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Klima in Not

08.10.2019

Immer mehr Städte und Länder rufen den Klimanotstand aus. Was bedeutet das für dort ansässige Unternehmen?

„Stay below 1,5“ lautet die Aufschrift auf der grünen Flagge, die auf dem Hauptplatz in Traiskirchen gehisst wird, der Bürgermeister selbst packt mit an. Der Aufruf ist ein Hinweis darauf, dass die Gemeinde das Pariser Klimaziel ernst nimmt: Es schreibt vor, die Erderwärmung auf unter zwei Grad Celsius und möglichst unter 1,5 Grad Celsius zu beschränken. Als erste Stadt Österreichs hat Traiskirchen im Juni 2019 den Klimanotstand ausgerufen. „Mit diesem Schritt erkennen wir an, dass alles, was bisher getan wurde, nicht ausgereicht hat, um die Erderhitzung zu stoppen“, sagt Bürgermeister Andreas Babler. „Der zweite Schritt ist eine Selbstverpflichtung, alle unsere Gesetze und Verordnungen auf Klima- und Artenschutz zu überprüfen.“ Die Stadt hat es sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 CO2-neutral zu werden und will rund 20 Millionen Euro in konkrete Maßnahmen investieren. So soll Beton nur noch dort eingesetzt werden, wo er nicht durch andere Materialien wie Holz ersetzt werden kann; der Ausbau erneuerbarer Energien oder die Wärmerückgewinnung soll vorangetrieben werden. Ein Maßnahmen- und Empfehlungskatalog für im Ort ansässige Unternehmen ist im Entstehen.

Das Traiskirchner Unternehmen Sadler Lichtkuppeln steht hinter dieser Entscheidung, wie der Juniorchef Daniel Geyer betont: „Wir versuchen einen Beitrag zu leisten, um dem Klimaziel näherzukommen.“ Der Strom für die Lichtkuppel- Produktion soll in Zukunft mithilfe einer Photovoltaikanlage selbst erzeugt werden. „Insgesamt wurden heuer 338 Module mit einem Ausmaß von 558 Quadratmetern und einer Ertragsabschätzung von 97.500 kWh pro Jahr auf unseren Betriebsdächern montiert“, so Sadler. Der nächste Schritt werde der Umstieg auf elektrobetriebene Fahrzeuge sein.

DIE KLIMAKRISE ERNST NEHMEN Bereits im Juni hatte Österreich die zweite Hitzewelle dieses Jahres hinter sich, in Innsbruck wurden 36,7 Grad gemessen – ein neuer, trauriger Hitzerekord. Das Jahr 2018 ging als das wärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in die Geschichte ein und steht damit in einer Reihe immer wärmer werdender Jahre. Die Immer mehr Städte und Länder rufen den Klimanotstand aus. Was bedeutet das für dort ansässige Unternehmen? Fotos: beigestellt Klima in Not TEXT SUSANNE WOLF steigenden Temperaturen haben Auswirkungen auf Mensch und Natur: Im Jahr 2018 starben in Österreich 766 Menschen aufgrund der Hitze. Lange Dürreperioden führen zu Ernteausfällen: Im Norden und Westen Österreichs fiel von März bis August 2018 bis zu 85 Prozent weniger Regen als im zehnjährigen Durchschnitt. Auf der anderen Seite führen unverhältnismäßig starke Regenfälle immer öfter zu Überschwemmungen. Die rapid ansteigende Erderwärmung lässt sich nicht länger verharmlosen: Statt vom Klimawandel muss nun von einer schweren Klimakrise gesprochen werden. Eine Krise, zu deren Bewältigung Ballungsräume viel beitragen können. Die Idee des Klimanotstands stammt von dem australischen Politiker und Klimaaktivisten Adrian Whitehead. Seine Heimatstadt Darebin rief als erste Stadt weltweit im Jahr 2017 den Klimanotstand und verabschiedete den Darebin Climate Emergency Plan. Bisher umgesetzt wurden dort etwa geförderte Solarpaneele für private Häuser, bis 2021 soll der Solarstrom in der Stadt verdoppelt werden.

BISHERIGE MASSNAHMEN NICHT AUSREICHEND „Wir müssen alles tun, um bei 1,5 Grad zu bleiben“, sagt die Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb, „da die Reaktionen der Natur früher einsetzen als erwartet.“ Der Emissions Gap Report 2018 der Vereinigten Nationen besagt, dass alle derzeit auf dem Tisch liegenden Klimaschutzpläne bis Ende des Jahrhunderts zu drei Grad Erwärmung führen würden. Weiter heißt es in dem Bericht: Wenn der Emissions Gap bis 2030 nicht geschlossen wird, steigt die Erhitzung nach 2100 weiter an. Das bedeutet, dass verstärkte Bemühungen, die CO2-Emissionen zu reduzieren, bis 2030 nötig sind. Abschließend schreiben die Verfasser des Emissions Gap Report: „Mehr denn je sind alle Staaten weltweit aufgerufen, noch nie dagewesene und dringend notwendige Maßnahmen umzusetzen.“

In den vergangenen Monaten ist die Zahl der Städte, die den Klimanotstand ausriefen, sprunghaft angestiegen: Basel, Konstanz, Vancouver, London, Sydney und New York machten den Anfang, Staaten wie Frankreich oder Großbritannien folgten. In Deutschland rief Konstanz als erste deutsche Stadt Anfang Mai den Klimanotstand aus: Geplant sind kostenlose Busfahrten an Samstagen oder Prämien für diejenigen, die auf ihr Auto verzichten. Der Oberbürgermeister der Stadt muss jährlich über die geplante Reduktion der Emissionen berichten, und städtische Unternehmen sollen öffentlich machen, inwiefern sie zum Klimaschutz beitragen.

Besonders konsequent setzt New York City den Klimanotstand um: Nach steigendem Druck aus der Bevölkerung kündigte der New Yorker Bürgermeister Bill de Blasio bereits im Jänner 2018 an, dem Pensionsfonds der Stadt Investitionen im Wert von fünf Milliarden US-Dollar zu entziehen, die in Kohle-, Öl- und Gaskonzerne geflossen waren. Darüber hinaus klagte die Stadt New York fünf große Ölkonzerne wegen der von ihnen verursachten Klimaschäden, darunter Exxon Mobile.

KEINE VORGABEN AN UNTERNEHMEN Als erstes österreichisches Bundesland hat Vorarlberg Anfang Juli den Klimanotstand ausgerufen. „Die Landesregierung und die Fraktionen im Landtag beabsichtigen einhellig, die Vorarlberger Landesverwaltung – als erste in Österreich – ab 2019 klimaneutral zu organisieren“, erklärt ein Sprecher. Geplant ist die Energieautonomie 2050, bis zum Jahr 2040 sollen CO2-Emissionen möglichst vermieden werden. Zu den geplanten Maßnahmen gehören der Ausbau des öffentlichen Verkehrs und des Radverkehrs, ein Öl-Stop für Neubauten ab 2021 oder Solarpaneele für 5.000 Häuser. Zudem soll die Bundesregierung dazu aufgerufen worden, eine ökologische Steuerreform durchzuführen. Auch einige Unternehmen leisten einen Beitrag zum Klimaschutz in Vorarlberg: „Insbesondere Illwerke VKW sind hier zu nennen“, erklärt ein Sprecher der Landesregierung. Das Energieunternehmen betreibt zehn Wasserkraftwerke. „Vorgaben an Unternehmen seitens der Landesregierung gibt es jedoch keine“, betont der Sprecher, „da es sich beim Klimanotstand um keinen juristischen Terminus handelt.“

Autor/in:
Susanne Wolf
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