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Mars, Attacke!

10.03.2016

Wenn alles glatt geht, ist Mario Kozuh-Schneeberger der erste Tischler und Designer, dessen Möbel die Mars-Oberfläche berühren werden. Ein Besuch beim gebürtigen Tiroler in seiner Linzer Wirkungsstätte.

Lange Lieferwege sind für den ehemaligen Tischler Mario Kozuh-Schneeberger kein Problem. Wenn es nach seinen Vorstellungen läuft, wird eines seiner Spezialmöbel einen Lieferweg von rund 76 Millionen Kilometer zurücklegen. Dabei geht es um ein mobiles Büro, das den Sandstürmen und extremen Temperaturunterschieden auf der Mars-Oberfläche standhält. Als Spediteur wird dann eine internationale Kooperative unterschiedlicher Raumfahrtagenturen von NASA über ESA bis zur russischen Raumfahrtagentur Roskosmos fungieren. Losgehen soll es in 30 Jahren, vielleicht schon in 20. Dann soll die erste bemannte Mars-Mission stattfinden. Zukunftsmusik, die in Kozuh-Schneebergers Ohren wie eine Fanfare klingt.

Heute sitzt der 41-jährige gebürtige Tiroler in seinem Linzer Büro und nippt an einer Tasse Kaffee. Sein Büro ist eigentlich nur ein Arbeitsplatz. „Meine Firma ist in meinem Kopf", sagt Kozuh-Schneeberger. Und darin sprießen seit jeher viele Ideen. In Tirol absolvierte er eine ganz klassische Tischlerlehre. Später verschlug es ihn ans Linzer Bruckner Konservatorium, wo er Harmonielehre studierte. Er arbeitete als Tischler, als Musiker und machte Einlegearbeiten für Kunstwerke von Andi Warhol oder Roy Liechtenstein. Und irgendwann verschlug es ihn zum Industriedesign. „Mich interessiert seit jeher die Verbindung von Technologie und dem klassischen Möbelbau", sagt er.

 

Mobiles Büro für den roten Planeten

Was er damit meint, sieht man am ausklappbaren mobilen Büro, das Kozuh-Schneeberger für eine Marssimulation in der Wüste Marokkos 2013 entworfen hat. Unscheinbar sieht der etwa einen Meter lange, und 60 Zentimeter hohe und ebenso tiefe Quader auf den ersten Blick aus. Nicht Hightech-Materialien wie Carbon, spezielle Kunststoffe oder Gläser kommen bei der Verkleidung zum Einsatz, sondern der älteste Baustoff der Menschheit: Holz. „Holz hat eben die besten Dämmeigenschaften", erklärt der ehemalige Tischler. Doch wie kommt man als Kleinunternehmer überhaupt zu einem Auftrag für die Raumfahrt? Als Drehscheibe zwischen Wissenschaft und Unternehmen fungiert das Österreichische Weltraumforum (ÖWF).

Die Anforderungen für Möbel von Seiten des ÖWF sind entsprechend hoch. Das Maßmöbel sieht aus wie eine vierteilige Kiste, mit flexiblem Klappmechanismus. Es muss nicht nur in zwei Minuten aufgebaut und einsatzfähig sein, sondern soll auch Temperaturen von minus 50 bis plus 80 Grad trotzen, in seinem Innenleben, je nach Ausstattungsanforderung, veränderbar und völlig dicht sein. Käme ein Sandkorn durch die Geschwindigkeit eines Marswindes getrieben ins Innere, würden die Geräte leicht zerstört werden. Den Härtetest hat das mobile Büro bei der Marssimulation in der marokkanischen Wüste jedenfalls bestanden. „Sand, Wind und Hitze konnten dem Kubus nichts anhaben", sagt Gernot Grömer vom ÖWF, das bei der internationalen Mission federführend war.

 

KMU fürs Weltall

Das ÖWF zählt gemessen an der Einwohnerzahl des Landes zu den ambitioniertesten Raumfahrtagenturen weltweit. Erst Ende 2015 gab der damalige Infrastrukturminister Alois Stöger ein 100-Millionen-Euro-Budget für die Raumfahrt frei. Davon profitieren auch zahlreiche Unternehmen. Bundesweit beschäftigen sich bereits 114 heimische Forschungseinrichtungen und Firmen mit der Raumfahrt. Darunter große universitäre Einrichtungen wie das Grazer Institut für Weltraumforschung, Joanneum Research, Salzburg Research und die Universität Innsbruck sowie bekannte Unternehmen wie Siemens, TTTech, RUAG Space, einige Zulieferer aus der Flugzeugindustrie bis hin zu KMU und EPU wie Kozuh-Schneebergers Firma Intarsico Multimedia Möbeldesign. Als Informations- und Andockstelle für interessierte Betriebe eignet sich das ÖWF.

Die größte Herausforderung sei die Genauigkeit, die Präzession, welche bei den Arbeiten für die Raumfahrt verlangt werde, sagt Kozuh-Schneeberger. Da er selbst nur in der Konzeption und Planung tätig ist, ist er auf die Kooperation mit Professionalisten aus der Tischlerbranche angewiesen. In der gemeinsamen Umsetzung der Projekte hilft ihm klarerweise seine eigene Tischlervergangenheit. „Ich kann mich in die Rolle meiner Partner hineinversetzen. Wir sehen die Herausforderungen und Probleme mit den gleichen Augen und haben keine Kommunikationsprobleme", sagt er.

Die Raumfahrt hat Kozuh-Schneeberger schon immer fasziniert. Die schwammigen Schwarz-Weiß-Bilder der Mondlandung sind fest in seinen Kopf gebrannt. Das erforschen fremder Welten sei eine der großen Aufgaben der Menschheit, ist er überzeugt. Und daran, will er auch ein bisschen mitwirken. So hat er seine guten Kontakte genützt und erst unlängst die Entwicklung eines neuartigen Astronauten-Helms gemeinsam mit der Voest mitverantwortet.

 

Vom All ins Wohnzimmer

Die Raumfahrt ist ein Versuchslabor für den Unternehmer, es geht ums Tüfteln, ums Ausprobieren. Nichts geht dabei einfach, aber das macht Kozuh-Schneeberger nichts. In seiner Jugend war er Skispringer, erzählt er. „Ich wurde damals von Toni Innauer und Alois Lipburger trainiert. Die haben mir beigebracht, geduldig zu sein." Wenn man für die Raumfahrt entwickelt, braucht man viel von dieser Geduld. Aber diese sei auch lohnend, meint Kozuh-Schneeberger.

Wie das Beispiel des mobilen Büros aus Holz zeigt, müssen Produkte für die Raumfahrt nicht immer aus Hightech-Materialien sein. Innovative Ideen und Umsetzungen sind entscheidend. Vieles, was in nächtelangem Tüfteln entsteht, fließt in Folge auch in seine herkömmlichen Möbeldesigns für den Planeten Erde. „Es geht immer darum, dem Menschenen durch die Möbel optimale Bewegungsabläufe zu ermöglichen. Die hohen Anforderungen hinsichtlich Widerstandsfähigkeit und Präzession, die in der Raumfahrt verlangt werden, lassen sich auch auf Alltagsmöbel übertragen", sagt Kozuh-Schneeberger.

Aufträge aus der Raumfahrt und herkömmliche Möbeldesings ergeben somit eine Symbiose, die neue Wege freilegt. Irgendwann möchte der Designer Aufnahmen aus der Raumfahrt für die individuelle Wohnraumgestaltung verwenden. „Mittels Oled Folien wäre es möglich, Bilder aus dem Weltall direkt auf die Wohnzimmerwände zu projizieren. So könnte sich jeder, der es möchte, für eine gewisse Zeit, in einer 76 Millionen Kilometer entfernten Welt wähnen." Kozuhs Augen strahlen, wenn er von der Zukunft der Innenarchitektur spricht. Anders als die erste bemannte Mars-Mission ist es eine sehr nahe Zukunft.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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