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Medikamentenversorgung bei einer Pandemie: Das Problem ist die Verteilung

10.04.2006

Hubert Dreßler, Österreich-Geschäftsführer des größten europäischen Pharma-Herstellers Sanofi-Aventis und Präsident des Branchenverbandes Pharmig, über Medikamentenversorgung, konzern-interne Notfallpläne und Pandemieängste. Interview Maike Seidenberger
m.seidenberger@wirtschaftsverlag.at

Foto Pharmig/Spiola

die wirtschaft: Welche Auswirkungen hätte eine Pandemie auf die Pharma-Produktion und die Medikamentenversorgung in Österreich?

Hubert Dreßler: Bei einer echten Pandemie - das sieht auch der Pandemieplan so vor - werden die Grenzen dicht gemacht. Das heißt: jede Bewegung sperren. Die Rohstoffe für unsere Produkte existieren zum einem Gutteil nicht in Österreich, müssen also importiert werden. Wir haben zum Beispiel ein Krebspräparat, da gibt es nur zwei Stellen auf der Welt, wo die Pflanze so gedeiht, dass der Wirkstoff in den Blättern die zum Extrahieren nötige Konzentration erreicht. Von dort kriegen wir dann sicher nichts. Ein größeres Problem gäbe es bei Dauermedikationen - ein durchschnittlich disziplinierter Diabetiker kommt mit seinem Vorrat vielleicht einen Monat lang durch.
Was die Versorgung angeht, ist die Frage, ob in so einem Fall die Vorräte überhaupt distribuierbar sind. Bei einer Pandemie wird die Bewegungseinschränkung mindestens 14 Tage, eher aber sechs bis acht Wochen dauern. Eine durchschnittliche Apotheke hat für knapp drei Tage Ware, der Pharma-Großhändler für ein bis zwei Monate, die Transportunternehmen, die Lager unterhalten, haben Ware für rund 60 Tage liegen, Hersteller haben auch etwas vor Ort. In Kundl, wo sich eine Antibiotika-Produktion befindet, lagert vielleicht einen Österreich-Bedarf von drei bis vier Monaten. Man weiß nicht, was in den Spitalsapotheken liegt - wahrscheinlich quer über den Bedarf Produkte für zehn bis 14 Tage.
Allerdings würde sich auch der massiv steigende Verbrauch auswirken. Dann gibt es natürlich auch ein Sicherheitsproblem: Wie lange halten sich öffentliche Dienstleister, Polizei und Militär an die Befehlskette?
Es kommt auch auf die Art der Pandemie an - wenn das eine Grippe ist wie 1918/19, ist es in zwei Wochen vorbei, weil sich der Virus so rasend schnell ausbreitet. Was aber passiert, wenn es ein Erreger ist, den wir noch nicht kennen und nicht behandeln können, wissen wir nicht. Das sind dann die schwarzen Szenarien, die von einer Erkrankungsrate zwischen 20 und 30 Prozent der Bevölkerung ausgehen. Der Best Case dagegen wäre, die Sache ist lokalisiert, es sind nur bestimmte Bevölkerungsgruppen betroffen - dann greift der Pandemie-Plan sehr gut. Man kann in den Krankenhäusern die Patienten gut isolieren, Stadtviertel absperren und die Krankheit eindämmen. Dann gibt es auch kein Problem mit der Medikamenten-Verteilung.

die wirtschaft: Wie können Sie für Ihr Unternehmen sicherstellen, dass die Logistik weiterhin funktioniert?

Dreßler: Wir produzieren nicht in Österreich, sondern sind ein reiner Handelsbetrieb, haben aber ein eigenes Lager. Konzernintern haben wir natürlich Notfall-Pläne - die gehen hinunter bis zum kleinsten Land; die Updates unserer weltweiten Broschüre dazu kommen mittlerweile fast alle 14 Tage. Es gibt ein Krisenkomitee mit namentlich benannten Mitgliedern. Dabei geht es weniger um die hierarchische Funktion im Unternehmen, sondern um die Lokalisierung der Leute: Wer näher beim Lager wohnt, wird eher herangezogen. Es ist genau festgelegt und trainiert, wer wen anruft und was zu tun ist. Wir haben natürlich nur eine Chance, wenn die Sicherheit gewährleistet ist und wir rechtzeitig von so einer Situation erfahren.

die wirtschaft: Was tun Sie, wenn bei Ihnen krankheitsbedingt viele Mitarbeiter gleichzeitig ausfallen?

Dreßler: Da unsere Mitarbeiter 15 bis 62 Jahre alt sind, haben wir einen Altersquerschnitt ohne die besonders gefährdeten Gruppen (Kinder und Über-60-Jährige, d. Red.). Die Grippe-Impfung ist bei uns gratis. Im Durchschnitt lassen sich 40 bis 50 Prozent unserer Leute impfen. Sogar wenn 20 bis 30 Prozent gleichzeitig krank sind, würde bei uns auch noch alles funktionieren - zu Weichnachten ist bei uns maximal ein Viertel der Belegschaft da. In einem Betrieb wie unserem, wo viele Mitarbeiter klinische Studien sichten oder Dokumentationen erstellen, kann man 90 bis 95 Prozent der Tätigkeiten für einige Zeit stoppen. Es reicht, wenn die zwanzig da sind, die mitdenken, Ruhe bewahren und dafür sorgen, dass das Lager nutzbar bleibt und nur die hineinkommen, die auch autorisiert sind. Ob das Büro dann funktioniert, ist in einer Pandemiewelle nicht so wichtig. Bei einem Produktionsstandort ist das natürlich etwas anderes - da braucht man einen Mindestbelegschaft.
(4/06)

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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