoffe. Die vertreibe ich im Lebensmitteleinzelhandel unter dem Markennamen Natusweet. Ziel war, Zucker in vielen Bereichen durch eine kalorienfreie Alternative zu ersetzen, ganz im Trend der Zeit.

Das war den Zuckerherstellern sicher nicht recht.
Agrana hat sogar eine Gegenkampagne gestartet. „Lust auf Eistee mit Stevia-Glycosiden E960?“ ist groß auf den Plakaten gestanden. Es hat aber nur Trittbrettfahrer auf den Plan gerufen, die das große Geschäft gewittert haben. Der Verein für Konsumenteninformation hat sie zu Recht kritisiert, weil sie die Steviolglycoside wieder mit zuckerähnlichen Stoffen gemischt haben. Inzwischen sind sie alle wieder weg.

Der Hype ist trotzdem abgeflacht.
Im Zuge der Gespräche habe ich Firmen kennengelernt, die mich überzeugt haben, dass nicht nur die Hausfrau ihren Kuchen mit Stevia backen sollte, sondern auch die Backwarenindustrie – in größeren Mengen natürlich. In der Praxis war das schwieriger als gedacht. Das hat mit der EU-weiten Registrierungssituation zu tun: Stevia ist für alle Lebensmittelkategorien zugelassen, nur nicht für Backwaren. Dabei würde es genau dort hingehören.

Was haben Sie dann gemacht?  
Ich habe eine Lösung für die Backmittelindustrie gesucht, statt für die Backindustrie. Wenn die Backindustrie Stevia nicht als Zutat benutzen darf, dann muss eben ich selbst mit Backmischungen in den Markt gehen, die die Backindustrie verwenden kann. Das ist nämlich erlaubt. Dafür habe ich bei der Universität für Bodenkultur ein Forschungsprojekt in Auftrag gegeben. Wir haben hundert Ansätze getestet, bis wir die richtige Vormischung gefunden haben. Die habe ich sofort zum Patent angemeldet. Mit Partnern aus der Backindustrie stelle ich nun Sachertorten, Kardinalschnitten und Bisquitrouladen unter meinem Markennamen her. Die Verhandlungen mit großen Lebensmittelketten, diese in ihren Märkten zu listen, sind im Laufen.

Coca Cola bietet jetzt auch ein „Coca Cola Life“ mit Stevia an. Haben Sie damit zu tun?
Leider nein. Coca Cola hat in China riesiger Felder aufgekauft und produziert selbst.

In welchen Ländern außer Österreich sind Sie mit Stevia noch aktiv?
Natusweet gibt es derzeit auch in Tschechien, Polen, der Slowakei, Deutschland und der Schweiz.

Und bald in China ...
Ich habe einen Partner gefunden, mit dem ich den chinesischen Markt bearbeite. Dort gab es in letzter Zeit viele große Lebensmittelskandale. Österreichische Lebensmittel aber genießen höchstes Vertrauen. Selbst wenn in China die finanzkräftige Oberschicht aus nur fünf Prozent der Bevölkerung besteht, ergibt das einen Markt von 70 Millionen Konsumenten. Die werde ich mir nicht entgehen lassen.

Wie sind Sie das angegangen?
Mein chinesischer Partner und ich haben uns mit der Confiserie Heindl zusammengesetzt. Gemeinsam entwickeln wir jetzt zuckerfreie Pralinen und Gelees. Wir denken auch an zuckerfreie Sachertorten. Mein Partner hat Kontakte zu einer Kette, die 35.000 Shops in China besitzt. Sie wird alles exklusiv vertreiben. Die ersten Testlieferungen hat man uns aus der Hand gerissen.

Was planen Sie noch?
Für Kanada arbeite ich gerade an der Registrierung und den Zollformalitäten, gemeinsam mit einem guten Bekannten, der schon waggonweise Apfelstrudel nach Kanada exportiert hat. Nicht zu vergessen Israel und die Arabischen Emirate, wo ich ebenfalls gerade den Markt aufbaue.

Das klingt, als ob man Sie jetzt nicht mehr aufhalten könnte. 
Jetzt gibt es kein KO-Kriterium mehr. Nicht mehr. Ich will noch den weltweiten Erfolg meines Stevia-Vertriebs einfahren, dann übergebe ich das Geschäft meinem Sohn. Und dann schwinge ich mich auf meine BMW und fahre durch die Welt. Wer weiß – vielleicht läuft mir dabei ja die eine oder andere Idee über den Weg.

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