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Kolumne: Ein abenteuerliches Jahr

19.11.2020

Wir haben eine Pandemie der Verunsicherung. Dem sollten wir mit verrückten Ideen und verpflichtender Supervision für Führungskräfte begegnen, meint unser Kolumnist Harald Koisser.

Ein abenteuerliches Jahr neigt sich dem Ende zu. Corona hat dem Jahr die Krone aufgesetzt. Um den Bundeskanzler zu paraphrasieren: Es kannte bald jeder jemanden, der den Lockdown nicht überlebt hat, der in Konkurs schlitterte oder ihn nur unter Einsatz von Privatvermögen verhindern konnte. Damit waren unternehmerische Tugenden außer Kraft gesetzt, denn es erwischte auch jene, die gut im Geschäft waren. Zumindest kenne ich einige, die dazu gehören. Ehrenwert, kreativ, aber leider ohne ausreichende Rücklagen oder als Start-up verwundbar. Vielleicht gab es auch Situationen, wo verschleppte Konkurse endlich realisiert werden konnten, weil man dank Pandemie ohne Verlierer- Image davonkommen konnte.

Jedenfalls war ökonomischer Ausnahmezustand. Wir haben gelernt, dass das völlig Unwahrscheinliche möglich ist. Dass Dinge passieren können, an die man nicht einmal denken kann. Obwohl, das muss ich als Fußnote einbringen, das so nicht stimmt. Denn es gab einen „Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz“ des Deutschen Bundestages aus dem Jahr 2012, in dem detailgenau der Ablauf einer möglichen Corona-Pandemie beschrieben wird. Es liest sich wie ein Tatsachenbericht über das Jahr 2020. Nein, das ist keine Verschwörungstheorie. Diesen Bericht gibt es, und er liegt mir vor. Warum nichts getan wurde? Das müsste man den Deutschen Bundestag fragen. Ich denke, das hat mit Risikoabwägung zu tun. Manche Szenarien nimmt man trotz fundierter Analyse nicht wirklich ernst.

Jetzt ist es passiert, und was wir haben, ist vor allem eine Pandemie der Verunsicherung. Was können wir tun? In einem Newsletter der spirituellen und übrigens wirtschaftlich sehr erfolgreichen Gemeinschaft Damanhur im Piemont lese ich: „Für diesen Monat haben wir uns für Raphael entschieden, den biblischen Erzengel der Heilung für Körper, Geist und Seele. Der Tradition zufolge ist Raphael eine Quelle neuer Ideen.“ Erzengel anrufen wäre natürlich auch eine Möglichkeit. Möge also Raphael mit uns sein, denn man kann als Unternehmer nun verzweifeln oder diese fundamentale Verwerfung als unternehmerische Spielwiese par excellence betrachten. Vielleicht gehen jetzt die Samen auf, von denen wir dachten, dass sie niemals aufgehen. Vielleicht sollten wir unsere verrücktesten Ideen aus der Schublade holen. Corona zeigt, dass der Wahnsinn eine Chance hat. Als Beleg dafür mag ich anführen, dass Donald Trump beinahe wieder eine Mehrheit der USBevölkerung hätte überzeugen können. Das führt mich zu einer weiteren Anregung, die Führungskräften gilt. Unternehmerinnen und Unternehmer der neuen Zeit sind gut beraten, sich laufend therapeutische Supervision zu holen. Die Anforderungen haben sich multipliziert und gehen längst weit über das Fachliche hinaus. Als Führungskraft muss man heute Guru, Schamane, aktiver Zuhörer, Expertin in gewaltfreier Kommunikation und Master of Resilienz sein. Mindestens. Das kann nur im seelischen Gleichgewicht gelingen. Sport zum Ausgleich, Auszeiten, Kunst, Meditation und therapeutische Begleitung werden unabdingbar. Und falls ein Unternehmen groß genug für mehrere Führungsebenen ist, so schlage ich eine verpflichtende Supervision für alle Führungsleute vor. Niemand sollte auf andere Menschen losgelassen werden, der mit sich selbst im Unreinen ist. Wir können es uns nicht mehr leisten, dass Leute in Führungspositionen ihre biografischen Gebrechen ausleben und ganze Firmen aufgrund eigener ungelöster Probleme ins Burn-out schicken. Der Vorschlag gilt analog für die politische Führung. Wenn wir eine Ökonomie der Menschlichkeit wollen, dann müssen wir diese Menschlichkeit in uns wachhalten. Und wenn wir die wahnsinnigen Projekte angehen, brauchen wir umso mehr seelischen Beistand. Das nächste Jahr könnte somit ebenfalls abenteuerlich werden, und ich hege die Hoffnung, dass wir dann Co-Autoren für das Drehbuch dieses Abenteuers sein werden.

Autor/in:
Harald Koisser

schreibt philosophische Bücher und 
ist Herausgeber des Mutmacher-Magazins „wirks“. 
www.wirks.at, www.koisser.at

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