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Kommod mit Kind und Kegel

20.06.2011

Familienfreundliche Unternehmen haben beim Recruiting gegenüber den ­Mitbewerbern einen oftmals entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Wir haben uns angesehen, wie große und kleine Betriebe erfolgreich ­Maßnahmen ­umsetzen.

Betriebliche Kinderbetreuung bei Bank Austria

Hier wird den Kleinen was geboten! Kognitive Förderung, das Erlernen von eigenverantwortlichem Miteinander, Theater und Kultur, jede Menge Bewegung sowie die ersten Brocken Englisch werden im Betriebskindergarten der Bank Austria in der Wiener Lasallestraße spielerisch vermittelt. Mitten in dem Gewühl aus rund 100 Kindern im Alter von eineinhalb bis sechs Jahren steht die Projektleiterin Leopoldine Faber und führt uns stolz durch die Räumlichkeiten. Das vielseitige Angebot geht über jenes der meisten regulären Kindergärten hinaus. Daran erfreuen sich nicht nur die Kinder, die beim gemeinsamen Spiel sichtlich eine derartige Freude entwickeln, dass viele gar nicht mit den Eltern mitgehen wollen. Auch den Eltern, die nur wenige Meter in der Zentrale der Bank ihrer Arbeit nachgehen, bietet diese Einrichtung eine großartige Möglichkeit, Familie und Beruf zu vereinen.

Was noch geboten wird
Doch es ist nicht nur der Betriebskindergarten allein, der den Eltern hier geboten wird. Er ist vielmehr ein Teil des Mosaiks, mit dem die HR- und Diversity-Managerin Leopoldine Faber die Attraktivität ihres Arbeitgebers für bestehende und potenziell neue Mitarbeiter heben will. Auch diverse Kooperationen mit Sommercamps oder das Abhalten von Tenniskursen auf der firmeneigenen Sportanlage in den Sommerferien stehen auf dem Programm. Zudem kommen unterschiedliche Teilzeitangebote, Telearbeitsmöglichkeiten und die Unterstützung von Väter-Karenzmodellen. Um pure Nächstenliebe handelt es sich dabei allerdings nicht. Die Maßnahmen zahlen sich auch aus, weiß Leopoldine Faber. Schließlich liege ihr Unternehmen hinsichtlich Frauenquote und Mitarbeiterfluktuation weit über dem Durchschnitt.

Teil der Unternehmensstrategie
Aus den meisten Großunternehmen und Konzernen ist familienfreundliches HR-Management nicht mehr wegzudenken. Die Maßnahmen werden dort oftmals über eine eigene Abteilung abgestimmt und vorausgeplant. Bei Verantwortlichen wie Leopoldine Faber laufen die Fäden zusammen. Die Rechtfertigung für neue Projektbudgets fällt ihr mittlerweile leichter als früher. Denn die Vorteile solcher Maßnahmen für das gesamte Unternehmen sind bereits auch anhand harter empirischer Fakten belegt. „Studien zeigen, dass die durchschnittlichen Krankenstandstage in familienfreundlichen Unternehmen weniger als der Hälfte des Durchschnitts betragen. Auch bei Fluktuation und Rückkehrquote aus der Karenz liegen diese Betriebe besser als der Schnitt“, bereichtet Irene Slama, Geschäftsführerin der Familie & Beruf Management GmbH. Ihre Organisation ist die nationale Koordinierungsstelle für familienfreundliche Maßnahmen. Bisher haben sich dort 206 heimische Unternehmen dem Auditprozess „beruf­undfamile“ – den man als Elchtest für familienfreundliche Unternehmen bezeichnen kann – unterzogen. Beinahe 150.000 Mitarbeiter profitieren österreichweit bereits von diesen Maßnahmen. „Das Interesse an Fach-kräften, der immer frühere Wiedereinstieg von Frauen nach der Geburt eines Kindes, der steigende Wunsch an Väterbeteiligung bei der Kinderbetreuung und vieles mehr haben die Sensibilität für familienfördernde Maßnahmen stark gesteigert“, berichtet Slama über steigendes Interesse der Betriebe. Für jene, die nun auf den Zug aufspringen wollen und sich zertifizieren lassen, hat die öffentliche Hand außerdem einen zusätzlichen Anreiz in Form einer einmaligen Förderung von 3.000 bis 5.000 Euro bereitgestellt.  

Wie KMU profitieren
Klarerweise sind die Möglichkeiten, familienfreundliche Maßnahmen zu setzen, je nach Unternehmensgröße und den Bedürfnissen der Mitarbeiter sehr unterschiedlich. Doch mit etwas Kreativität lassen sich auch für KMU größere Projekte wie eigene Kinderbetreuungsstätten realisieren. „Häufig organisieren Klein- und Mittelbetriebe betriebsübergreifende Kinderbetreuung sehr erfolgreich gemeinsam“, berichtet Irene Slama. Ein Beispiel dafür ist der in Tamsweg ansässige Trockenausbau- und Designanbieter Pagitsch, der seine mehrfach ausgezeichnete Kinderbetreuungseinrichtung auch für betriebsfremde Kinder offen hält. Oftmals reicht aber auch schon ein bisschen Bauchgefühl, kombiniert mit scharfem Menschenverstand, um das Miteinander von Beruf und Familie ohne Mehrkosten reibungslos zu gestalten. Die Firma Hilber Beschläge aus dem Salzburger Viehhausen ist so ein Beispiel. Das beschauliche Familienunternehmen ist nicht nur eine Art gallisches Dorf im Kampf gegen die immer stärker werdende Konkurrenz aus Fernost, sondern auch was den innerbetrieblichen Zusammenhalt anbelangt. Bei einem Besuch im Firmengebäude kann es schon mal vorkommen, dass einem Kleinkinder über den Weg laufen oder in einem Büro ein Baby schläft. „Es ist für uns selbstverständlich, dass die Kinder stundenweise in den Betrieb mitgenommen werden können. Wenn zum Beispiel die Betreuungsperson einen Arztbesuch oder Einkäufe erledigen muss“, erklärt uns Geschäftsführerin Michaela Hilber. Um für solche Fälle gewappnet zu sein, hat man in ihrem Betrieb schon vor Jahren eine kleine Spielecke eingerichtet.

Flexible Arbeitszeiten schaffen
Neben der Möglichkeit, die Kinder auch mal ins Büro mitzunehmen, bietet Hilber Beschläge auch eine flexible Arbeitszeitgestaltung an. Motto der individuell gestaltbaren Gleitzeiten: Jeder kann sich bei Bedarf einen Nachmittag für die Familie freinehmen, vorausgesetzt die Arbeit bleibt nicht zu lange liegen. Die Mitarbeiter danken es der Firmenchefin: Seit 18 Jahren führt sie den 1946 gegründeten Familienbetrieb. Und seither hat noch niemand seine Kündigung eingereicht.

Familienfreundlich? Selbstverständlich!
„Das Firmenklima ist definitiv unsere Stärke“, grinst die Firmenchefin. Das hat sich anscheinend auch im Umfeld herumgesprochen. Über zu wenige Bewerber und Facharbeitermangel braucht man sich beim Viehhausener Beschlägeerzeuger keine Sorgen zu machen. Für die Bemühungen um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie hat Hilber Beschläge im vergangenen Jahr auch den Staatspreis für familienfreundliche Betriebe in der Kategorie „Kleinbetrieb bis zehn Mitarbeiter“ gewonnen. Dass ihre Firma als „herausragend“ ausgezeichnet wurde, scheint Michaela Hilber dabei sichtlich zu irritieren. „Es gibt bei uns kein starres Konzept, das familienfreundliche Maßnahmen oder Ähnliches regelt. Für mich ist ein gewisses Entgegenkommen gegenüber den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen selbstverständlich.“

(Redaktion: Daniel Nutz)

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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