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Konjunkturdelle, aber keine Rezession

09.12.2019

Die nächsten beiden Jahre, also 2020 und 2021, werden eine leichte Abschwächung der Weltkonjunktur bringen, doch nicht die von vielen befürchtete Rezession, erklärte Christian Helmenstein beim Expertengespräch „Investmentausblick 2020“ der Bankhaus Krentschker & Co. AG am Donnerstag in Wien. 

„Wir haben zwei schwache, aber keineswegs stagnierende Jahre vor uns“, betonte der Chefökonom der Industriellenvereinigung und Leiter des Economica Institutes für Wirtschaftsforschung, der auch Mitglied des Bankhaus Krentschker Investment-Komitees ist. Treiber des Wachstums werden wieder einmal China und Indien sein, deren Beitrag zum weltweiten BIP-Wachstum so stark steigt, dass die beiden Länder bereits rund 50% dazu beisteuern. Gleichzeitig verlieren die USA und die 28 EU-Staaten in ihrer Wirkung auf das Wachstum massiv an Bedeutung: Nur mehr rund 16% des internationalen BIP-Plus gehen auf deren Konto.

Dynamik in Zentral- und Westeuropa

Deutlich dynamischer entwickelt sich der Raum Zentral- und Osteuropa, wo das Wachstum im Schnitt rund 3% höher ist als in Westeuropa und darüber hinaus dieser Vorsprung über die nächsten 50 Jahre anhalten werde, was vor allem zu einer starken Abnahme der Arbeitsmigration nach Österreich führen wird, erklärte Helmenstein. Im Westen Europas sieht der Ökonom vor allem in den Sanktionen gegenüber Russland eine der maßgeblichen Ursachen für Wachstumsverluste. Österreich hat durch seine enge Verflechtung mit der russischen Wirtschaft wesentlich stärker als andere Länder darunter gelitten: Seit dem Jahr 2014 wurde mit dem wichtigen Handelspartner ein Exportminus von 46% eingefahren, während die Einbußen der USA, Frankreichs und Deutschlands 40% und weniger betrugen. „Die österreichischen Ausfuhren nach Russland haben sich nahezu halbiert, was durch Exporte in kleinere Balkanländer nicht zu substituieren ist“, skizzierte Helmenstein das Problem und sprach sich für ein Ende der Sanktionen aus. 

Risiken für Weltkonjunktur

Einig ist er sich mit den meisten Experten darin, dass derzeit die Politik - Stichworte Trump und die von ihm angezettelten Handelskriege – die größte Schwachstelle der internationalen Konjunktur ist: „Sobald die politischen Unsicherheiten weg sind, gäbe es Potenzial für einen Aufschwung.“  Das zweite und eigentlich einzige tatsächliche ökonomische Risiko sei die Aufblähung der Kredite in China, die sich zu einer veritablen Blase auswachsen könnte. 

Sinkende Kapitalnachfrage drückt Zinsen

Bereits 2015 hatte Helmenstein beim „Investmentausblick“ des Bankhauses Krentschker prognostiziert, dass die Zinsen – vor allem in Europa –  über 25 Jahre real nicht mehr steigen würden, erinnerte Krentschker-Vorstand Alexander Eberan beim Expertengespräch. Helmenstein bleibt bei dieser Vorhersage und macht für die extrem niedrigen Zinsen, die laut dem sogenannten „Schattenleitzins“ der beiden US-Ökonominnen Jing Cynthia Wu und Fan Dora Xia in der Eurozone bereits bei minus 8% liegen, keineswegs die lockere Geldpolitik der Notenbanken verantwortlich, sondern die lange Friedenszeit in Europa und die stetig sinkende Nachfrage nach Kapital:  „Unternehmen benötigen durch den rasanten Technologiewandel immer weniger Kapital. Die niedrigen Zinsen sind einfach die Folge von Angebot und Nachfrage.“  Was dies für die Veranlagung von Vermögen heißt, skizzierte Karl Freidl, der Leiter des Vermögensmanagements des Bankhauses Krentschker: Anleihen von guter Bonität seien als Renditebringer passé, daher sei ein mindestens 50%iger Aktienanteil im Portfolio nötig, um das Vermögen real zu erhalten. „Die Renditen kommen aus der Realwirtschaft“, so Freidl.

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