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Kolumne: Verantwortung statt Trotz

11.10.2017

Der Staat neigt zur Bevormundung. Wie reagieren Unternehmer darauf? Mit Trotz oder mit Verantwortung?

Es gibt ein interessantes psychologisches Phänomen, das jeder schon auf die eine oder andere Art kennengelernt hat. Nennen wir es einmal „Streik bei Entmündigung“. Das Kind weiß, dass Muttertag ist und beschließt, freiwillig das Kinderzimmer zusammenzuräumen. Es hat rote Bäckchen vor Aufregung und Vorfreude. Da wird die Mama aber Augen machen. In dem Moment geht die Tür auf, Mama steckt den Kopf herein, blickt sich um und sagt: „Wie es hier aussieht! Räum’ endlich einmal diesen Saustall auf!“ Ergebnis: voller Frust, Ärger bis hin zur Wut und Rebellion. Das Kind wird sein Zimmer definitiv nicht zusammenräumen. Es fühlt sich entwertet, nicht wahrgenommen, seiner Freiheit und eines guten Geschenkes beraubt.

Das kennen Unternehmer auch, wenn Mama Staat den Kopf zur Firmentür hereinstreckt und wieder einmal neue Verordnungen, Novellen und Gesetze ablädt. Wenn uns Mama sagt, wie wir uns in unserem eigenen Unternehmensbereich vor Gefahren zu schützen haben. So als wüssten wir das nicht. Manche Verordnungen sind von kabarettistischen Einfällen nicht zu unterscheiden, wie etwa die Sonnenschutzverordnung für Dachdecker, die dazu anhält, bei hoher Sonneneinstrahlung zuerst aus Holz einen Unterstand zu zimmern, bevor man als Dachdecker ans Werk geht. Dieses EU-Gesetz ist mit knapper Mehrheit daran gehindert worden, in Kraft zu treten. Andere, ähnliche Gesetze gelten wiederum. Der Staat begründet seine Gesetze mit Fürsorge, und doch fühlen wir, dass es eher um Vormundschaft geht. Das Recht, sein Glück zu suchen, ist Freiheit. Das Recht, sein Glück zugeteilt zu bekommen, ist Tyrannei. In diesem Spannungsfeld ringen Unternehmen um ihre Würde und Selbstbestimmung.

Ich schreibe das nicht, um mich in antipolitischer Effekthascherei zu verlieren, sondern um die Frage zu stellen, wie wir damit umgehen. Wir können auf die Demütigung trotzig reagieren wie das Kind. Für jede Art von Trotz gibt es die passende Partei, die man wählen kann.

Oder wir wählen die Verantwortung. Schließlich sind wir keine Kinder und wir sind nicht zum Trotz gezwungen. Wir können unser Zimmer trotzdem zusammenräumen, weil wir wissen, dass es richtig ist. Das nächste Mal, wenn uns dieses oberkluge Gehabe anstinkt, vielleicht einen Tag vor dem Muttertag. Dieses ganze Spiel von Bevormundung und Trotz funktioniert ja auch nur deswegen, weil viele Unternehmen eben nichts tun, ohne dazu gezwungen zu sein. Elend lange zog sich die Diskussion um rauchfreie Gaststuben dahin, die Wirte argumentierten mit Geschäftsentgang und ängstigten sich um den Liebesentzug der Raucher. Bis es dem Gesetzgeber zu blöd wurde und er ein Gesetz erließ. Ich habe damals nicht das Gesetz als demütigend empfunden, sondern den Umstand, dass es notwendig wurde. Heute gibt es Unternehmen im B2C-Bereich, die offenherzig im Umgang mit Menschen mit Behinderungen agieren, und tendenziell wenige im B2B-Bereich. Einfach deshalb, weil man im B2C-Bereich vom Scheinwerfer der Öffentlichkeit heller angestrahlt wird. Hier regiert nicht ethische Verantwortung, sondern opportunistische Trickserei. Mama Gesetzgeber wird provoziert, und sie lässt sich sehr gerne provozieren, denn nichts ist ihr lieber als wieder einmal auf die angebliche Unmündigkeit ihrer Bürger zu pochen.

Entziehen wir doch dem gesetzessüchtigen Staat zumindest diese Grundlage. Gehen wir in die Verantwortung. Mit ethischen Maßnahmen, welche die ohnehin oft von Lobbying- Interessen dominierten Gesetze alt aussehen lassen. Viele Unternehmen werben bereits damit, ehrlicher und umfassender zu agieren, als von Gesetzes wegen vorgesehen ist. Wählen wir die Verantwortung. Sie steht erwachsenen Unternehmern besser als der kindliche Trotz.

Autor/in:
Harald Koisser

schreibt philosophische Bücher und 
ist Herausgeber des Mutmacher-Magazins „wirks“. 
www.wirks.at, www.koisser.at

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