Direkt zum Inhalt
Ein Meilenstein des Biotech-Unternehmens Marinomed war der Börsegang Anfang Februar 2019

Marinomed: In Atem gehalten

13.10.2020

Die Marinomed Biotech AG lässt aktuell mit Forschungen für eine Behandlung von SARS-CoV-2 aufhorchen. Doch schon jetzt vertreibt das börsenotierte Unternehmen rezeptfreie Produkte, die gegen Infektionen mit respiratorischen Viren wie Corona wirken.

Marinomed ist im Juni umgezogen – und das war auch nötig. Jetzt liegt der Unternehmenssitz der Biotech-Firma nicht mehr an der Veterinärmedizinischen Universität, wo es als Spin-off 2006 gegründet wurde. Das seit 2019 börsenotierte Unternehmen ist an seinen neuen Standort in Korneuburg gezogen. Und dort wird schon ein zweites Gebäude gebaut. Andreas ­Grassauer, Gründer und CEO des Biotechnologie-Unternehmens mit derzeit mehr als 40 Mitarbeitern, freut sich über die Vergrößerung: „Wir werden hier die Kapazität für ungefähr eine Verdopplung der Mitarbeiterzahl haben. Und wenn alles so weiterläuft, werden wir das auch brauchen.“

Dass es derzeit so gut läuft bei der Marinomed Biotech AG, liegt unter anderem an einem gewissen Virus, das seit Jahresbeginn die Welt in – und außer – Atem hält. Marinomed hat eine Produktserie entwickelt, die respiratorische Viren schon in der Nase und im Mund bindet und so daran hindert, in die Blutbahn zu gelangen – und wie es aussieht, dürfte diese vorbeugende Wirkung auch auf SARS-CoV-2 zutreffen. Der Wirkstoff in den Nasen- und Mundsprays sowie Lutschtabletten, der das schafft, ist das Polymer Carragelose, das auf einer Meeres-Rotalge basiert und von Marinomed entwickelt und patentiert wurde. CEO Grassauer: „Wir konnten nun mit ersten Tests zeigen, dass Carragelose auch gegen SARS-CoV-2 ein wirksamer Virus-Blocker ist.“

Ähnlich wie Antikörper würden die Viren neutralisiert, und die Zellen seien vor einer Infektion geschützt. Eine Studie in Argentinien an Spitalsmitarbeitern zeigte: Von jener Gruppe, die fünfmal täglich einen Nasenspray mit Carragelose – allerdings in Verbindung mit Ivermectin – genommen hat, hat sich niemand mit Covid-19 angesteckt, während sich in der Kontrollgruppe elf Prozent der Teilnehmer infizierten. In einer anderen Studie in Tennessee konnten Forscher nachweisen, dass Carragelose selbst bei sehr geringer Dosierung die Vermehrung des Virus um fast 100 Prozent reduziert hat.

Behandlung schon Infizierter

Außerdem forscht Marinomed aktuell an einer Behandlungsmethode für bereits Infizierte. Konkret wird eine Inhalationslösung auf Carragelose-­Basis getestet, die auch in der Lunge wirken soll. Eva Prieschl-Grassauer, Chief Scientific Officer, Andreas Grassauers Frau und Mitgründerin von Marinomed, erklärt: „Dabei soll sowohl die Wirksamkeit des Polymers Carragelose beim Auslöser SARS-CoV-2 als auch bei anderen Atemwegsvieren getestet werden.“ Eine solche Therapie direkt in der Lunge könne für Patienten, die an einer viralen Lungenentzündung leiden, die Dauer der Krankheit und des Krankenhausaufenthaltes verkürzen. Ergebnisse der klinischen Tests, die zusammen mit dem AKH und der Medizinuni Wien durchgeführt werden, sollen Mitte 2021 vorliegen. Läuft alles wie erwünscht, kann ebenfalls 2021 schon ein Präparat auf den Markt kommen. Für das Forschungsprojekt erhält Marinomed eine FFG-Förderung, die bis zu 45 Prozent der Investitionskosten von mehr als vier Millionen Euro übernimmt.

Die Carragelose-Produkte verkaufen sich durch die Corona-­Krise gut. Im ersten Halbjahr konnte Marinomed den Umsatz um 38 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum auf 2,28 Millionen Euro vergrößern. Allerdings macht das Biotech-Unternehmen nach wie vor keinen Gewinn und wird auch noch mindestens zwei Jahre in der Verlustzone bleiben, was vor allem an den hohen F&E-Ausgaben liegt. 

Börsegang light und schwer

Ein Meilenstein, der viel Geld herein­gespielt hat, war der Börsegang Anfang 2019. Zunächst checkte Andreas ­Grassauer noch täglich mehrmals die Börsekurse: „Nach einer Zeit legt sich das. Man kann nicht die ganze Zeit vor dem Kurs sitzen.“ Dass sich dieser sehr gut entwickelt hat und die Aktie von Analysten empfohlen wird, macht die Sache wohl auch entspannter. Der Börse­gang war eine große Sache für Marinomed: Plötzlich ging es viel mehr um Zahlen, und all die Auflagen und Offenlegungspflichten waren zunächst eine Herausforderung. Doch es war kein Sprung ins kalte Wasser, denn Marinomed hatte 2017 eine Art „Börsegang light“ vollzogen und eine Prä-IPO-Wandelanleihe vergeben. Investoren kauften Wandelanleihen, die im Fall eines Börsegangs in Aktien getauscht wurden – was auch passiert ist. Grassauer: „Die Wandelanleihe war unglaublich hilfreich für mich und das Team, um ein erstes Gefühl zu kriegen, wie es ist, wenn man an die Börse geht, und hat uns gut vorbereitet.“ Die Investoren seien ein hohes Risiko eingegangen, aber reich belohnt worden: „Die Investoren der Wandelanleihen sind jetzt mit über 100 Prozent im Plus.“ Seit Marinomed an der Börse notiert, wird Grassauer international ernster genommen: „Wenn man nicht public ist, tun sich andere schwer, einzuschätzen, wie groß man ist. Es ist ja eine österreichische Anomalie, dass sich Hochtechnologie nicht über die Börse finanziert.“ 

Fokus: Globaler Markt

Marinomed lässt seine Produkte von Partnern produzieren – in Österreich etwa von Sigma­pharm, wo die Carragelose-Sprays und -Pastillen unter der Marke Coldamaris produziert und über Apotheken rezeptfrei vertrieben werden. Auch in Deutschland und Frankreich gibt es Produktionspartner. Insgesamt sind die Carragelose-Produkte bisher in mehr als 40 Ländern, vorwiegend in Europa, aber auch in Kanada und China, erhältlich. Da Marinomed den globalen Markt versorgen will, ist es auf der Suche nach weiteren Partnern. „Es gibt ein paar größere Fische im Teich, die mit uns sprechen wollen“, sagt Grassauer. Während die Carragelose-Sparte schon ein Plus einspielt, gilt das noch nicht für das zweite Standbein, die Plattform Marinosolv. Hier geht es um die Erhöhung der Wirksamkeit von schwer löslichen Wirkstoffen.

Dieser Geschäftsbereich hat schon erste zahlende Kunden und soll langfristig weiter ausgebaut werden – man sieht hier großes Wachstumspotenzial. CSO Prieschl-Grassauer: „Neu in unserer Pipeline sind vier Marinosolv-Projekte für unterschiedliche Anwendungsgebiete der Atemwege und im Bereich Magen-Darm.“ Vermutlich wird man jetzt öfter von Marinomed hören. Schon im Studium hat Andreas Grassauers an Viren – in dem Fall HIV – geforscht: „Ich wollte unbedingt mit den Mitteln der Forschung da draußen etwas verändern.“ Das Ziel dürfte jetzt klar aufgehen. Die Grassauers bleiben jedenfalls dran. CEO ­Andreas sagt: „Solange es so viele tolle Dinge gibt, die man tun kann und die ich intellektuell und wissenschaftlich schaffe, macht mir das einen Riesenspaß.“ Und das Finanzielle? „Das ist ein Nebeneffekt, dass man Geld verdient mit Unternehmen, die erfolgreich sind.“ 

Autor/in:
Alexandra Rotter
Werbung

Weiterführende Themen

Meldungen
23.06.2020

Laut einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung PwC ist sie ehrgeizig, engagiert, kompetent und will Treiber des digitalen Wandels sein: die Next Generation, kurz NextGen. In dieser Rolle ...

Meldungen
16.06.2020

Das Coronavirus geht an der Mode- und Luxusindustrie nicht spurlos vorbei. Luxushotels, Kreuzfahrtunternehmen, Juweliere und Möbelhäuser spüren die Folgen der globalen Pandemie. Laut einer ...

Stories
16.06.2020

Mit der Lockerung des Lockdowns kehren viele Mitarbeiter, die bisher in Kurzarbeit waren oder im Homeoffice arbeiteten, wieder an ihre „normalen“ Arbeitsstätten zurück – oft mit gemischten ...

Branchen
22.05.2020

MicroLearning Academy und KnowledgeFox stellen kostenlose Online-Kurse für die Tourismusbranche im Umgang mit Covid-19 zur Verfügung. Das Lern-Angebot ist ab sofort via App auf allen mobilen ...

Interviews
24.04.2020

Covid-19 hat übermäßige Abhängigkeiten bei der Arzneimittelbeschaffung aufgedeckt, meint Wolfgang Kaps, General Manager von Sanofi Österreich. Warum kein ...

Werbung