Direkt zum Inhalt

Leviten lesen

15.05.2019

Das gab es noch nie: Die Jungen erklären den Alten die Welt. Zu Recht. Wenn wir nicht auf sie hören, verstehen wir die Welt bald nicht mehr.

Wer wird morgen Weltmarktführer sein? Mit welchem Produkt in welcher Welt? Wer vor 300 Jahren gelebt hat, konnte noch relativ sichere Prognosen für die Zukunft abgeben und seinen Kindern sagen, wie die Welt tickt, die sie einmal vorfinden werden. Wer aber wagt es heute, den Kindern die Zukunft zu erklären?

„Wir leben in einer extrem herausfordernden Zeit. Es werden Lösungen für Probleme gesucht, wie wir sie in dieser Form noch nicht hatten. Klimawandel, Artensterben, Umweltzerstörung, damit verbundene Migrationsbewegungen, Ausbeutung des Planeten, irreversible Veränderungen.“ Das sind die Worte des Bundespräsidenten, der üblicherweise kein Aufreger ist. Diese Worte richtete er vor Kurzem in Form einer Videogrußbotschaft an die Pioneers of Change. Das ist ein gemeinnütziger Verein, der vor allem jungen Menschen Inspiration und Mut für Veränderung macht und bei Potenzialentfaltung, Visionsfindung und dem Aufbau innovativer Projekte unterstützt. Die Pioneers stehen symbolhaft für unzählige Initiativen, die am Rande der Wahrnehmung der breiten Öffentlichkeit die Zukunft gestalten. Sie stehen deshalb am Rande, weil das Augenmerk der Medien auf Katastrophen und große ökonomische Player gerichtet ist.

Dass es Gruppierungen gibt, die engagierte Onlinekongresse zu Zukunftsfragen abhalten, an denen über 20.000 User teilnehmen, merkt vom offiziellen Österreich derzeit zumindest Alexander van der Bellen, der erkennt: „Wir können die Augen nicht mehr verschließen, nicht mehr mit den Schultern zucken. Wir brauchen Veränderung. Unsere Art, zu wirtschaften, muss sich ändern. Hier und jetzt. Ich freue mich über Pioniere, die Wege aus der Krise aufzeigen. Wir brauchen das Engagement der Jungen, um Veränderung zu gestalten. Die Jugend wird die Veränderung bringen.“

So ist das heute. Nicht die Alten erklären den Jungen die Welt, sondern umgekehrt. Begonnen hat es ja mit den Produkten der Informationstechnologie, wo ältere Menschen die Minderjährigen bitten, sie in das Geheimnis dieser Geräte einzuweihen. Das ist eine in der Menschheitsgeschichte einmalige Umkehrung der Wissensvermittlung.

Jetzt tritt eine 16-jährige Schülerin namens Greta Thunberg auf und beschämt die älteren Generationen mit ihrem kraftvollen Protest gegen den Klimawandel. „Ihr seid nicht reif genug, zu sagen, was Sache ist“, sagt sie den politischen und ökonomischen Führern ins Gesicht, „sogar diese Bürde überlasst ihr uns Kindern. (…) Es ist absurd, dass Kinder das hier tun müssen. Aber da niemand sonst etwas tut (…)“, protestiert sie eben gegen die Ausbeutung der Erde. Anstatt in die Schule zu gehen, demonstriert sie jeden Freitag vor dem schwedischen Reichstag und hat in zahlreichen Ländern ähnliche Aktionen ausgelöst. Ein zwölfjähriges Mädchen namens Victoria Grant wiederum hält eine öffentliche Rede über das Bankensystem in Kanada.

„Wir müssen uns mit einer neuen demografischen Realität auseinandersetzen“, sagt Personalberater Andreas Schütz, der genau deshalb soeben eine Personalentwicklerfirma speziell für KMU ins Leben ruft, „die Babyboomer gehen in Pension. Wir haben jetzt Generation Y und Generation Z am Arbeitsmarkt. Die haben andere Motivationsfaktoren. Es geht um Work-Life-Balance, um Werte, um Sinn.“

Werte und Sinn sind die Treiber, die Phänomene wie Thunberg, Grant und die Pioneers of Change hervorbringen. Die neue demografische Realität erzeugt einen veritablen Mangel an Fachkräften und eine Fülle an Sinnsuchenden. Im Marketingsprech könnte man diese Leute „Value Driven Consumers“ nennen, aber wahrscheinlich würden die Gretas und Victorias gegen den Begriff „Consumer“ gleich wieder auf die Straße gehen – oder noch schlimmer: den Konsum einstellen. Es wachsen Leute heran, die sich mit Geld nicht kaufen lassen.

Nikolai Kondratieff hat Anfang des 20. Jahrhunderts die langen Wellen der Konjunktur beschrieben und jetzt, im „sechsten Kondratieff“ sind wir in der Konjunkturwelle der psychosozialen Gesundheit und Ganzheitlichkeit. Das entspricht dem Gipfel der Maslowschen Bedürfnispyramide, wo es um Transzendenz und Selbstverwirklichung geht. In diesen Bereichen werden dann wohl auch die Marktführer der Zukunft zu Hause sein. Wir Kinder der industriellen Revolution haben noch keinen Schimmer, was das genau bedeutet. Aber wir könnten ja mal die Gretas und Victorias und die Pioneers fragen. Die sind immerhin schon alt und sprachgewandt genug, um uns die Leviten zu lesen.

Autor/in:
Harald Koisser

schreibt philosophische Bücher und 
ist Herausgeber des Mutmacher-Magazins „wirks“. 
www.wirks.at, www.koisser.at

Werbung

Weiterführende Themen

Unternehmen
27.01.2021

Beschlaghersteller MACO macht es vor: Nachhaltigkeit und gute Geschäfte vertragen sich. In dem erstmals erschienenen Zukunftsbericht 2021 dokumentiert das Salzburger Familienunternehmen, wie es ...

Meldungen
27.01.2021

Der Magenta TUN, Technologie- und Nachhaltigkeitsfonds der Magenta Telekom, ist einer der bedeutendsten Nachhaltigkeitspreise Österreichs und vergibt jährlich, heuer zum 9. Mal, 50.000 Euro. Damit ...

Bild (v.l.n.r.): Karl Kienzl (C4F), Wolfgang Anzengruber (C4F), Michaela Reitterer (ÖHV), Hartwig Hufnagl (ASFINAG),  Andreas Matthä (ÖBB), Birgit Kraft-Kinz (C4F), Lukas Kienzl (C4F), Karin Zipperer (VOR)
Meldungen
22.01.2021

Rund um die Initiative economy4future kommen rund 410.000 MitarbeiterInnen und mehr als 11.000 Lehrlinge in den Austausch und ins Tun zu den Pariser ...

Die glücklichen Gewinner des TRIGOS 2020 - v.l.n.r.: Marcel Huber von SynCraft Engineering GmbH, Andreas Diesenreiter von Unverschwendet GmbH, Ingeborg Hochmaier von MED-EL Elektromedizinische Geräte GmbH, Nastassja Cernko von Oesterreichische Kontrollbank AG, Alfred Krobath von PMS Elektro- und Automationstechnik GmbH und Gerald Heerdegen von Fahnen-Gärtner GmbH.
Meldungen
19.01.2021

Von 18. Jänner bis 12. März 2021 können sich österreichische Unternehmen in sechs Kategorien für die renommierte Auszeichnung für verantwortungsvolles Wirtschaften bewerben.

Preisüberreichung im Wald: Jungbauern-Obmann Franz Xaver Broidl (vorne links) überreicht den Preis an Gewinnerin Viktoria Hutter und ihre Projektpartner Manfred Ergott (Druckerei Janetschek, 2. v. r.) und Thomas Göttinger (Göttinger Dessertmanufaktur, rechts). Ebenfalls unter den Gratulanten Wolfgang Gwiß (links) und Gerhard Bayer (3. v. l.) vom Raiffeisen Lagerhaus Waidhofen/Thaya.
Meldungen
06.01.2021

Das Waldviertler Klimaschutzprojekt waldsetzen.jetzt errang den dritten Platz beim Innovationspreis 2020 der österreichischen Jungbauernschaft. Das Ziel ...

Werbung