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Kolumne: Ihre Verantwortung möchte ich nicht haben

19.11.2020

Wenn Sie es sich aussuchen hätten können, in welcher Zeit Sie Ihr Unternehmen führen wollten, hätten Sie unsere Zeit gewählt? Wenn ja: vielen Dank.

Ihre Verantwortung möchte ich nicht haben, liebe Unternehmerinnen und Unternehmer. Nein, ich spreche nicht von der Verantwortung, Umsätze und Gewinne zu erwirtschaften – das versteht sich von selbst und gehört, seit es unternehmerisches Denken gibt, zum Berufsrisiko. Ich spreche von all den Schwierigkeiten und Herausforderungen, die das digitale Zeitalter Ihnen beschert. Ehrlich, wenn Sie es sich aussuchen hätten können, wann Sie Ihre Firmen führen, hätten Sie diese Zeit gewählt? Wenn ja, würde ich Sie fragen, ob Sie noch alle Tassen im Schrank haben? Denn Sie müssen nicht nur Ihre Produkte und Dienstleistungen an die Leute bringen, sondern Ihre Geschäftsmodelle auf digital umrüsten oder, falls Sie ein Start-up sind, digital aufbauen. Einige von Ihnen werden sagen: Das ist doch die spannendste aller Zeiten, nie zuvor hat sich so viel bewegt und verändert! Aber in dieser Phase der Menschheit tragen Sie, liebe Unternehmerschaft, auch sehr viel auf Ihren Schultern.

Sie tragen zum Beispiel enorme Verantwortung für Ihre Kunden. Die durch Künstliche Intelligenz gesteuerten neuen Produkte wie selbstfahrende Autos können zu potenziellen Killern Ihrer Kundschaft werden. So haben etwa Forscher an der israelischen Ben-Gurion-Universität intelligente Assistenzsysteme untersucht und festgestellt, dass sich diese leicht austricksen lassen. Schon die Projektion eines Verkehrszeichens wie einer 30er-Geschwindigkeitsbeschränkung lässt ein automatisch gesteuertes Fahrzeug abbremsen. Im Experiment reichte die Projektion eines Menschen für den Bruchteil einer Sekunde aus, um einen Tesla im Autopilot-Modus zum Anhalten zu bewegen.

Sie entwickeln keine selbstfahrenden Autos oder KI-gesteuerten Roboter? Aber Sie haben wahrscheinlich Datenbanken Ihrer Kunden und Geschäftspartner und würden große Probleme bekommen, wenn diese Daten in die falschen Hände gerie- DIE AUTORIN Alexandra Rotter berichtet von aktuellen Cyberwar- Schauplätzen, über Angreifer und deren Strategien, Schäden sowie Rettungs- und Schutzmaßnahmen. ten. Es sei leider ein schrecklicher Fehler passiert, musste Markus Müller, Chef von Educom, dem österreichischen Mobilfunkanbieter für Studenten, zerknirscht eingestehen. Im Zuge einer Server- und Softwareumstellung gelangten Telefonund Adressdaten von Nutzern an Herold, TelefonABC und andere Telefonbuchanbieter und wurden so öffentlich – manche Kunden bekamen ungewollte Spam-Anrufe. So etwas kann passieren – in dem Fall war es angeblich der Fehler eines Programmierers – es ist aber eine recht dumme Angelegenheit.

Verantwortung tragen Sie auch beim Recruiting, das immer automatisierter abläuft. Vielleicht nutzen Sie dabei Programme, die Frauen oder Menschen mit dunkler Hautfarbe benachteiligen? So hat etwa Amazon vor Jahren einen Recruiting-Algorithmus entwickelt, um die besten Bewerber für Software-Entwickler- und andere Jobs zu ermitteln, der sich dabei daran orientierte, wie und wen man in den vergangenen zehn Jahren eingestellt hatte. Das führte dazu, dass die Künstliche Intelligenz Frauen aussortierte. So etwas mache ihr mehr Angst als der Terminator, sagte dazu Martina Mara, Professorin für Roboterpsychologie am Institute of Technology der Johannes-Kepler- Uni in Linz, dem Standard in einem Interview.

Angst will ich Ihnen, liebe Wirtschaftstreibende, nicht machen. Ich will Ihnen eher Respekt dafür aussprechen – und davon gehe ich aus – dass Sie sich alle Mühe geben, um die Irrungen und Wirrungen, die Stolpersteine, falschen Abbiegungen und schlimmen Patzer, die auf dem Weg ins digitale Zeitalter lauern, zu vermeiden. Ihre Verantwortung will ich nicht haben, aber ich bin Ihnen von Herzen dankbar, wenn Sie diese mit Würde tragen.

Autor/in:
Alexandra Rotter

berichtet von den aktuellen Cyberwar-
Schauplätzen über Angreifer und deren Strategien,
Schäden sowie Rettungs- und Schutzmaßnahmen.

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