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Klimakollaps

02.05.2017

Ohne große Veränderungen sind klimatische Tipping Points wie die Eisschmelzen an den Polen unabwendbar. Unklar ist, ob eine Katastrophe noch verhindert werden kann. Fest steht: Babyschritte führen sicher nicht zur Rettung.

TIPPING POINTS: DENKANSTÖSSE, FAKTEN, WARNUNGEN

„Der Klimawandel ist real“, sagt Jürgen Schneider vom Umweltbundesamt, „nur ein schneller Verzicht auf den Einsatz fossiler Energieträger bietet die Chance, katastrophale Folgen einzudämmen“. Eine Politik, „die nicht auf eine Dekarbonisierung hinarbeitet, ist nicht zukunftsfähig“.

Seit rund 12.000 Jahren – im Holozän – ist das Erdklima relativ konstant. Das könnte sich durch den Treibhauseffekt sehr bald schnell ändern.

„Zukunft als Katastrophe“, schreibt Eva Horn in ihrem Buch mit ebendiesem Titel, sei „heute die exakte Verbindung von Kontinuität und Bruch, die Vorstellung, dass gerade die Fortführung des Gegenwärtigen“ auf eine „katastrophale Wendung zuläuft“.

Die CO₂-Konzentration ist in den vergangenen Jahrzehnten sprunghaft angestiegen: 1958 lag sie bei 313 ppm, 2013 wurden 400 ppm erreicht. In den letzten 10.000 Jahren lag sie relativ konstant bei rund 300 ppm.

„Es ist viel zu spät für Vorsichtsmaßnahmen. Heute geht es um Schadensbegrenzung“, sagt die Harvard-Professorin Naomi Oreskes, die zusammen mit Erik M. Conway das Buch „Vom Ende der Welt“ geschrieben hat.

Bei einem Temperaturanstieg der Atmosphäre um zwei Grad könnte es schon zum Schmelzen der Westantarktischen Eisplatte, zum Verschwinden des arktischen Sommereises und des Grönlandeises kommen. Schmilzt z. B. das Grönlandeis, steigt der Meeresspiegel um mehrere Meter an.

Die Menschheit hatte ihre Grenzen ausgereizt, die Katastrophe war unausweichlich. Die Treibhausgase füllten die Atmosphäre an, und da sie nirgendwohin entweichen konnten, stiegen die Temperaturen auf der Erde um zehn Grad an. Das Eis am Nord- und Südpol schmolz zunächst langsam ab, und schließlich brachen die polaren Eisfelder in sich zusammen. Der Meeresspiegel stieg um 70 Meter. Das Eis der alpinen Gletscher schmolz, ihr Permafrostboden taute auf und setzte sich in Bewegung. Hangrutschungen, Felsstürze, Geröll- und Schlammlawinen begruben Dörfer und Städte unter sich. Millionen von Menschen starben, weil sie Tsunamis, Tornados, der großen Hitze und anderen Naturkatastrophen zum Opfer fielen. Dürren, der Kampf um Trinkwasser und Nahrung, aber auch die Flucht in noch bewohnbare Gegenden haben unzählige Menschenleben gefordert. Die Regierungen waren angesichts des Chaos handlungsunfähig. Die überlebenden Menschen versuchten mit aller Kraft und meist mit Gewalt, sich selbst und ihre Familien zu retten, was nicht vielen gelang.

Was klingt, wie das Horrorszenario in einem Science-Fiction- Film, könnte sich bewahrheiten – wenn es auch in diesem TEXT ALEXANDRA ROTTER drastischen Ausmaß noch nicht im 21. Jahrhundert passieren wird. Die Menschheit steuert aber zielsicher auf genau solche so genannten Tipping Points zu, auf Kipp-Punkte, von denen niemand genau weiß, wann sie erreicht werden: Sei es das Schmelzen des Grönlandeises, das Verschwinden des arktischen Eises im Sommer oder sogar im Winter, das Aussterben wichtiger Tier- und Pflanzenarten, was Nahrungskette und Ökosystem aus der Balance bringt, das Auftauen der Permafrostböden, das Verschwinden der Korallenriffe oder gar das Ende der Ostantarktischen Eisplatte – allein Letzteres dürfte den Meeresspiegel um mindestens 50 Meter ansteigen lassen. Das Erreichen dieser Tipping Points lässt sich mit einem Fass vergleichen, das durch einen einzigen Tropfen zum Überlaufen gebracht wird. Sehr lange sieht es bei diesen Entwicklungen so aus, als wären sie linear. Ihr Verlauf geht ganz langsam und kaum merklich vonstatten, bis ein Punkt erreicht ist, der etwas in Gang bringt, das dann nicht mehr aufzuhalten ist, egal welche Gegenmaßnahmen man noch ergreift.

SCHWANKENDE UNSICHERHEITEN

„Der durch den Menschen verursachte Klimawandel ist Realität, und es zeigt sich immer mehr, dass es sinnvoll ist, dagegen vorzugehen“, sagt Jürgen Schneider vom Umweltbundesamt. Es sei mittlerweile in der Wissenschaft unumstritten, dass die globale Durchschnittstemperatur mit dem Anstieg der Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre steigen wird, also vor allem durch CO₂, aber auch Methan und andere Treibhausgase: „Das ist übrigens Physik des 19. Jahrhunderts und keine Rocket Science.“ Was die Tipping Points so beängstigend macht, ist die Tatsache, dass die Wissenschaft nicht weiß, wann genau sie erreicht werden.

Bei manchen Folgen des Klimawandels sind die Unsicherheiten größer als bei anderen: Bei der Westantarktischen Eisplatte zum Beispiel, die wesentlich kleiner ist als die Ostantarktische, ist laut Schneider relativ unklar, ob sie schon ab einem Temperaturanstieg um 1,5 Grad wegschmilzt oder aber, ob sie bei einem Plus von vier Grad immer noch vorhanden sein wird. Stimmt die pessimistischere Schätzung, dann könnte diese Eisplatte noch in diesem Jahrhundert verschwinden und den Meeresspiegel um rund fünf Meter anheben. Ein Temperaturanstieg der Atmosphäre von „nur“ 1,5 Grad wäre aus heutiger Sicht sogar erfreulich – bei der bahnbrechenden Welt-Klimakonferenz in Paris 2015 einigten sich fast 200 Länder darauf, Maßnahmen zu ergreifen, damit die Temperatur im Vergleich zur vorindustriellen Zeit nicht um mehr als zwei Grad ansteigt. Ob das geschafft werden kann, ist schwer einzuschätzen und hat vor allem damit zu tun, wie viel die einzelnen Länder für dieses Ziel tun.

DRAMATISCH FÜR DIE WIRTSCHAFT

Auf manche Tipping Points steuert die Welt besonders schnell zu: So ist bereits mehr als ein Fünftel der Korallenriffe in den Weltmeeren verschwunden, was aufgrund eines Rückkopplungseffekts dramatisch ist: Lösen sich die Kalkschalen der Riffe im Wasser auf, entsteht Säure, die den Riffen noch mehr zusetzt. Ebenfalls schon im Gang ist das Abrutschen alpiner Gletscher, was bereits jetzt Auswirkungen auf Wirtschaftszweige wie Tourismus oder die Stromwirtschaft hat.

Unsicherheiten bestehen aber nach wie vor bei einigen konkreten Auswirkungen. Zum Beispiel ist derzeit laut Jürgen Schneider nicht exakt berechenbar, wie der Einfluss geänderter Temperatur auf die Wolkenbildung sein wird, wenn aufgrund höherer Temperaturen mehr Wasser verdampft. Ebenfalls schwer zu prognostizieren sind die möglichen sozialen Auswirkungen auf dem Planeten. Bei einem deutlichen Anstieg der Temperaturen werden manche Regionen nicht mehr bewohnbar sein und weit mehr Menschen als in den vergangenen Jahren werden ihre Heimat verlassen müssen. Gleiches gilt für Menschen, die in Küstenregionen leben, wenn der Meeresspiegel ansteigt und ihre Lebensräume wegschwemmt.

AUS DER ZUKUNFT ZURÜCKSCHAUEN

Nicht nur Romane und Filme spielen solche und ähnliche Szenarien durch, auch immer mehr Wissenschaftler machen sich Gedanken über eine durch den Klimawandel bedrohte Zukunft. So beschreiben etwa Naomi Oreskes, Harvard-Professorin für Wissenschaftsgeschichte, und der Wissenschafts- und Technikhistoriker Erik M. Conway in ihrem Buch „Vom Ende der Welt – Chronik eines Untergangs“ die Ereignisse der kommenden 370 Jahre. Sie tun das, indem sie aus der Zukunft auf diesen Zeitraum zurückblicken und erörtern, wie es zum „Großen Kollaps“, wie sie es nennen, kommen konnte. Das Buch wird aus der Perspektive eines Historikers erzählt. Das Besondere: Das Szenario ist zwar erfunden, aber die beschriebenen Ereignisse beruhen auf aktuellen Forschungserkenntnissen. Das Buch ist eine Warnung: Wenn wir so weitermachen wie bisher, kommt es ganz dick. Die Menschheit ist in dieser wissenschaftlichen Fiktion zwar nicht ganz ausgestorben, aber weil sie zu spät adäquat auf den Klimawandel reagiert hat, gab es enorm viele Opfer, und auch weltpolitisch blieb kein Stein auf dem anderen.

Es ist viel zu spät für Vorsichtsmaßnahmen. Heute geht es um Schadensbegrenzung. Naomi Oreskes, Harvard-Professorin

Apokalyptische Horrorszenarien, wie Oreskes und Conway eines beschreiben, haben aktuell Hochkonjunktur. Die Germanistin Eva Horn, die an der Universität Wien forscht und lehrt, beschäftigt sich in ihrem Buch „Zukunft als Katastrophe“ mit den meist bedrohlichen Zukunftsszenarien in Filmen, Romanen, Kunst und Wissenschaft. Sie glaubt, „die vielen Klimafilme wollen uns etwas sagen“. Der Alarmismus, den sie verbreiten, hat einen „aktivierenden Kick“: „Wir müssen uns als jetzt hier handelnde und entscheidende Akteure verstehen.“ Das persönliche Konsumverhalten des Einzelnen ist aus Horns Sicht „eine sehr wichtige Basis“. Aber auch gesellschaftspolitische Debatten, etwa über eine CO₂-Steuer, machen für sie Sinn.

Autor/in:
Alexandra Rotter
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