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Leiden schafft Innovation

26.09.2016

Wer viel in die Entwicklung von Innovationen investiert, geht auch ein hohes Risiko ein. Doch Unternehmen, die weltweit Erfolg haben wollen, dürften keine andere Wahl haben.

„Es muss die beste  Lösung zur richtigen Zeit marktreif sein“,  Agrana-CEO Johann Marihart.

Bei Unternehmen wie dem Hochleistungskeramik-Spezialisten Lithoz sieht man fast überdeutlich, wie wichtig Forschung für die Weltmarktführerschaft ist. Das Unternehmen wurde als Spin-off der TU Wien gegründet und basiert auf einer Innovation, die an der Universität entwickelt wurde. Doch Forschung und Entwicklung (F&E) ist, da kann man fast schon verallgemeinern, für alle Weltmarktführer und Hidden Champions ein wichtiger Bereich, selbst bei Unternehmen, bei denen man es gar nicht vermuten würde, weil die Produkte, die man von ihnen kennt, auf den ersten Blick gar nicht besonders innovativ erscheinen.

So ist es etwa bei der Agrana, die für Zucker bekannt ist, einem jahrhundertealten Naturprodukt. Doch im Hintergrund des Weltmarktführers im Bereich Fruchtzubereitungen stehen Technologie und Forschung, die stets vorangetrieben werden. So betreibt der Konzern mit dem Agrana Research & Innovation Center (ARIC) am Standort Tulln ein eigenes Forschungszentrum, für das die Aufwendungen im Geschäftsjahr 2015/16 bei 14,9 Millionen Euro lagen. Im ARIC arbeiten 60 Mitarbeiter an Forschungsprojekten, und in Summe sind bei der Agrana mehr als 200 Mitarbeiter mit F&E-Aufgaben betraut. Das strategische Ziel des Unternehmens ist laut eigenen Angaben, „sich durch Produktinnovationen in ihren Geschäftsbereichen Zucker, Stärke und Frucht vom Mitbewerb zu differenzieren“. Daher arbeite man in enger Partnerschaft mit den Kunden an neuen Rezepturen, Spezialprodukten und neuen Anwendungsmöglichkeiten. 

Druck, der Erste zu sein

Konkret wird derzeit etwa im Bereich Zucker an der Entwicklung von neuen umweltfreundlichen und energiesparenden Verfahren und Verfahrensschritten gearbeitet. Im Bereich Stärke versucht die Agrana unter anderem, Green Glues zu entwickeln, die eine Alternative zu synthetischen Klebstoffen darstellen, und arbeitet an thermoplastischer Stärke für die Produktion von biologisch abbaubaren Biokunststoffen. Der Kerngeschäftsbereich Frucht wurde erst 2003 im Unternehmen installiert. Hier forscht die Agrana zum Beispiel an nicht deklarationspflichtigen Stabilisatoren für Fruchtzubereitungen und an Prozessen zur möglichst schonenden Behandlung des Rohstoffes.

Welcher Druck dahinter steckt, als Erster mit einer Innovation aufzutreten und damit verschiedene Märkte zu bespielen, verdeutlichen die Aussagen des Agrana-CEOs Johann Marihart: „Als Spezialitätenanbieter im Stärkebereich und Weltmarktführer bei Fruchtzubereitungen ist es unabdingbar, Innovator und nicht ­Follower mit Me-Too-Produkten zu sein.“ Dabei sei es wichtig, dass Innovationen wirtschaftlich umsetzbar seien – und das Timing spielt eine entscheidende Rolle: „Wir versuchen, als First Mover in regionalen Märkten möglichst früh in neue Entwicklungen zu gehen. Es muss die beste Lösung zur richtigen Zeit marktreif sein, ansonsten haben Innovationen keine Chance auf Verwirklichung.“

Konsequente Innovationsstrategie

Schon eher erwartet man Forschung bei einem Unternehmen wie dem Leiterplatten-Hersteller AT&S. Laut eigenen Angaben erzielt man rund 20 Prozent des Umsatzes mit innovativen Technologien, die während der letzten drei Jahre auf dem Markt eingeführt wurden. Diese seien „Ergebnisse der konsequenten Unternehmens- und Innovationsstrategie“, die den weiteren Ausbau der Technologieführerschaft zum Ziel habe. An der Forschungsquote und am Anteil der Mitarbeiter in F&E spiegelt sich wider, wie hoch der Stellenwert des Themas ist. So arbeiten knapp ein Zehntel aller AT&S-Mitarbeiter, nämlich rund 800, in der Technologie-Entwicklung und im Engineering. Im Durchschnitt hat AT&S in den vergangenen Jahren rund fünf Prozent des Umsatzes in F&E investiert. Durch die neue Technologie der IC-Substrate, die seit Februar im neuen Werk in Chongqing in Serie produziert werden, lag die Forschungsquote im Geschäftsjahr 2015/16 sogar bei 12,5 Prozent. Mittelfristig wird im Unternehmen eine Forschungsquote von rund acht Prozent angestrebt. 

Woran hier geforscht wird, ist für Laien eher schwer verständlich, aber die Tatsache, wie lange Innovationen vorbereitet werden, bis sie produziert werden können, sagt einiges aus. So wurde zum Beispiel an der ersten Generation der IC-Substrate 17 ­Monate lang entwickelt und gearbeitet. Im Februar ist man schließlich mit einer Zertifizierung in dieses neue Marktsegment eingestiegen. Dafür mussten alle Anlagen und hunderte Prozessschritte präzise definiert und Test-Substrate in Serie produziert werden. Innovation wird übrigens nicht nur auf die Entwicklung von Produkten angewandt, sondern gesamtheitlich gesehen. Vielmehr als um Produkte gehe es um Lösungen und Produktionsprozesse, um neue Anforderungen rasch zur Serienreife zu bringen. Kontinuierlich sei man zudem auf der Suche nach innovativen Lösungen, um die Geschäftsprozesse zu optimieren, zum Beispiel durch Industrie 4.0-Lösungen. 

Hohe Kosten, hohes ­Risiko

Forschung zu betreiben, die sich dann auch am Markt rechnen soll, ist meist extrem harte Arbeit und etwa besonders für KMU schwer zu stemmen. In einer Umfrage für den jüngsten Forschungsbericht etwa nannten Unternehmen als die drei größten Schwierigkeiten, die mit F&E verbunden sind: die hohen Kosten, das hohe wirtschaftliche Risiko im Fall von ausbleibendem Erfolg und den Mangel an passenden Experten. Immerhin gibt es aber doch eine sehr bunte Förderlandschaft, über die Institutionen wie etwa die Standortagenturen in den Bundesländern einen Überblick haben und Unternehmen beim Finden der richtigen Förderungen und beim Einreichverfahren unterstützen.

Bei Business Upper Austria in Oberösterreich etwa werden unter anderem Workshops zur Strukturierung der internen Innovationsprojekte angeboten. Beim Förderwettbewerb „Call Pro Industry 2015“ der Wirtschaftsagentur Wien wurden sogar so viele Projekte mit hoher Qualität eingereicht, dass die Fördersumme von den geplanten zwei Millionen auf 3,2 Millionen Euro erhöht wurde. Unter dem Titel „Benutzer im Fokus“ förderte die Wirtschaftsagentur kürzlich innovative und benutzerorientierte F&E-Projekte von neun Wiener Unternehmen mit ingesamt 1,6 Millionen Euro, darunter Otto Bock, Frequentis und Alysis.

In Kooperationen forschen

Vieles an unternehmerischer Forschung passiert mittlerweile nicht mehr im stillen Kämmerlein, sondern in Kooperationen – nicht zuletzt mit Universitäten und Forschungseinrichtungen. Innovationsexperte Reinhard Willfort-Zitz weist darauf hin, dass Forschung nicht immer in jenen Unternehmen passieren muss, die damit das Geschäft machen: „Oft ist nicht der, der’s erfunden hat, auch der, der das große Geld damit macht.“ Für die Verwertung und Verbreitung eines Forschungsergebnisses bzw. einer technologischen Entwicklung müssen schließlich auch wieder viele Ressourcen eingesetzt werden.

Wenn Unternehmen das Vorantreiben von Innovationen unterschätzen oder vernachlässigen, werden sie oft von neuen Playern unter Druck gesetzt. Willfort: „Gerade große Tanker sind gewohnt, das zu machen, was sie gut kennen und vergessen, neue Ideen für zukünftige Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln, und auf einmal entsteht eine Pa­rallelwelt außerhalb dieser Tanker.“ Im Bankensektor seien das etwa die Fintechs, oder „im Mediensektor ist es die Mizzitant mit ihrem Kochblog“. Um hier den oft entstandenen Rückstand möglichst schnell aufzuholen, versuchen jetzt immer mehr Unternehmen, mit Start-ups zu kooperieren, die für Neues offener sind (siehe Artikel S. 42). Firmen hätten gerade ein sehr offenes Ohr für diese „schnellen Brüter“ aus dem Hochrisikobereich, von denen aber viele auch wieder verschwinden werden. 

Groß im Kommen sind derzeit auch sogenannte agile Entwicklungsmethoden, deren Vorteil es ist, dass Ideen sehr früh abgetes­tet und angepasst werden, sodass nicht erst ein Vermögen in eine Entwicklung fließen muss, die am Markt dann vielleicht gar nicht angenommen wird. Und vielleicht wird spätestens dann wieder an F&E gedacht, wenn die Herausforderer anfangen, bestehenden Unternehmen das Geschäft abzugraben. Willfort: „Das hilft ein ­bisschen: Leiden schafft Innovation.“

Autor/in:
Alexandra Rotter
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