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Konjunktur verliert an Dynamik

17.07.2019

Warum der Eurozone das Niedrigzinsumfeld wohl auch unter neuer EZB-Spitze erhalten bleiben wird und welche Entwicklungen die Märkte beunruhigen - ein Überblick. 

Politischen Faktoren bleiben weiterhin das größte Risiko für die Konjunktur“, meint Bawag P.S.K. Economist Ingo Jungwirth.

In der ersten Jahreshälfte 2019 haben sich alle Anzeichen für eine hohe, jedoch abnehmende Wachstumsdynamik erhärtet. Die Konjunkturprognosen 2019 gehen für Europa von einem schwächeren Wachstum als noch 2018 aus. Trotzdem bleibt die Stimmung an den Finanzmärkten gut. In den USA und in Europa durften sich Anleger im ersten Halbjahr sogar über zweistellige Zuwachsraten bei Aktienindizes freuen. Laut Bawag P.S.K. Economist Ingo Jungwirth ist dies unter anderem auf Ankündigungen der US-Notenbank Fed und der Europäischen Zentralbank zurückzuführen: „Beide Notenbanken handeln aktuell proaktiv, um keine Zweifel an einer Unterstützung durch die Geldpolitik im Falle eines Wirtschaftsabschwungs aufkommen zu lassen. Niedrige Zinsen und die Aussicht auf noch mehr billiges Geld sind der Treibstoff der Finanzmärkte. Deshalb sind sie trotz aktueller Warnsignale und politischer Risiken weiterhin positiv eingestellt.“
 
Eurozone und USA: Abnehmen der Wachstumsdynamik, solider Arbeitsmarkt

Wirft man einen Blick auf aktuelle Konjunkturprognosen für 2019, so deuten diese auf ein schwächeres Wachstum in der Eurozone (1,1%) und den USA (2,5%) gegenüber dem Vorjahr 2018 (Eurozone: 1,9%; USA: 2,9%) hin. „Politischen Faktoren bleiben weiterhin das größte Risiko für die Konjunktur“, erklärt Jungwirth und verweist insbesondere auf die Handelsstreitigkeiten zwischen den USA, China und anderen Handelsmächten. Die Anzeichen für ein schwächeres BIP-Wachstum in der Eurozone und in den USA spiegeln sich in einem Rückgang zahlreicher Frühindikatoren wider: So sank neben dem Wachstum der Anlageinvestitionen in den USA auch erstmals seit Jahren das Konsumentenvertrauen in den USA deutlich. Auch Umfragen zum Wirtschaftsvertrauen unter Unternehmen in den USA und Europa belegen eine Stimmungseintrübung.

Im Gegensatz dazu herrscht an den Arbeitsmärkten eine positive Stimmung: In der Eurozone deuten Prognosen für das Gesamtjahr 2019 auf eine Erholung der Arbeitslosenquote auf 7,7% (2018: 8,2%) hin. In den USA herrscht weiterhin Vollbeschäftigungsniveau, wobei davon ausgegangen wird, dass sich die Arbeitslosenquote sogar von 3,9% (2018) auf 3,7% (2019) weiter reduzieren wird.
 
EZB und Fed als Hoffnungsträger für Investoren

An den Finanzmärkten lassen sich aktuell keine Unsicherheiten feststellen – vor allem die Aktienbörsen bleiben positiv gestimmt: In den USA und in Europa verzeichneten Aktienindizes im ersten Halbjahr 2019 zweistellige Zuwachsraten. Zudem reduzierten sich die Risikoaufschläge auf den Rentenmärkten deutlich. Italienische Staatsanleihen handeln mittlerweile zum geringsten Risikoaufschlag zu deutschen Staatsanleihen seit Mitte 2018. Dafür mitverantwortlich seien laut Jungwirth die EZB und die Fed: „Die beiden Notenbanken sicherten den Märkten kürzlich die Unterstützung der Geldpolitik bei einem möglichen Wirtschaftsabschwung zu. Das gibt den Finanzmärkten Hoffnung.“ In den USA werden im dritten Quartal 2019 Zinssenkungen im Umfang von insgesamt 0,5%-Punkten auf ein Leitzinsniveau von 2,0% erwartet.

In Europa ist die Geldpolitik etwas komplizierter, hebt Jungwirth hervor: „Die EZB hat es in der starken Konjunkturphase in den Jahren 2017 und 2018 verabsäumt, die Leitzinsen über die Nulllinie anzuheben. Sollte sich die konjunkturelle Dynamik weiter abkühlen, stehen der EZB weniger Maßnahmen zur Stützung der Wirtschaft zur Verfügung als der Fed.“ Zusätzlich zu einer aktuell diskutierten potenziellen Reduktion des Einlagenzinssatzes von -0,4% auf -0,5% gehen Marktteilnehmer aktuell davon aus, dass die EZB ihr Wertpapierankaufprogramm ab 2020 wiederaufnehmen wird.

Sparer: Selbst Veranlagungshorizonte von 100 Jahren liefern nur Rendite unterhalb der Inflation
 
Hinsichtlich der Zinspolitik in Europa wird sich wohl auch durch die Bestellung der ersten Frau an der Spitze der Europäischen Zentralbank wenig ändern. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass Christine Lagarde den pragmatischen Kurs ihres Vorgängers beibehält“, so Jungwirth. Das würde ein weiterhin günstiges Umfeld für Unternehmen und Private, die Kredite aufnehmen wollen, bedeuten. Besonders Sparer bleiben im Niedrigzinsumfeld aber weiterhin auf der Strecke. So betrug im Mai 2019 die Preissteigerung in Österreich 1,7% – im Gegensatz dazu ist beispielsweise die Rendite von deutschen Staatsanleihen auf ein historisch einmaliges Tief gefallen – mit 15-jährigen Staatsanleihen erzielt man eine Rendite von 0%; selbst mit 100-jährigem Veranlagungshorizont – wie etwa mit einer kürzlich begebenen Staatsanleihe der Republik Österreich, die eine jährliche Rendite von 1,2% abwirft – ist keine Rendite über der Inflation zu erzielen. „Eine Fortsetzung der Politik des günstigen Geldes bedeutet, dass weiterhin kein Weg am Kapitalmarkt vorbeiführt um die Kaufkraft des Vermögens zu erhalten. Wer höhere Rendite möchte, sollte aktuell ein höheres Risiko bei der Veranlagung in Kauf nehmen.“
 

 
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