Direkt zum Inhalt

Machen wir’s uns selbst

14.09.2020

Wie groß sind die Sicherheitsrisiken, wenn die Hersteller unserer Hard- und Software in China oder den USA sitzen, und gibt es ­Alternativen? Mit Sicherheit, man müsste nur wollen. 

Ich habe noch nie einen Song geschrieben. Aber als ich über das Thema dieser Kolumne nachdachte, fiel mir eine neue Version eines Songtextes ein: „The ­Russians do it, the Americans do it, even educated Chinese do it. Let’s do it. Let’s make our own tech.“ Ja, warum machen und nutzen wir nicht viel mehr eigene Technologien in ­Europa? Damit meine ich nicht, dass wir Hardware hier produzieren sollen, obwohl selbst das durch Automatisierung und Digitalisierung nicht für alle Zeiten ausgeschlossen ist. Und klar, da hängt viel dran, und es gibt beachtliche Hürden und Herausforderungen. Aber es gibt auch ziemlich viele gute Argumente für mehr Technologie aus dem Eigenanbau. 

Hitzig diskutiert wird ja gerade über das 5G-Netz. Viele Länder, auch Österreich, setzen auf Technologie von Huawei, was aufgrund von Cybersicherheits- und Spionagebedenken und der Abhängigkeit von China hoch umstritten ist. Es ginge anders, denn es gibt auch europäische Anbieter wie Nokia. Das wäre wohl teurer, aber die Abhängigkeit von chinesischer Technologie könnte uns unterm Strich noch mehr kosten. Also warum nicht gleich Europas Wirtschaft stärken?

Wären wir weniger von amerikanischen und chinesischen Konzernen abhängig und würden eher unser eigenes Ding machen, könnten wir auch vernünftige Steuern dafür einheben. Welch gewaltige Einnahmen uns durch die Lappen gehen, wissen wir nicht erst, seit das EU-Gericht entschieden hat, dass Apple keinen Cent der geforderten 13 Milliarden Euro an Irland zahlen muss. Was wir mit dem Geld alles machen könnten, darüber lässt sich nur phantasieren. Wir könnten aber auch davon träumen, stattdessen europäischen Alternativ-Anbietern Steuergeschenke zukommen zu lassen.

Wir hätten zudem Ansprechpartner vor der Haustür. Sogar Apple-Gründer Steve Wozniak beschwerte sich, bei ­Google keine reale Person zu erreichen. Das wäre manchmal dringend, wenn zum Beispiel wieder einmal ein Bitcoin-Betrugsvideo auf Youtube in seinem Namen gepostet wird. Jetzt reichte er Klage ein. Europäische Anbieter von Apps, Plattformen, Hardware und Co. würden auch ein größeres Gleichgewicht auf dem Markt herstellen. Schließlich ist die Marktmacht der Big 4 jetzt sogar den USA selbst schon zu bunt. Die Bosse von Amazon, Apple, Facebook und Google mussten dazu vor dem Kongress öffentlich Stellung beziehen.

Apropos Politik: Als sich die Abgeordneten des EU-Parlaments wegen der Corona-Krise nicht physisch treffen und über Gesetze abstimmen konnten, konnten sie in manchen Ausschüssen ihre Stimme über die App iVote abgeben, die nur auf Apple-Geräten läuft. Wie bitte? Genau: Wer mitstimmen wollte, brauchte ein Apple-Gerät, musste ein iCloud-Konto anlegen und dort den Nutzungsbestimmungen zustimmen. Wie kann es sein, dass demokratische Entscheidungsprozesse über eine – nebenbei: amerikanische – App ablaufen, die nur auf einem Betriebssystem verfügbar ist? Hat man vielleicht als Notlösung, weil Corona so unerwartet über uns hereingebrochen ist, auf eine vorhandene Apple-App zugreifen müssen? Weit gefehlt, denn die App ist eine Entwicklung der IT-Abteilung des Europäischen Parlaments. Nun ja, immerhin beweist das – welche Überraschung – dass wir in Europa Apps programmieren können. Das ist ja fast beruhigend und zeigt: Wir können, wir wollen nur nicht so richtig.

Aber bleiben wir positiv: Dem Europäischen Statistikamt Eurostat zufolge verfügen vier von fünf jungen EU-Bürgern über grundlegende oder erweiterte digitale Kompetenzen. Wenn sich die nicht alle in der IT-Abteilung des EU-Parlaments bewerben, könnte noch Grund zur Hoffnung bestehen. 

Autor/in:
Alexandra Rotter

berichtet von den aktuellen Cyberwar-
Schauplätzen über Angreifer und deren Strategien,
Schäden sowie Rettungs- und Schutzmaßnahmen.

Werbung
Werbung