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Mikrotechnologie ganz groß

09.10.2019

Die Grazer Firma USound hat sich nur fünf Jahre nach ihrer Gründung eine einzigartige Position am Weltmarkt erobert – mit den kleinsten Lautsprechern, die es gibt. Doch das Rennen ist noch nicht entschieden.

Ferruccio Bottoni, USound

Eiligen Schrittes marschiert die Grazer Firma USound an die Spitze des Weltmarkts – mit einem Produkt, das viel kleiner ist als eine Fingerkuppe. USound baut Lautsprecher. Aber keine gewöhnlichen: Sie sind weniger als zwei Millimeter dick und weniger als sieben Millimeter lang und damit die kleinsten Lautsprecher der Welt. Eine Entwicklung, für die das Unternehmen den European Technology Innovation Award bekam und heuer für den Staatspreis Innovation nominiert war. Auch jenseits netter Preise gibt es handfestes Interesse an dem Produkt. Derzeit sind Finanzinvestoren von der Steiermark über das Silicon Valley bis China an USound beteiligt. Nach einer Tranche von 20 Millionen Dollar im Vorjahr kamen heuer im Mai weitere Mittel dazu, außerdem Förderungen von der FFG und der EU. Insgesamt kann USound derzeit über umgerechnet rund 26,7 Millionen Euro verfügen. Dass eine junge Firma in Österreich einen so hohen Vorschuss bekommt, ist sehr selten.

ZWEI SCHREIBTISCHE, DREI KÖPFE UND VIEL PAPIER

Gestartet ist USound 2014 im Grazer Science Park. „Es war eine sehr einfache Gründung: zwei Schreibtische, drei Köpfe und viele weiße Blätter Papier“, erzählt Ferruccio Bottoni, der Firmenchef von USound. Bottoni ist Physiker und hatte davor unter anderem Stationen beim italienischen Halbleiterriesen STMicroelectronics und bei Bosch absolviert. Bei USound stehen ihm der Jurist Jörg Schönbacher zur Seite, der sich um rechtliche und finanzielle Fragen kümmert, sowie der Mikroelektroniker Andrea Rusconi Clerici, der bei Fraunhofer geforscht hat und heute der Technikchef von USound ist. Alle drei waren vor ihrer Gründung beim steirischen Halbleiterhersteller Sensordynamics tätig, der 2013 vom US-Konzern Maxim Integrated übernommen wurde. „Damals haben wir zu dritt beschlossen, dass ein großer amerikanischer Konzern nicht unsere Zukunft ist“, sagt Bottoni.

Also nahmen alle drei Arbeitskollegen bei Sensordynamics den Hut und taten sich zusammen. Der Plan: ein eigenes Start-up. Aber eines, das Innovation nicht nur groß auf seine Homepage schreibt. „Die Entscheidung, sich auf Mikrolautsprecher zu spezialisieren, war eine analytische“, erzählt der Firmenchef. „Wir haben uns viele Prognosen zu kommenden Makrotrends angeschaut und gesehen, wie es da um Mikrolautsprecher steht. Alle Prognosen für diese Technologie waren hervorragend, gerade vor dem Hintergrund digitaler Endprodukte wie Smartphones, VR-Brillen oder Wearables. Wir haben auch festgestellt, dass es noch nicht genug Patente für diese Technologie gab.“

Mit der vielversprechenden Aussicht vor Augen legte die Mannschaft los. Ein enormer Startvorteil waren die guten Kontakte zum Fraunhofer ISIT, einem Institut für Siliziumtechnik in der Nähe von Hamburg, das entscheidende Entwicklungen beisteuerte. Parallel dazu warben die Gründer von USound, ganz klassisch Start-up, bei Investoren um Geld. „Wir haben eine jahrelange superstressige Zeit hinter uns, mit mehreren Pitches pro Monat“, erzählt Firmengründer Bottoni. „Ende 2014 war der erste Prototyp fertig. Es war eine völlig neue Technologie, aber der Prototyp klang noch nicht so gut.“ In den folgenden Monaten kamen trotzdem erste Investments von Geldgebern und parallel dazu eine Basisförderung von der FFG. „Dann ging es Schlag auf Schlag“, so Bottoni.

DER ERSTE GROSSAUFTRAG

Der heutige Stand: 65 Mitarbeiter am Firmensitz Graz sowie in den Dependancen in Wien und San Francisco sowie in Schanghai und Shenzhen in China. Rund 180 angemeldete Patente. Und immer wieder Spekulationen darüber, dass USound bald einen neuen Großkunden an Land ziehen könnte – Apple. Denn ein anderer Großer der Branche gehört schon zu den Kunden der Grazer: der chinesische Elektronikkonzern 3nod Acousticlink, ein Auftragsfertiger aus Shenzhen, der ohne eigene Marken einen Jahresumsatz von zwei Milliarden Dollar macht. Im Vorjahr vergaben die Chinesen einen millionenschweren Auftrag an USound. Die Produktion dazu passiert heute nicht bei USound, sondern bei STMicroelectronics in Italien und vor allem bei der Kärntner Firma Flex in Althofen, wo USound eine Produktionslinie mietet. Auch der steirische Leiterplattenkonzern AT&S ist als Partner an Bord.

„Es war eine sehr einfache Gründung: zwei Schreibtische, drei Köpfe und viele weiße Blätter Papier.“ Ferruccio Bottoni, USound

Wie kommt man aber von zwei leeren Schreibtischen zu dieser Position? Da ist zum einen die Technologie. USound hat mithilfe von Fraunhofer zum ersten Mal einen Lautsprecher entwickelt, der MEMS nutzt, das heute vor allem bei Bewegungssensoren von Smartphones eingesetzt wird. Anders als elektrodynamische Lautsprecher, die sich in Magnetfeldern bewegen, erzeugen die Mikrolautsprecher aus Graz mit MEMS den Schall piezoelektrisch. Dabei dehnen sich Kristalle eines Materials namens PZT bei elektrischer Spannung aus oder schrumpfen und bringen so eine Membran zum Klingen. Das Ergebnis: winzige Maße, viel höhere Klangqualität und ein geringerer Stromverbrauch. Und damit eine um 50 Prozent längere Akkuzeit, etwa bei kabellosen Kopfhörern. Zum anderen aber ist es die Positionierung von USound als Start-up, bei dem zwei Faktoren entscheidend sind: viel Geld und exzellente Netzwerke. „Wir haben uns entschieden, als Start-up loszulegen, weil klar war, dass wir extrem viel Kapital benötigen werden. MEMS-Technologien brauchen sieben bis acht Jahre bis zum Erfolg. Auch ist es ja nicht gerade billig, laufend Patente anzumelden“, sagt Ferruccio Bottoni. Heute gehören 90 Prozent der Anteile an USound Europäern und der Rest Chinesen. Die Mehrheit gehört einem Netzwerk von etwa 17 heimischen Investoren namens Eqventure. Führender Kopf von Eqventure ist der Linzer Herbert Gartner, der den früheren Arbeitgeber der drei Gründer, Sensordynamics, seinerzeit teuer an den amerikanischen Konzern Maxim Integrated verkauft hat und jetzt vorzugsweise in steirische Start-ups investiert. Auch der namhafte österreichische Investor Hermann Hauser ist mit an Bord. „Die Begleitung und die Netzwerke von Eqventure waren eine enorme Hilfe. Dieser Investmenthub ist fast schon ein Bestandteil von USound“, sagt Bottoni.

HOHE RISIKEN BLEIBEN

Doch die Positionierung als Start-up hat auch eine Schattenseite: Nach schnellem Wachstum muss ein „Exit“ kommen. „Entweder es kommt in drei oder vier Jahren zu einem Börsengang oder zu einer Übernahme. Wir haben nicht viele Alternativen. Die Investoren wollen ihre Investitionen zurück“, sagt Bottoni. Doch geplant sei, nicht alle Anteile zu verkaufen: „Ich möchte schon das weitermachen, was ich heute mache, meine Mitgründer auch.“ Auch sonst drängt die Zeit, weil die Grazer Firma in einem hochinnovativen und deshalb stark umkämpften Umfeld unterwegs ist. Firmenchef Ferruccio Bottoni: „Heute haben wir eine einzigartige Position, und wir sind durch unsere Patente gut geschützt. Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis jemand anderer kommt und die Technik nachbaut. Aber einige Jahre bleiben uns noch.“

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