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Norman Bücher bei der Durchquerung der chilenischen Atacama-Wüste

Kopf über Körper

06.07.2015

Reden wir über Motivation. Extremläufer Norman Bücher über menschliche und wirtschaftliche Grenzüberschreitung und den Sinn des inneren Schweinehundes.

 

Interview: Alexandra Rotter

Sie haben die Atacama-Wüste in Chile und das australische Outback durchquert und sind eine Strecke von mehr als sechs Marathonlängen durch Bhutan gelaufen, um nur einige Ihrer Abenteuer zu erwähnen. Was treibt Sie an, sich solchen Strapazen zu unterziehen?

Es sind die besonderen Lebenserfahrungen, die ich bei solchen Läufen sammle. Es geht darum aufzubrechen, Unbekanntes zu wagen, etwas Neues zu tun. Und um Begegnungen mit anderen Kulturen und Menschen. Ich sage immer: Das Auge läuft mit. Ich liebe die Natureindrücke, die Weite und Stille wie etwa letztes Jahr in der Wüste Gobi und der Mongolei. Wenn es mir nur um sportliche Aspekte ginge, würde ich in Deutschland meine Runden drehen.

 

Wollen Sie sich etwas beweisen?

Mir persönlich: Ja. Ich will Grenzerfahrungen machen und ausloten, was möglich ist. Aber ich muss niemand anderem etwas beweisen. Es geht mir nicht darum zu zeigen, was für ein toller Hecht ich bin – jedenfalls nicht mehr.

 

Was ist wichtiger, um einen Ultramarathon durchzuhalten: ein starker Körper oder ein starker Wille?

Der Körper ist die Voraussetzung, aber der Kopf entscheidet, ob du dein Ziel erreichst. Rund 70 bis 80 Prozent spielen sich im Kopf ab. Je länger und fordernder eine Strecke ist, desto größer ist die Rolle des Kopfs. Ich arbeite viel mit Bildern, mache Mentaltraining und beschäftige mich gedanklich intensiv mit meinen Zielen.

 

Wie viel Zeit verbringen Sie mit Mentaltraining?

Ich beame mich meist morgens und vorm Einschlafen für zehn Minuten in meine Zielregion und sehe mich dort laufen – Monate oder Jahre, bevor ich hinfahre. Am wirksamsten sind tägliche kleine Sitzungen, um gedanklich an seinem Ziel zu arbeiten.

 

Es heißt: Wer sich bei der Hälfte eines Marathons fragt, warum er das tut, hat schon verloren. Wie ist das bei Ultramarathons?

Auch für mich ist die Hälfte einer Strecke mental ein markanter Punkt. Ab der Hälfte zähle ich wieder rückwärts und denke: Das meiste hab ich jetzt hinter mir. Prinzipiell strukturiere ich lange Strecken in viele kleine Abschnitte. Ich denke nicht an 600 Kilometer, sondern nur an die Tagesstrecke.

 

Aktuell könnte man die Wirtschaft mit einem Ultramarathon vergleichen: Man beißt sich durch und strengt sich an, damit die Krise schneller vorbei ist. Was raten Sie den Ultramarathonläufern in der Wirtschaft? Wie können sie durchhalten?

Man muss zwischen Unternehmenszielen und persönlichen Zielen unterscheiden. Bei Letzteren ist entscheidend, erst einmal sein Spielfeld zu finden. Die hohe Burnout-Rate rührt ja daher, dass viele Menschen auf dem falschen Spielfeld agieren, wo sie ihre Stärken nicht ausspielen können, weil sie nicht das machen, womit sie sich wohlfühlen. Seine Stärken, Motive und Werte zu finden ist wichtig.

 

Haben Sie immer gewusst, welche Ihre Stärken sind?

Nein. Ich habe BWL studiert und bin ins Consulting gegangen. Doch ich habe mich unwohl gefühlt. Dann habe ich einen untypischen Beruf gewählt: „Extremsportler" gibt es nicht als Anforderung beim Arbeitsamt. Das war keine rationale Entscheidung. Ich bin meinem Herzen gefolgt und habe mich gefragt: Was ist meine Stärke? Ich habe analysiert, was ich gut kann, was ich will und was meiner Persönlichkeit entspricht, und meinem Gefühl vertraut.

 

Sie halten Vorträge über Motivation. Welche Fragen stellen Ihnen die Teilnehmer?

Egal ob Sportler, Student oder Führungskraft: Sie wollen wissen, wie sie ihren inneren Schweinehund überwinden und aus einem Motivationsloch herauskommen.

 

Das wollen wir auch wissen!

Es geht darum, seine Ziele vor Augen zu haben. Man muss sich fragen: Sind meine Ziele noch aktuell? Ziele sind nichts Statisches. Ich nehme mir pro Quartal einen Tag Auszeit, an dem ich mich aus dem Alltag ausklinke und mir bewusst Zeit nehme, um über meine Situation nachzudenken. Im Alltagsgeschäft, wenn das Telefon läutet oder man Kundenkontakt hat, ergibt das keinen Sinn. Sehr wichtig ist, sich nicht zu viele Ziele zu stecken: Man sollte immer nur maximal ein großes Ziel verfolgen.

 

Ist Ihnen die Motivation schon einmal ausgegangen?

Ja. Es passiert mir, dass ich ein Ziel habe, bei dem ich anfangs euphorisch bin, aber es mir dann immer schwerer fällt, mich dafür zu motivieren. Dann gehe ich in mich und merke, dass es doch das falsche Ziel für mich ist. Wenn der Funke nicht mehr da ist und man sich quälen muss, ist es besser, ein neues Ziel zu suchen. Aber auch, wenn es das richtige Ziel ist, hat man manchmal mit der Motivation zu kämpfen, ist körperlich nicht so fit, hat zu viel um die Ohren. Das liegt in der Natur des Menschen.

 

Und was tun Sie dann?

Ich akzeptiere meinen inneren Schweinehund. Wenn ich einmal nicht vorankomme, mache ich eine Pause und gehe in die Sauna. Das schützt vor Überforderung und davor, sich kaputtzumachen. Man muss lernen, wann eine Pause nötig ist und wann es besser ist, den Schweinehund zu überwinden.

 

Fehlt uns eine Kultur des Scheiterns?

Da können wir uns von anderen Kulturen was abschneiden. Jeder, der schon gescheitert ist, weiß: Daraus zieht man wichtigere Erfahrungen als nach einem Erfolg. Im Beruf wirkt das hemmend: Wenn man weiß, der Vorgesetzte sieht es nicht gern, wenn ich scheitere, probiert man neue Sachen erst gar nicht aus.

 

Sie wollen Ihre Grenzen überschreiten. Aber hat nicht alles eine natürliche Grenze?

Auf die Wirtschaft bezogen ist es selbstredend, dass sie nicht ewig wachsen kann: Irgendwann ist Stagnation erreicht. Persönliches Wachstum ist eine andere Baustelle. Ich habe schon Projekte abgebrochen, weil ich an meine Grenzen gestoßen bin – und das ist gut so. Es muss nicht immer höher, schneller, weiter gehen. Persönliches Wachstum kann auch bedeuten, sich in einem Bereich weiterzubilden, den man noch nicht kennt – zum Beispiel eine neue Fremdsprache zu lernen.

 

Was ist schwieriger? Sich selbst oder andere zu motivieren?

Es ist erwiesen, dass der Mensch sich langfristig nur intrinsisch motivieren kann. Anreize wie ein hohes Gehalt oder ein Firmenwagen ziehen nur kurzfristig. Langfristig muss der Mensch Sinn in einer Sache sehen, um sich dafür zu begeistern. Natürlich muss ich als Führungskraft ein Ziel vorgeben, aber die Kunst ist herauszufinden, was daran für den Mitarbeiter sinnstiftend ist. Dann kann er das Ziel zumindest ein Stück weit zu seinem eigenen machen.

 

Ein letzter Motivations-Geheimtipp?

Das Wichtigste ist: Finde deine Talente, erkenne dich selbst, deine Motive und Werte – und finde darauf basierend deine Lebensziele. Dann ist man langfristig motiviert.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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