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Konjunktur: Es geht bergauf

23.11.2017

Die Weltwirtschaft erholt sich, und Österreich zieht mit. Dafür, dass der Aufschwung nachhaltig sein wird, gibt es keine Garantie. Doch es sieht gut aus.

„Ja, die Krise ist vorbei“, sagt Konjunkturexperte Marcus Scheiblecker.
POTENZIELLE KRISENHERDE

So gut wie alle wichtigen Wirtschaftskennzahlen entwickeln sich derzeit positiv. Doch wer auf die Zwischentöne hört, merkt schnell, dass es durchaus noch Unsicherheiten gibt. Da ist zum einen die Entwicklung der Immobilienpreise und der Aktienkurse. Die Inflation entwickelt sich nicht wie gewünscht. Die Staatsschulden werden nur unzureichend verringert – und das trotz der Niedrigzinspolitik der vergangenen Jahre. Gerade die Tatsache, dass die EZB nach wie vor beim Leitzins zurückhaltend ist und ihn noch immer nicht anhebt, mag sich zwar auf den Konsum weiter positiv auswirken. Diese expansive Zinspolitik ist aber zum einen für Sparer unerfreulich und könnte auch zu größeren Problemen führen, wenn es wieder zu einer Rezession kommt und es dann keinen Spielraum bei den Zinsen mehr gibt. Auf die positive Konjunktur sollte man sich auch nicht komplett verlassen, denn sie hat durchaus auch ein gewisses Eigenleben: Warum sie sich phasenweise positiv entwickelt und dann wieder ins Gegenteil verkehrt, haben die Wirtschaftswissenschaften – sowohl in der Theorie als auch in der Praxis – noch nicht ausreichend erforscht.

TEXT: ALEXANDRA ROTTER

Seit einem halben Jahr hat niemand mehr Marcus Scheiblecker, dem stellvertretenden Leiter des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO), die eine Frage gestellt – die Frage, die er bis zuletzt immer mit Nein beantworten musste: Ist die Krise wirklich vorbei? „Heute ist das erste Mal, dass ich sagen kann: Ja, die Krise ist vorüber“, sagt der Konjunktur- und Wachstumsexperte. „Konjunkturindizes auf Höchstwerten“ lautet denn auch der Titel des jüngsten WIFOKonjunkturtests vom Oktober. Schon der erste Satz darin lässt nach Jahren der Unsicherheit so richtig aufatmen: „Die WIFOKonjunkturindizes für die Gesamtwirtschaft steigen im Oktober 2017 auf neue Höchstwerte. Die österreichischen Unternehmen bewerten die konjunkturelle Lage ausgezeichnet und blicken sehr optimistisch auf die kommenden Monate.“

DEUTLICHER AUFWÄRTSTREND

Zahlreiche wichtige Indikatoren zeigen deutlich nach oben: Die Wirtschaft wächst wieder, und zwar nicht nur in Österreich, sondern auch europaund weltweit. Die Arbeitslosigkeit geht endlich zurück. Die Unternehmen investieren. Der Konsum nimmt zu. Es wird wieder kräftig exportiert. Und all das soll auch in den nächsten Monaten so bleiben. Alles scheint zu rufen: Es geht aufwärts!

Seit Beginn der Wirtschafts- und Finanzkrise ist jetzt bald ein Jahrzehnt vergangen – und auch, wenn es in dieser Zeit durchaus positive Phasen und Entwicklungen gab, so blieb bei den meisten Wirtschaftsexperten und erst recht in der Bevölkerung ein bitterer Beigeschmack – nach dem Motto: Die Krise hat uns wie ein Blitz getroffen, niemand konnte den weltweiten Dominoeffekt der Lehman-Pleite vorhersehen. Daher traute man sich lange Zeit gar keine oder nur extrem vorsichtige Prognosen zu treffen – schließlich wüsste man jetzt, wie volatil und komplex das globale Wirtschaftssystem sei.

DIE GOLDGLÖCKCHEN KLINGELN

Dieser Trend ändert sich jetzt. Der Optimismus darf wieder sprühen. Das globale Innovationsbudget durchbricht erstmals die 700-Milliarden- Dollar-Grenze – das geht aus der Ende Oktober präsentierten Studie „Global Innovation 1000“ von Strategy&, der Strategieberatung von PwC, hervor. Für die Studie analysiert Strategy& die Budgets der tausend börsennotierten Unternehmen mit den weltweit höchsten Forschungs- und Entwicklungsausgaben. Auch in der EU zieht die Konjunktur wieder an, und manches Schuldenland weist klares Wachstum auf. An den Börsen herrscht Goldgräberstimmung. So berichtete das Vermögensverwaltungsunternehmen Danske Invest Mitte Oktober in einer Aussendung: „Ein globaler Aufschwung in Kombination mit einer niedrigen Inflation bedeutet, dass sich die Wirtschaft in einem sogenannten ‚Goldglöckchen-Szenario‘ befindet – ein für Anleger ideales Umfeld.“ Konkret erwartet Danske Invest, „dass globale Aktien in den nächsten zwölf Monaten in Lokalwährung eine Rendite von acht bis zwölf Prozent erzielen werden.“

Auf nationaler Ebene sieht es ebenso gut aus: Das BIP in Österreich wird laut WIFO 2017 die höchste Steigerungsrate seit sechs Jahren, nämlich 2,8 Prozent, erreichen. Und für 2018 rechnet das WIFO damit, dass die heimische Wirtschaft ebenso stark wachsen wird wie 2017. Danach soll es ähnlich weitergehen: Bis 2022 soll die österreichische Wirtschaft im Schnitt jährlich um zwei Prozent wachsen. Die gute internationale Konjunktur führe zu stärkeren Exporten, und höhere Einkommen würden den Konsum stützen. Die Arbeitslosenquote soll bis 2019 auf acht Prozent zurückgehen. Und auch die Insolvenzen nehmen in Österreich aktuell ab. Die Creditreform Insolvenzstatistik verglich die Insolvenzen der ersten drei Quartale 2017 mit dem Vergleichszeitraum 2016: Die Unternehmensinsolvenzen gingen in diesem Zeitraum um 6,2 Prozent auf knapp 4.000 zurück, die Privatinsolvenzen gar um 19,9 Prozent auf rund 5.600.

FRAGE DER NACHHALTIGKEIT

Doch wie nachhaltig ist dieser Konjunkturaufschwung? Kann es wieder bergab gehen? Könnte bald die nächste Blase platzen? Schwer zu sagen, meint Marcus Scheiblecker, vor allem, weil es noch nie eine vergleichbare Situation gab, nämlich dass in einer Aufschwungphase expansive Geldpolitik betrieben wird. Es gebe noch keine Erfahrungen mit Nullzinsen. Scheiblecker geben insbesondere die hohen Aktienkurse zu denken, daher sei es ein mögliches Szenario, dass es im nächsten Halbjahr zu einem Aktiencrash komme. Dieser würde auch die Realwirtschaft negativ beeinflussen, und eine neuerliche Rezession wäre dann wahrscheinlich. Doch diese wäre viel schwächer ausgeprägt und würde kürzer dauern als jene der Krisenjahre, weil es aktuell nicht so viel Fehlspekulation gebe wie vor der Krise. Eine Rezession könnte konkret 2018 von den USA ausgehen und 2019 den Euroraum treffen.

Dass sich die Geldpolitik nach wie vor nicht traut, den Leitzins zu erhöhen, halten viele Experten für problematisch. Die Europäische Zentralbank (EZB) zögert mit diesem Schritt, weil die Inflation noch nicht genügend angezogen hat. „Dass die Zinsen immer noch so niedrig sind, erfüllt uns mit Sorge“, sagt Scheiblecker, denn: „Was macht man dann in der nächsten Rezession?“ Um in so einem Fall wieder Spielraum zu haben, sollte man jetzt „aus konjunkturellen Gründen wieder mit den Zinsen raufgehen“. Scheiblecker glaubt, dass ein höherer Zinssatz die positive Konjunktur derzeit nicht abwürgen könnte: „Das schafft er nicht mehr.“

ZINSEN UND INSOLVENZEN

Marina Machan, Bereichsleiterin für Information und Rating bei der Acredia Versicherung, hält die Zinssatzveränderungen für entscheidend, insbesondere bei den Insolvenzen: „Sobald der Zinssatz hinaufgeht, werden die Insolvenzen auch nach oben gehen.“ Viele Unternehmen haben jetzt von den niedrigen Zinsen profitiert, weil sie Kredite zu sehr günstigen Konditionen aufgenommen haben. Und in den vergangenen Jahren wurden wieder mehr Kredite abgeschlossen, weil die Unternehmen positiver in die Zukunft blicken. Wenn die Zinsen jetzt ansteigen, werden das vermutlich viele Unternehmen spüren – und manche, ist Machan sicher, werden das zusätzlich nötige Geld dann nicht mehr verdienen können und in die Insolvenz schlittern. Diese Gefahr sieht sie unter anderem im Handel: Retail-Unternehmen, die noch kein Online-Geschäft anbieten, leiden unter dem Druck der Konkurrenten, die hier schneller waren – und können die Umsatzeinbußen oft nicht mehr zurückholen. Machan: „Die kleinen Elektronikhändler sind bereits großteils verschwunden.“ Und diese Tendenz werde es im Retail auch in den nächsten Jahren weiterhin geben.

Doch im Großen und Ganzen ist die Lage gut. Positiv hat sich etwa die Zahl der Schadensfälle bei der Prisma Kreditversicherung, einer Produktmarke der Acredia Versicherung, entwickelt: 2009 gab es rund 3.400 Schadensfälle, 2016 lag die Zahl bei rund 2.200, Tendenz: sinkend. Besonders gut entwickelt sich auch das durchschnittliche Rating der Prisma-Risiken – dieses geht seit der Krise trotz leichter Ausschläge eindeutig nach unten und liegt derzeit ziemlich genau bei vier – ein Rating von knapp unter vier deutet laut Machan auf eine sehr gute Entwicklung der durchschnittlichen Bonität der Unternehmen hin. Sehr positiv sei derzeit etwa, dass in den Nachbarländern, insbesondere in Deutschland, wieder von staatlicher Seite investiert werde. Österreichische Unternehmen hängen stark vom deutschen Markt ab, wo positive Stimmung herrscht. Auch mit der Schweiz und Nachbarländern wie Tschechien und Ungarn pflegen heimische Unternehmen gute wirtschaftliche Beziehungen – und auch dort gibt es positive Entwicklungen. Der Konjunkturaufschwung macht sich laut Machan bereits im Bausektor bemerkbar – und zwar konkret durch die steigenden Auftragseingänge.

LEKTION GELERNT

Unternehmen zogen einen Lerneffekt aus der Wirtschaftskrise: „Die Firmen wurden durch die Krise überrascht, weil plötzlich die Aufträge in erheblichem Ausmaß ausgeblieben sind und sie zu einem großen Teil kurzfristig finanziert waren.“ Manche ihrer Kreditlinien seien oftmals sogar nur mit einem Handschlag zustande gekommen statt mit schriftlicher Bankzusage. „Die Firmen dachten, dass ihnen die Linien aufgrund ihrer guten Ergebnisse unbefristet zur Verfügung stehen würden.“ Mittlerweile seien sie vorsichtiger geworden und würden sich heute besser absichern: „Jetzt machen sie ihre Hausaufgaben.“ Es hätten nicht nur die Unternehmen ihre Lektion aus der Krise gelernt, sondern auch die Politik und die Banken haben ihre Konsequenzen gezogen. So wurden in den vergangenen Jahren auch die Haftungsbestimmungen für Steuerberater und Wirtschaftsprüfer verschärft.

Auch für Hanno Lorenz, der beim Think Tank Agenda Austria auf Außenhandel, Verteilung, Standort und Digitalisierung spezialisiert ist, ist die Konjunkturentwicklung – sowohl weltweit als auch in Europa und Österreich – ein positives Signal. Allerdings gebe es noch „erhebliche Risiken“ bezüglich der Nachhaltigkeit des Wachstums. Zudem sieht Lorenz die noch immer sehr expansive Geldpolitik in Europa kritisch, also die Tatsache, dass die Europäische Zentralbank die Zinsen „weiter künstlich niedrig hält“, um damit die Wirtschaft zu unterstützen: „Wir haben daher noch keinen Normalzustand erreicht – womit die Krise auch noch nicht endgültig überwunden ist.“

Marcus Scheiblecker, WIFO „Die WIFO-Konjunkturindizes für die Gesamtwirtschaft stiegen im Oktober 2017 auf neue Höchstwerte.“

ZERBRECHLICHE ENTWICKLUNG

Das erhöhte Wirtschaftswachstum, die zuletzt rückläufigen Arbeitslosenzahlen, aber auch die Effekte der Steuerreform auf den Konsum sowie die globale Entwicklung seien positiv. Doch: „Insgesamt ist das eine noch recht zerbrechliche Entwicklung.“ So verliere etwa die Steuerreform ohne die Abschaffung der kalten Progression schnell an Dynamik. Für ein nachhaltiges Wachstum, so Lorenz, müsste die nächste Bundesregierung die generellen Probleme in Österreich angehen, was aus seiner Sicht bedeutet: die Abgabenbelastung senken, den Arbeitsmarkt flexibilisieren, Föderalismus und Kompetenzverteilung besser strukturieren und den digitalen Wandel auch im Bildungssystem schaffen.

Trotz der vielen positiven Entwicklungen hält Lorenz es noch für verfrüht, den Aufschwung für selbstverständlich zu nehmen. „Es mehren sich aber die Zeichen, dass sich die Tendenz verfestigt und wir wieder höhere Wachstumsraten als in den letzten fünf Jahren sehen werden.“ Risiken für die Weltwirtschaft würden etwa von militärischen Konfliktzonen ausgehen. Der Brexit oder auch die Trump-Politik würden zudem in Richtung Protektionismus deuten. Besonders in Europa seien auch die Staatsschulden ein Risiko: „Die wenigsten Länder sind noch unter den gemeinsam avisierten 60 Prozent des BIPs.“ Besonders Länder wie Griechenland oder Italien könnten an den Finanzmärkten wieder unter Druck geraten, sobald die Geldpolitik die Zinsen wieder anhebt.

Die Staatsschulden gehören auch zu jenen Gründen, warum die meisten Ökonomen Wirtschaftswachstum nach wie vor für notwendig erachten. Laut Marcus Scheiblecker vom WIFO wäre zwar Postwachstum für unsere reiche Volkswirtschaft eine Idee, doch es gebe noch ein Problem bei der Verteilung des Reichtums. Vor allem unser Arbeitsmarkt brauche nach wie vor Wachstum: „Wir schaffen es nicht einmal im Konjunkturboom, die Arbeitslosigkeit auf unter acht Prozent zu bringen.“ Gerade das WIFO verweist auch darauf, dass in Österreich noch über weite Strecken Ineffizienz herrscht: Zwar haben wir in vielen Bereichen, wie zum Beispiel in der Forschung, einen guten Output, aber der Mitteleinsatz dafür sei zu hoch. Auch in der Bildung müssten wir angesichts dessen, was investiert wird, wesentlich besser dastehen.

Es gibt derzeit viele Anzeichen dafür, dass die Wirtschaft sich von der Krise erholt und wieder wächst. Doch wahr ist auch, dass es viele Einflussfaktoren gibt, die miteinander in Beziehung stehen und Effekte bewirken können, an die jetzt noch niemand denkt. Das gehört zur globalisierten Wirtschaft, innerhalb derer Österreich ein kleiner, aber nicht unwichtiger Player geworden ist. Hanno Lorenz sagt: „Für eine offene Volkswirtschaft wie Österreich, wo mehr als die Hälfte der Wirtschaftsleistung mit Export erzielt wird, ist die globale Entwicklung entscheidend.“ Und das macht, bei aller Freude über den derzeitigen Aufschwung, das Agieren auf dem Markt herausfordernd und spannend zugleich.

 

Autor/in:
Alexandra Rotter
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