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Küsst die Wirtschaft gut,…

10.03.2012

Die Bruderkussforschung ist, wie der Bruderkuss selbst, in den letzten Jahren etwas ins Abseits geraten. Daran änderte auch der exakt 33 Stunden dauernde Kuss der beiden Studenten Matty Daley und Bobby Canciello aus New Jersey nichts.

Vor kurzem wurde der Weltrekord im Dauerküssen von einem verheirateten Heteropaar aus Thailand zurückerobert. Wie langweilig. Dabei wäre gerade der Bruderkuss ein Ritual, mit dem sich in unserer unromantischen und gefühlsarmen Zeit ein echter Akzent setzen ließe, ein Hingucker. Faymann und Spindi wären gut beraten, sich öfters mal öffentlich zu küssen. Vielleicht bei ihren Pressefoyers? Die Titelbilder der Tageszeitungen wären ihnen sicher und Good News dazu. Welcher Redakteur wollte angesichts solcher Bilder einen Koalitionskrach herbeischreiben?

Es müsste aber ein richtiger Kuss sein, kein Bussi. Das haben uns die Sozialisten schon beeindruckend vorgemacht, wie das geht. Bussis, noch dazu angedeutete, sind ja nichts anderes als verklausulierte Verachtung. Sie sind nachgerade das Gegenteil von einem Kuss. Repräsentierte der sozialistische Bruderkuss das Sowjetimperium vor seinem Niedergang, so steht das doppelte Bussi, das Bussi-Bussi, in Kitzbüheler Russendiscos für das Ende des Kapitalismus.

Die anerkannte Bruderkussforscherin Claudia Schimmel deutet den sozialistischen Bruderkuss übrigens als Initiationskuss, der die Übergabe des Atems, des Pneuma, des Geistes, in diesem Fall des sozialistischen, von Mund zu Mund symbolisiert. Klar, dass geistlose Gesellschaften heute nur Bussi-Bussi können, denn was wollte man sich da gegenseitig einhauchen? Außerdem hat es derart körperbetonte Symbolik in Zeiten von Schweine- und Vogelgrippe aus rein medizinischen Gründen schwer. Eltern raten ja ihren Heranwachsenden heute auch davon ab, Blutsbrüderschaft zu schließen wie weiland Pierre Brice und Lex Barker alias Winnetou und Old Shatterhand, nachdem sie ihrem Widersacher Tangua ins Knie geschossen haben. In den 70er-Jahren galt das noch als nachahmenswert, und Narben am Unterarm von Pubertierenden zeugten nicht von psychischen Störungen, sondern von Männerfreundschaft.

Wir Männer wollen unsere Freundschaften besiegeln, verbriefen, ritualisieren. Ihr Zweck ist das Erreichen eines gemeinsamen Zieles. Erwachsenen geht es dabei natürlich weniger um einen Sieg gegen die Kiowas als vielmehr um Geschäftsinteressen. So überrascht es nicht, dass die Bruderkussforschung dessen Ursprünge nicht nur im Osterkuss der Ostkirche, sondern, jetzt kommt’s, im Zunftwesen des Mittelalters verortet. Österreichs Handel und Gewerbe, vertreten durch die Wirtschaftskammer, allen voran durch ihren Oberboss Christoph Leitl, ist also der einzig rechtmäßige Wahrer dieser Tradition. Wer weiß, vielleicht gehen ja von dort bald neue Impulse aus? Ein knackiger Claim für die WKO wäre schnell gefunden, und auch jüngere Zielgruppen ließen sich so für Wirtschaft begeistern.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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