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Made in Austria

09.10.2018

Dass Textilriesen in Niedriglohnländern produzieren, ist bekannt. Wie man diesem Trend zu Billigstproduktion und Massenware entgegentreten kann, das zeigt Gert Rücker in Rohr bei Feldbach.

Gert Rücker, Chef von JMB Fashion Team, hat gezeigt, wie man aus einer fast ausweglosen Situation als Gewinner hervorgeht.
Die nähen nicht nur! Die 40 Mitarbeiterinnen von JMB Fashion Team fertigen Bekleidung mittels hochintelligenter Prozesse.

„Uns geht es sehr gut, wir sind gut beschäftigt und müssen Neukunden derzeit leider ablehnen.“ Dass Gert Rücker, Chef des steirischen Bekleidungsherstellers JMB Fashion Team, dieser Satz über die Lippen kommt, hätte er sich selbst vor fünf Jahren nicht erträumt. Ganz abgesehen vom Jahr 1993, als der Unternehmer sogar vor dem endgültigen Aus gestanden ist: Insolvenz, Kündigung aller Mitarbeiter und der Gedanke, nie wieder die Verantwortung für so viele Menschen und ein ganzes Unternehmen übernehmen zu wollen. Heute rattern die Nähmaschinen unermüdlich in seiner Produktionshalle in Rohr bei Feldbach – und Rücker hat, als eines der letzten Unternehmen dieser Art, gegen die nahezu übermächtige Konkurrenz der Billigmode und Massenware aus dem Osten überlebt. Besser gesagt: nicht nur überlebt, sondern gezeigt, wie man aus einer fast ausweglosen Situation als Gewinner hervorgeht.

WERTEHALTUNG GIBT KURS VOR

Wie das geht? Darüber spricht der 66-Jährige sehr offen. Immer wieder fallen dabei Worte wie Wertschätzung und Respekt – gegenüber Angestellten, Kunden und auch Lieferanten. Diese Wertehaltung hat den Unternehmer offensichtlich geprägt, von Beginn an. Seine Eltern führten einen Konfektionsbetrieb seit Mitte der 1960er-Jahre. In den Siebzigern trat Rücker selbst in den Betrieb ein. Das Geschäft lief gut – bis Ende der 80er-Jahre, als TEXT MARKUS MITTERMÜLLER MADE IN AUSTRIA TROTZT DER BILLIGMODE Dass Textilriesen in Niedriglohnländern produzieren, ist bekannt. Wie man diesem Trend zu Billigstproduktion und Massenware entgegentreten kann, das zeigt Gert Rücker in Rohr bei Feldbach. die gesamte Bekleidungsbranche eine massive Umwälzung erlebte. „Alles wurde nur noch auf Minutenfaktoren reduziert. Die entscheidende Frage war: Was kostet eine Produktionsminute in Österreich, und wie billig ist sie zum Beispiel in Ungarn? Die Textilbranche wanderte ab, produziert wurde ab sofort in erster Linie in Billiglohnländern.

INSOLVENZ WAR UNAUSWEICHLICH

Mehr als 22.000 Arbeitsplätze sind in der heimischen Textilproduktion in den drei Jahrzehnten nach dem Mauerfall laut Rücker verloren gegangen. Doch er war schon damals kämpferisch: „Für mich kam es nie infrage, abzuwandern oder den Betrieb zu schließen.“ Drei Jahre lang hat Rücker mit großem Engagement versucht, weiter in der Steiermark zu produzieren. „Beinahe alle österreichischen Auftraggeber sind ins Ausland abgewandert“, erinnert sich Rücker an die schwierigste Phase seiner Laufbahn. Und dann traf es auch seinen größten Auftraggeber, der aus demselben Grund Probleme bekam. Somit war die Insolvenz unausweichlich. Der Personalstand seines Unternehmens reduzierte sich in dieser Zeit merklich: von 100 auf rund 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Doch ein Asset blieb dem Textilproduzenten – seine treuen Kunden, die unbedingt an der österreichischen Produktion festhalten wollten.

Dann schoss ihm die – auf den ersten Blick völlig irrationale – Idee in den Kopf: „Wenn die Lohnminute im Ausland günstiger ist, dann brauchen wir Produkte mit vielen Produktionsminuten.“ Rücker erklärt: „Ein Auftrag besteht ja nicht nur aus den Minuten, die pro Modell aufgewendet werden, sondern auch aus der Stückzahl und der Zeit für die Produktion des jeweiligen Modells. Produkte mit vielen Minuten sind daher sehr aufwändig.“ Ein Aufwand, den Billigbetriebe im Ausland nicht auf sich nehmen wollen. „Wir wussten, dass wir nur weiterbestehen können, wenn wir Kunden finden, die genau unsere Kompetenz suchen, unbedingt in Österreich produzieren wollen und bereit sind, die damit verbundenen Schwierigkeiten auf sich nehmen“, so der Unternehmer. Also entschied er sich, höchste Qualität in kleinen Serien mit kurzen Durchlaufzeiten zu produzieren. Ein Erfolgsrezept, das bis heute hält.

„Ein Auftrag besteht ja nicht nur aus den Minuten.“

Trachtenlabels wie Susanne Spatt oder Modemarken wie Frauenschuh vertrauen auf die Konfektionskompetenz aus dem steirischen Vulkanland. Im Bereich Corporate Fashion wurde gerade ein besonderes Produkt für Sonnentor zum 30-Jahr-Jubiläum entwickelt. Aber auch die Österreichischen Bundesforste setzen auf JMB.

DIE NÄHEN JA NUR

„Es war ein schmerzhafter Weg. Aber ich bin dankbar, dass ich diesen Weg gegangen bin“, sagt Gert Rücker heute im Rückblick. Auch heute noch ist er jeden Tag selbst im Betrieb und kümmert sich um seine über 40 Mitarbeiter. Ein Thema, das den Arbeitgeber besonders bewegt, ist die abschätzige Aussage „Die nähen ja nur“, die er immer wieder über sein Team hört. Und die er sofort zurückweist: „Bekleidung generell wird als ‚unintelligentes Produkt‘ gesehen. Das liegt sicher auch an den viel zu billigen Preisen. Aber um aus Baumwolle Garn, aus diesem Stoffe und schließlich Bekleidung herzustellen – dafür sind hochintelligente Prozesse notwendig“, unterstreicht der Unternehmer.

Dass sich am grundlegenden Konfektionsprozess seit Jahrzehnten nichts geändert hat, sieht er dabei als Nachteil, weil Innovationen nur bedingt möglich sind. Umso entscheidender sind der Personaleinsatz und das handwerkliche Geschick. „KMU wie wir sind das Gegenstück zur Digitalisierung. Wir bieten Arbeitsplätze im produzierenden Bereich. Jeder handwerkliche Betrieb, der das kann, ist kostbar“, sagt Rücker.

WEG IN DIE ZUKUNFT

Aber auch JMB leidet darunter, dass es kaum Interesse an den handwerklichen Berufen in Österreich gibt. „Das liegt auch daran, weil der Berufsstand des Arbeiters in den letzten Jahren immer weniger geschätzt wurde“, weiß der Unternehmer. Aber er blickt optimistisch in die Zukunft, denn er ortet ein Umdenken der Konsumenten. „Diese setzen immer mehr auf Qualität. Es interessiert mittlerweile viele, wo und unter welchen Bedingungen Bekleidung produziert wird.“ Und seine persönliche Zukunft? „Ich suche bereits aktiv nach einer Nachfolgerin oder einem Nachfolger, arbeite aber so lange weiter, bis ich jemanden gefunden habe, der das Unternehmen im Sinne meiner Kunden und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weiterführt.“ Wer den umtriebigen Unternehmer kennt, kann davon ausgehen, dass ihm auch dieses Vorhaben gelingen wird.

Autor:
Markus Mittermüller

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