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Marcus Wadsak spricht Klartext: "Es werden viele Menschen aufgrund von Unwettern und aufgrund der Hitze sterben."

Klimawandel: "Alle müssen mitmachen!"

30.09.2020

Es gibt keine Möglichkeit mehr, die Erderwärmung umzukehren, stellt der Meteorologe Marcus Wadsak klar. Vielmehr müssen wir global auf null Emissionen kommen – rasch und auch, wenn manche Organisationen anderes behaupten. Wir haben ihn um Fakten zu den beliebtesten Klima-Mythen gebeten und erstaunliche viele wahre Kerne gefunden.

Als TV-Meteorologe und Autor kämpfen Sie gegen Fake-News und Fiktionen rund um den Klimawandel. Woher stammen die Falschinformationen?

Am aktivsten sind Interessenvertretungen und Lobbyorganisationen, die versuchen den Ausstieg aus der Nutzung fossiler Brennstoffe zu verhindern. Wenig überraschend hat auch die Erdöllobby sehr viel Geld investiert, um ihre Positionen zu unterstützen. Falsche Informationen stammen aber auch oft aus Ländern, die mit dem Abbau fossiler Rohstoffe viel Geld verdienen. Auf fruchtbaren Boden fallen solche Gedanken häufig bei Menschen und bei Regierungen, die nicht offen für Veränderung sind. Bestes Beispiel ist der Präsident der USA,  der gesagt hat, dass der Klimawandel von den Chinesen erfunden worden ist. Allerdings gibt es auch in Deutschland großes Interesse, den Umbruch nicht so rasch über die Bühne gehen zu lassen.

Ich habe ein paar gängige Argumente herausgesucht, die dem menschgemachten Klimawandel gerne entgegensetzt werden, die Sie vermutlich entkräften können. Besonders häufig kommt das Statement: Klimaveränderungen gab es schon immer. Richtig oder falsch?

Hier lautet die klare Antwort: Stimmt! Das Klima in der Erdgeschichte war tatsächlich schon viel wärmer, die halbe Erde war auch schon einmal vereist. Da muss man den Kritikern also Recht geben. Allerdings sprechen wir hier von Zeiten, zu denen es noch keine Menschen gab und die Klimaveränderungen sind viel langsamer abgelaufen als jetzt. Seit der letzten Eiszeit war das Klima circa 10.000 Jahre lang recht stabil. Das war wichtig, damit die Menschen sesshaft werden konnten und Ackerbau betreiben. Wann immer sich in der Erdgeschichte das Klima stark verändert hat, sind ganze Arten ausgestorben. Heute erzeugen wir eindeutig selbst einen Klimawandel, der wesentlich schneller abläuft, als er das jemals zuvor getan hat und schlittern damit in eine Katastrophe. Es ist also die Geschwindigkeit, die uns große Sorgen bereitet.

Ein weiteres Argument lautet: Es gibt eine Variabilität der Energieabstrahlung der Sonne, die für die Erwärmung sorgt. Ein Mythos?

Die Sonne ermöglicht uns überhaupt erst das Leben der Erde und ja, sie variiert. Sie verändert ihre Stärke mitunter und auch die Erdumlaufbahn verändert sich. Diese Faktoren haben tatsächlich Einfluss auf das Klima. Das stimmt. Was wir aber in den letzten 150 Jahren gemessen haben ist, dass sich die Sonne nicht klimarelevant verändert. Das lässt sich heute auch gut mittels Satelliten feststellen. Es gibt eine Messgröße für die Sonnenstrahlung, die auf der Erde ankommt und sie heißt Solarkonstante. Eben, weil sie konstant ist. Diese Faktoren scheiden also heute aus.

Ein Argument, das auch auf den ersten Blick plausibel klingt lautet: Wenn so viel mehr Co2 in der Atmosphäre wäre, müssten doch einfach die Pflanzen besser wachsen.

Das ist eine schöne Idee, die von der Grundtheorie sogar stimmt. Pflanzen verwerten Co2 und wenn es mehr davon gibt, hat das positive Auswirkungen auf die Natur. Allerdings kann sich die Fauna nie und nimmer in der Geschwindigkeit ausbreiten, die notwendig wäre. Das Meer speichert etwa gigantische Co2-Mengen, doch die Ozeane übersäuern gleichzeitig, was wieder Pflanzen absterben lässt. In den letzten 30 Jahren wurde die Hälfte der gesamten Co2-Emissionen verursacht. Wir alle wissen, wie lange ein Baum braucht, um zu wachsen. Die Vegetation wandert und wächst einfach nicht schnell genug, um den Schaden aufzuhalten. Wir erleben einen so raschen Klimawandel, dass sich viele Arten und auch die Menschen in viele Regionen nicht mehr schnell genug anpassen können.

Einen Mythos habe ich noch: Der CO2-Anteil in der Luft ist viel zu niedrig, als dass das Gas einen Effekt haben könnte.

Das höre ich auch oft. Co2 ist ein Spurengas, das nur im Promillebereich vorkommt. Denken wir im Vergleich an Alkohol. Auch hier gilt: kleine Dosis, große Wirkung. Mit 0,4 Promille dürfen wir noch Autofahren, mit 0,5 nicht mehr - weil es uns verändert. Ein noch  drastischerer Vergleich wäre Arsen. Man braucht ganz wenig und die Wirkung auf unseren Organismus ist verheerend. Wir müssen uns zudem vor Augen führen, dass wir pro Tag 100 Millionen Tonnen Co2 in die Atmosphäre blasen. Das ist keine kleine Menge. Und: Co2 ist extrem langlebig.

Die Zusammenhänge sind durchaus komplex, die Maßnahmen, die es bräuchte, betreffen die Lebensweise jedes Einzelnen und die Folgen sind bei uns noch nicht besonders negativ spürbar. Glauben Sie in diesem Lichte an Verhaltensänderungen von ausreichend vielen Menschen? Oder braucht es doch viel weitreichendere Gesetze?

Ich denke, es wird beides brauchen. Darum will ich auch ein Bewusstsein dafür schaffen, dass gerade etwas wirklich Gravierendes passiert – auch bei uns. In Österreich schmelzen etwa die Gletscher ab, die Landwirtschaft leidet bereits massiv unter Unwettern und Dürre, 2015 hatten wir 1000 Hitzeassoziierte Tote. Auch der Tourismus leidet enorm, wenn der Schnee ausbleibt. Die Auswirkungen sind also auch bei uns bereits spürbar. Das Bewusstsein dafür zu schärfen ist allerdings schwer. Auch, weil bewusst Zweifel geschürt werden und die Fakten angezweifelt werden, was schlecht ist, weil es drängt.

Womit der Gesetzgeber ins Spiel kommen muss.

Wir brauchen definitiv Rahmenbedingungen und Schranken, in denen wir uns bewegen sollen. Ich will grundsätzlich keine Verbote, darum ist es wichtig, über ein 1-2-3-Ticket nachzudenken. Ich fahre selbst gerne mit dem Zug, weil ich die Zeit nutzen will und wenn es praktischer und günstiger ist. Es ist auch richtig, dass E-Autos gefördert werden. Sie sind eine gute Alternative zum Verbrennungsmotor. Am wichtigsten wäre es, endlich Wahrheit in die Preisgestaltung bringen. Wir haben überall Steuern, nur nicht bei Kerosin. Deshalb ist es so günstig Lebensmittel aus Afrika zu importieren, dass wir dadurch unseren Landwirten schaden. Die Regierung will im Jahr 2040 Klimaneutralität für Österreich. Dafür wird es auch eine Co2-Bepreisung brauchen.

Der Klimawandel ist eine globale Herausforderung. Was erwarten Sie sich von der internationalen Politik? Bislang waren die meisten Abkommen recht zahnlos.

Ich glaube, der wichtigste Schritt hat in Paris stattgefunden. Dort hat sich die Weltgemeinschaft auf eine klare Ansage geeinigt: Der Klimawandel bedroht uns und wir müssen verhindern, dass die Temperaturen weiter ansteigen. Das erklärte Ziel ist den Anstieg bei 1,5 Grad bis 2100 zu stoppen. Damit das klappt, braucht es Vorbilder.

An wen denken Sie?

Auch wenn das überraschend sein mag, an China. So viel es dort auch noch zu tun gibt, lässt das Land zum Beispiel ab 2030 keine Benzin- und Dieselautos mehr zu. Das hat enorme Auswirkungen und führt zu einem Umdenken. VW exportiert etwa 40% seine Fahrzeuge nach China. Der Konzern muss jetzt rasch Alternativen entwickeln. Auch im Bereich der Energieproduktion müssen rascher Alternativen etabliert werden. Vor allem Deutschland muss aus der Kohle rauskommen. Energie sauber zu produzieren ist möglich und es geht sicher auch günstiger. Es braucht dafür aber auch ein Bewusstsein in der Bevölkerung, das sich zu den Entscheidungsträgern fortsetzt. So, wie wir jetzt zum Thema Corona jede Woche Pressekonferenzen sehen, brauchen wir auch welche zum Klimawandel. Wir müssen global auf null Emissionen kommen. Und wir dürfen nicht behaupten, dass wir zu klein wären, um unseren Beitrag zu leisten. Alle müssen mitmachen. Nur auf die anderen zu schauen und zu warten, wäre verehrend.

Sie haben mit anderen Meteorologen die Initiative Climate without Borders gegründet. Mit welchem Anspruch?

Wir können ganz viel tun, um das allgemeine Bewusstsein stärken. Wir haben uns weltweit zusammengefunden, weil wir Ahnung von der Sache haben, weil wir Glaubwürdigkeit genießen und ein großes Publikum erreichen. Wenn wir in der Zeit im Bild über den Klimawandel sprechen, erreichen wir 1,2 Millionen Menschen. Auch mein Buch ist ein Bestseller und zu meinen Vorträgen kommen viele Leute und erhalten Infos, die sie sich selbst nur schwer zusammenreimen könnten.

Wo sehen Sie die Verantwortung der Unternehmen?

Die Coronakrise hat uns kalt erwischt. Sie hat aber auch gezeigt, was man bewegen kann, wenn man kreativ sein muss. Viele Betriebe haben extrem schnell geschaltet und zum Beispiel Homeoffice ins Leben gerufen. Dadurch fallen unzählige Fahrten weg. Es gibt Firmen, die ihre Hallen mit Photovoltaik ausstatten, die Regenwasser für ihre Toiletten nutzen, die ihre Netzwerke automatisch abdrehen, die Fahrgemeinschaften organisieren. Die Möglichkeiten sind zahllos.

Die Aufzeichnungen zeigen, dass es immer wärmer wird, und die letzten Jahre markieren die wärmsten seit Anbeginn der Aufzeichnungen. Wie würde das weitergehen, wenn wir nicht sofort handeln?

Es wird tatsächlich wärmer und es wird immer schneller wärmer. Es gibt keine Möglichkeit mehr, die Erwärmung umzukehren. Das ist tragisch.

Auch nicht, wenn überhaupt kein Co2 mehr emittiert wird?

Nein, denn das Co2 ist weithin in der Atmosphäre. Es bleibt also auch in Zukunft so warm und weil wir nicht aufhören Treibhausgase zu produzieren, wird es noch wärmer werden. Womit wir uns jetzt befassen, sind Szenarien, die abbilden, was passiert, wenn wir diese oder jene Maßnahmen setzen. Wir haben jetzt noch für kurze Zeit die Möglichkeit durch eine massive Reduktion das Klimaziel von Paris zu erreichen. Es gibt noch keinen Grund, warum wir es nicht erreichen könnten. Aber derzeit sind wir auf einem Kurs es zu verfehlen. Darum gibt es auch Szenarien, die von einem Anstieg um drei bis vier Grad ausgehen. Auch sechs bis sieben Grad wären denkbar.

Mit welchen Folgen?

Während der letzten Eiszeit war es um vier Grad kühler. Die Folge war eine komplett veränderte Welt. Es wäre also eine ausgemachte Katastrophe. Darum ist es wichtig, dass wir den Temperaturanstieg abflachen. Das ist die wesentliche Botschaft: Es geht nicht um 1,5 Grad, sondern um eine nachhaltige Stabilisierung.

Wenn es nicht klappt: Auf welche Folgen muss man sich gefasst machen?

Es werden viele Menschen aufgrund von Unwettern und aufgrund der Hitze sterben. Unweigerlich werden auch Millionen Menschen ihre Heimat verlieren, wenn der Meeresspiegel steigt. Es wird aufgrund des Klimawandels eine ungeahnte Massenbewegung geben. Wir können sie auch nicht zurückschicken, weil es kein Zurück mehr gibt. Genau das ist es, was auf uns zukommt. Deshalb kaufen mache Inselstaaten bereits Grund am Festland. Das ist also kein Hirngespinst und keine Panikmache. Platz- und Ressourcenprobleme, Konflikte und Kriege um Wasser werden zunehmen. Wer da nicht aufwacht und erkennt, dass man etwas tun muss, verschließt mutwillig die Augen.

Können Sie sich vorstellen, dass technische Lösungen noch ein echter Game-Changer sein könnten, von dem wir Rettung erwarten dürfen?

Es gibt natürlich viele Idee. Bei näherer Betrachtung zeigt sich allerdings, dass sie entweder zu teuer, nicht durchführbar oder mit unabsehbaren Konsequenzen verknüpft wären. Trotzdem finden sich nicht näher definierte technische Lösungen in vielen Regierungspapieren. Sie sollen abdecken, was die gesetzten Maßnahmen vermissen lassen. Das ist fahrlässig. Wir groß technologische Entwicklungen sein werden, weiß niemand, und es geht auch ohne. Wenn wir Lösungen finden, ist es super. Verlassen sollten wir uns aber nicht darauf. Wir sind die erste Generation, die den Klimawandel am eigenen Leib spürt, und die letzte Generation, die etwas dagegen tun kann. Das sollten wir beherzigen.

  

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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