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MEISTER, DIE ÜBEN

09.05.2018

Ein Meister ist, wer am meisten lernt und sein Wissen weitergibt. Was er dabei fordert: dass die Schüler besser werden als er selbst?

Der rote Stift des Architekturprofessors ist gefürchtet. Er zückt ihn, um auf den Entwürfen und Plänen seiner Studentinnen und Studenten herumzustreichen und Verbesserungen durchzuführen. Auf den originalen Entwürfen! Gerhard Nickl läuft es kalt über die Schulter. Er ist selbst Architekt im oberösterreichischen Lambach. Er kennt den roten Stift aus seiner Ausbildungszeit. Jetzt unterrichtet er selbst. Bevor er etwas verbessert, hört er zu. Was hat sich denn der Berufsaspirant gedacht? „Irgendwas denkt sich ja jeder“, lacht Nickl, „manchmal mehr, manchmal weniger. Aber ich will es zuerst hören, bevor ich da etwas verbessere.“ Sonst wäre es eher eine Bevormundung statt eine Verbesserung. Und dann, zur Verblüffung der Studierenden am Innenarchitekturkolleg in Kuchl in Salzburg, legt Nickl ein Transparentpapier über die Entwürfe und zeichnet dort seine Korrekturen ein. „Es geht um Würde“, sagt Nickl. Darum gibt es beim Planen und Bauen auch nicht den Gerhard- Nickl-Stil. „Ich baue eine Hülle für das Leben von Menschen“, sagt er, „es ist deren Leben, nicht meines.“

„Ich kann mich an Lehrer erinnern, die schlecht benotete Arbeiten mit erkennbarem Genuss vor der ganzen Klasse zurückgaben“, erinnert sich der Berater und Coach Michael Vogler, „doch es gab auch andere Pädagogen, die es auf geheimnisvolle Weise verstanden, wie aus dem Nichts Interesse zu wecken.“ Mehr noch: „Sie gaben mir Voraussetzungen für ein zufriedenes Leben mit.“ In seinem neuen Buch „WIR – Plädoyer für einen neuen Generationenvertrag“ erzählt Vogler auch von Willi, einem Tischlermeister, der junge Leute unterrichtet. „Meine Hauptgegenstände sind Begeisterung und Gelassenheit“, sagt er. Man darf annehmen, dass diese Fächer so nicht wirklich im Lehrplan stehen. „Ein Meister ist der, der am meisten lernt“, sagt der Tischlermeister. Und er ist dabei nicht selbstlos. Zum einen mache er sich damit das Leben leichter, zum anderen erschaffe er damit für sich selbst Sinn. „Es macht mich stolz, wenn ich beobachte, wie meine Schüler und Schülerinnen weiterkommen. Dann lebt ein Stück von mir in ihrer Zuversicht und ihrem Mut fort.“

Der griechische Philosoph Platon hat mit seinem Bild vom „aufsteigenden und absteigenden Eros“ eine schöne Anweisung für Meister gezeichnet. Solange wir jung sind, steigen wir voll Elan einen Berg hinauf, und dieser Anstieg ist mitunter mühsam und ein Gipfelerlebnis nicht immer ausgemachte Sache. Darum sind wir dankbar und froh, wenn uns von oben jemand die Hand reicht und uns hinaufhilft. Sind wir selbst älter geworden und haben den Gipfel und die Meisterschaft erreicht, so wäre es laut Platon eine menschliche Pflicht, sich umzudrehen und die Hand hinabzureichen für alle jene, die nach uns kommen. Dies ist der absteigende Eros des weisen reifen Menschen.

Wir sind alle „Meister, die üben“, wie eine buddhistische Weisheit lautet, und das größte Geschenk, ja fast eine Notwendigkeit war es noch für die handwerklichen Meister des Mittelalters, Lehrlinge so auszubilden und zu ermutigen, dass sie die Lehrer und Meister übertreffen.

Architekt Gerhard Nickl, Tischlermeister Willi, die Lehrer von Michael Vogler – Epigonen von Platon, die dafür sorgen, dass das Leben weitergeht. Und dass es ihnen selber gutgeht.

Autor/in:
Harald Koisser
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