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Lessons Learned?

13.11.2018

Die Lehman-Pleite, die zur Finanzkrise geführt hat, ist mittlerweile zehn Jahre her. Groß waren Schock und Empörung. Doch was hat sich geändert? Wir haben bei Experten nachgefragt und die Fakten zusammengetragen.

Die Finanzkrise war einschneidend, massiv und global. Dementsprechend rasch wurde klar: Die Finanzwelt kann nicht einfach weitermachen wie bisher. Der Ruf nach massiven Veränderungen im System wurde laut. Eine Wiederholung sollte tunlichst verhindert werden. Vor allem zwei Dinge hatten Analysen gezeigt: Es war Marktversagen in den Finanzmärkten, das zum Kollaps geführt hatte. Und: Anders als zuvor gedacht, konnten solche Entwicklungen nicht durch Selbstregulierung verhindert werden. Auch das übertriebene Kreditwachstum in den Aufschwungphasen konnte als eines der Hauptmerkmale aller großen Finanzkrisen identifiziert werden. Darüber hinaus käme es laut Atanas Pekanov, Finanzmarktexperte beim Wirtschaftsforschungsinstitut und bei der WU Wien oft wegen der festen Verknüpfungen zwischen großen Kreditinstituten und der Konzentration des Risikos bei den wichtigsten Marktteilnehmern zu Kettenreaktionen, die die Folgen des Scheiterns eines einzelnen Instituts verschärfen. Punkte, an denen Regulation nach wie vor nötig wäre. Was also ist seitdem wirklich passiert?

WELCHE WESENTLICHEN ÄNDERUNGEN VORGENOMMEN WURDEN

Tatsächlich wurde bei der Regulierung und den Eigenkapitalvorschriften für Banken angesetzt. „Das Bankgeschäft ist noch ein deutliches Stück standardisierter geworden“, analysiert Lukas Sustala, Ökonom bei der liberalen Denkfabrik Agenda Austria. Das Ergebnis sind einerseits komplexere Regeln und genauere Vorgaben. Auf der anderen Seite wurden die Banken dazu verpflichtet, deutlich mehr Eigenkapital als noch vor der Krise zu halten. Mit positiven Effekten: In Österreich haben sich die Banken gesundgeschrumpft, die Bilanzsumme, also die Summe aller Aktiva, des österreichischen Bankensystems ist heute um knapp ein Drittel kleiner als noch 2008.

WAS GLEICH GEBLIEBEN IST

Doch viele andere Aspekte haben sich wenig bis gar nicht geändert. „Viele Geldinstitute sind auch heute „too big to fail“, also so groß, dass sie de facto nicht pleitegehen dürfen, ohne das Finanzsystem zu destabilisieren“, kritisiert Sustala. Darüber hinaus begünstigt das Steuerrecht tendenziell Schulden und bestraft Eigenkapital, obwohl die Regulatoren genau das – nämlich Eigenkapital – eigentlich fördern wollen. Ein weiterer Kritikpunkt: In Europa sind viele Banken noch immer zu eng mit Staaten verzahnt und halten große, im Zweifelsfall gefährliche Volumina an Staatsanleihen. Doch die Eigenkapitalvorschriften für Staatsschulden wurden nicht verändert, obwohl ein wesentlicher Teil der Finanzkrise in Europa auch eine Schuldenkrise war.

WAS SICH FÜR UNTERNEHMEN GEÄNDERT HAT

Unternehmer können ein Lied davon singen, und das ist kein Jubelgesang. Wer mit seiner Hausbank über Kredite verhandelt, muss deutlich mehr Sicherheiten beibringen. Riskantere und neue Investitionen zu finanzieren ist noch schwieriger geworden. „Daher ist es kein Wunder, dass gerade die vorhandenen Eigenmittel von Unternehmen stärker investiert werden“, meint der Sustala. Gerade junge Firmen wie Start-ups hätten hier aber ein Problem, weil es für sie kaum Wachstumsfinanzierung gibt. Woran sich die gebetsmühlenartige Forderung anschließt, dass Unternehmen vom Aufbau eines österreichischen Kapitalmarkts profitieren würden.

WIE DIE GEFAHR EINER NÄCHSTEN KRISE VERRINGERT WURDE

Gefahr erkannt, Gefahr gebannt? Eher nicht. Das Risiko einer nächsten Krise ist zwar durch die verschiedenen Maßnahmen tatsächlich verringert worden, jedoch besteht sie weiterhin − wie immer bei Finanzmärkten. Laut Sustala wird die nächste Krise zudem andere Ursachen als die vergangene haben. Als Beispiele nennt der Ökonom etwa die Auslandsverschuldung einiger Schwellenländer wie der Türkei oder Unternehmen wie Tesla, die hohe Schuldenberge für die Expansion angehäuft haben. Die Tatsache, dass die Finanzinstitute heute eine deutlich bessere Eigenkapitalausstattung als noch 2008 haben, ist aus seiner Sicht aber positiv. Doch einige finanzielle Übertreibungen, die nicht zuletzt von der extrem lockeren Geldpolitik der Zentralbanken angefeuert wurden, könnten sich noch als Bumerang entpuppen. In der Eurozone sei die Verschuldung immer noch sehr hoch, es gebe zudem keine wirklich funktionierenden Fiskalregeln, und die Zentralbank habe nur einen kleinen Spielraum. Sustala blickt auch warnend nach China. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde sei heute um rund 100 Prozent des BIPs höher verschuldet als noch vor zehn Jahren. Die Regulierungen sollten deswegen immer wieder weiterentwickelt und an die ständigen Veränderungen des Finanzmarktumfelds angepasst werden.

WIE SICH MINDSETS VERÄNDERN

Hat sich also vielleicht die Problematik nur verschoben, und das gefährliche Wegschauen geht weiter – nur eben an anderer Stelle? Atanas Pekanov vom Wifo verortet in den internationalen Organisationen ein durchaus wesentliches Umdenken. Dem Thema Regulation werde generell mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Doch dabei dürfe es nicht bleiben. Seine Empfehlung: „Die neue Finanzregulierung sollte beibehalten werden, da sie von größter Bedeutung nicht nur für die Finanzstabilität, sondern auch für die Stabilität des ganzen Wirtschaftssystems ist.“ Dass diese Vorsicht aber Kosten und Einschränkungen mit sich bringe, sei klar. Deshalb müssen Ökonomen, Bankwissenschaftler, Fachleute aus der privaten Sphäre und Entscheidungsträger immer wieder nach Verbesserungen der bestehenden regulatorischen Maßnahmen und deren Optimierung streben, um diese Kosten zu reduzieren und nicht zu viel Wachstum dadurch einzubüßen.

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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