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Es müssen nicht immer verschneite Gipfel sein. Besonders in Südamerika dienen Seilbahnen oft als Alternativen zur U-Bahn.

Metros unterm Himmel

11.05.2018

Doppelmayr startete als kleine Schmiede im Kaiserreich. Heute baut der Weltmarktführer Seilbahnen auf allen sechs Kontinenten. Ein Porträt samt spektakulären Projekten, Rückschlägen und einem simplen Erfolgsrezept.

Doppelmayr hat zwei Inseln in Vietnam mit einer acht Kilometer langen Seilbahn verbunden.

Vieles hat die Firma Doppelmayr mit anderen Weltmarktführern aus Österreich gemeinsam. Eines ist sie aber sicher nicht – ein Hidden Champion. Denn die Arbeit der Vorarlberger ist weithin sichtbar. Ihre Seilbahnen verbinden Talstationen mit Bergspitzen, schweben über Städten und Inseln, überwinden weite Täler oder ganze Meeresbuchten.

Mehr als 14.800 Systeme auf allen Kontinenten hat der Hersteller bisher gebaut. Durchaus spektakuläre Projekte wurden in den vergangenen Monaten fertig. Etwa eine Pendelbahn auf die Zugspitze, für die die Monteure 1000 Meter über dem Boden gearbeitet haben und 150 Tonnen Seile quer durch hochalpines Gelände gezogen haben. Viel zu tun gab es für die Vorarlberger auch rund um die Olympischen Winterspiele. Schon für Sotschi in Südrussland baute Doppelmayr 35 Anlagen, heuer standen in Südkorea für die Athleten 22 Anlagen bereit. Im April kam der Folgeauftrag für die Winterspiele 2022 in China. Doch es müssen nicht immer verschneite Hänge sein.

INSELN STATT SKIPISTEN

Einen für Mitteleuropäer weniger vertrauten Anblick bietet etwa ein im Februar fertiggestelltes Projekt der Superlative: eine knapp acht Kilometer lange Seilbahn zwischen zwei Inseln im Süden von Vietnam. Hier ragen die wuchtigen Stützen 164 Meter in den Himmel. Allesamt Projekte, die sich bezahlt machen, wie die Zahlen beweisen: 800 Millionen Jahresumsatz, 2720 Mitarbeiter, davon 1400 in Österreich und 400 in der Schweiz. Doppelmayr ist ein Global Player. Allerdings einer, der bis heute fest in dem kleinen Vorarlberger Örtchen Wolfurt verwurzelt ist, wo die Firmengeschichte mit der Gründung einer kleinen Schmiede begonnen hat.

DIE ANFÄNGE

Als Konrad Doppelmayr 1893 eine mechanische Schmiede in Wolfurt übernimmt, gibt es noch gar keine Seilbahnen. Doppelmayr macht Maschinen und Werkzeuge für Textilbetriebe und Bauern in der Umgebung. Den eigentlichen Grundstein für das heutige Geschäft legt die Firma 1937 mit dem Bau eines Skilifts in Zürs. Es ist der erste Schlepplift in Österreich – und für Doppelmayr genau der richtige Auftrag zur richtigen Zeit. Skifahren entwickelt sich gerade von einem Hobby der Reichen zum Volkssport. Zahlreiche weitere Bestellungen folgen, doch dann kommt der Zweite Weltkrieg. Doppelmayr fertigt nun Komponenten für Panzer und Sturmboote, beschäftigt auch Kriegsgefangene. Nach dem Ende des Krieges zählt die Firma 34 Mitarbeiter.

AUF NACH ÜBERSEE

Der Hersteller startet noch einmal neu – wieder mit Skiliften. Es ist wieder die richtige Entscheidung. 1953 bekommen die Wolfurter ihren ersten Großauftrag in Übersee, sie bauen Lifte für zwei Skigebiete in Kanada. Dieser Auftrag wird zum Startschuss für die rasante Internationalisierung, die Gründerenkel Artur Doppelmayr nun umsetzt. Als dessen Sohn Michael Doppelmayr 1992 das Unternehmen in vierter Generation übernimmt, baut der Hersteller bereits Seilbahnen und Transportsysteme auf allen Kontinenten. Einige Jahre später entscheidet sich Michael Doppelmayr für eine Fusion mit dem Schweizer Konkurrenten Garaventa, ebenfalls ein Pionier des Seilbahnbaus. Bei diesem Schritt werden auch die selten zum Vorschein kommenden Schattenseiten eines Familienunternehmens sichtbar: Der Plan sorgt für ein schweres Zerwürfnis zwischen Vater und Sohn. Artur Doppelmayr muss den Aufsichtsrat verlassen. Die Fusion wird trotzdem vollzogen, und Michael Doppelmayr, heutiger Vorstandschef, treibt das Geschäft weiter voran. Inzwischen hält Doppelmayr rund 60 Prozent am Weltmarkt.

EIN BREITES PORTFOLIO

So international die Auftraggeber, so breit gefächert sind auch die angebotenen Technologien: Doppelmayr produziert Kabelstraßenbahnen, Systeme für Hochregallager oder „Erlebnisbahnen“. Etwa den Cable Liner in Las Vegas, der acht Meter über Straßenniveau lautlos an Hotels und Spielkasinos vorbeifährt. Trotzdem machen die Projekte im Wintertourismus weiterhin rund 70 Prozent des Umsatzes aus, sagt Marketingchefin Julia Schwärzler. Ein mit 15 Prozent kleiner, aber wachsender Bereich sind Seilbahnen für „Tourismus ohne Schnee“, vor allem in Asien – zum Beispiel die bereits genannte Rekordseilbahn in Vietnam. Mit fünf Prozent sind Seilbahnen für den Materialtransport die kleinste Sparte der Vorarlberger, etwa für den Aushub im Bergbau oder für die Industrie. Im VW-Werk in Bratislava etwa schweben ganze Fahrzeuge hoch über riesige Parkplätze zur nächsten Fabrikshalle.

„In La Paz lässt Staatschef Evo Morales insgesamt neun Linien bauen.“

SEILBAHN STATT U-BAHN

Ein Zehntel des Umsatzes macht Doppelmayr mit Seilbahnen für Städte – ein besonders dynamischer Bereich, bei dem die meisten Anfragen aus Südamerika kommen. Hier liegen viele Städte in Talkesseln, der öffentliche Verkehr ist massiv überlastet. Als Reaktion darauf setzen bereits Städte in Brasilien, Mexiko, Venezuela und Bolivien auf die „Metro unter dem Himmel“ – deren Errichtungskosten rund ein Drittel geringer sind als bei einem sonst üblichen Verkehrssystem. So bekam Doppelmayr seinen bisher größten Auftrag aus Bolivien. In der Hauptstadt La Paz, einem Ballungsraum von 1,8 Millionen Einwohnern, lässt Staatschef Evo Morales insgesamt neun Linien mit einer Gesamtlänge von 30 Kilometern bauen. Fünf sind bereits fertig. Bei der Jungfernfahrt der „Línea Azul“ im Vorjahr lobte Morales das System und dankte auch dem Hersteller: „Ein guter Verbündeter!“

ERFOLGSREZEPT UNIKAT

Bei der Vielfalt und Komplexität der Projekte überrascht es, dass Doppelmayr keine eigene Forschungsabteilung beschäftigt. „Jedes System ist ein Unikat, das anhand dutzender Parameter konstruiert wird. Innovation entsteht in der täglichen Arbeit mit Kunden“, sagt Julia Schwärzler. Hier wird ein Kern des Erfolgs von Doppelmayr sichtbar: Konstruktion und Design, Vormontage und erste Tests in Wolfurt, dann wieder transportfertige Zerlegung, Verschiffung und Aufbau mit Baufirmen oder lokalen Mannschaften vor Ort. Und währenddessen sorgt ein breit aufgestellter Vertrieb für Aufträge in neuen Sparten, falls es in bisher ausgelasteten Bereichen zu einer Flaute kommt. Doch hier zeigen sich auch die Schwierigkeiten, die selbst ein bestens aufgestellter Weltmarktführer nicht vermeiden kann. Noch 2016 meinte Konzernchef Michael Doppelmayr: „Das Wachstum rechts von Moskau ist nach wie vor famos.“ Inzwischen ist Russland für Österreicher zu einem problematischen Markt geworden. Und in der Boomregion Lateinamerika musste Doppelmayr im Zuge einer schweren politischen Krise in Venezuela ein Großprojekt komplett abbrechen – inklusive bis heute nicht bezahlter Rechnungen in Millionenhöhe.

„Jedes System ist ein Unikat.“

UNFALL DURCH MENSCHLICHES VERSAGEN

Ein besonders problematischer Unfall ereignete sich erst vor wenigen Wochen bei einem Skilift in Georgien, den Doppelmayr 2007 geliefert hatte. An einem sonnigen Märztag stoppte der Lift plötzlich und begann, mit rasender Geschwindigkeit rückwärts zu fahren. Acht Menschen wurden verletzt, zwei davon schwer. Die anschließenden Ermittlungen georgischer Behörden und des französischen Prüfinstituts Veritas ergaben, dass „menschliches Versagen“ beim Betreiber, der auch die Wartung verantwortet, die Ursache gewesen sei – der Lift habe sich zum Unfallzeitpunkt in einwandfreiem technischem Zustand befunden. Trotzdem waren zwei Spezialisten aus Wolfurt schon am Morgen nach dem Unfall vor Ort und blieben dort, bis die Untersuchung abgeschlossen war. Das ist es, was den Erfolg einer Firma auch ausmacht: ein Klima, das dafür sorgt, dass man auch in schwierigen Zeiten füreinander einsteht und Einsatz zeigt. Und hier werden wieder die Vorteile eines Familienunternehmens sichtbar. „Das Unternehmen ist in vierter Generation in einer Familie. Auch unter manchen Mitarbeitern sind mehrere Generationen in der Firma, vom Großvater bis zum Enkel“, sagt Julia Schwärzler. „Auch die Hierarchien sind sehr flach, mit der Chefetage sind alle per Du. Der Chef ist der Michael.“

Autor:
Peter Martens

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