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"Kinderarbeit gibt es gratis"

17.05.2017

Im Krieg um Rohstoffe für unsere Handys sterben täglich Menschen in Afrika. Die Produktionsbedingungen treiben chinesische Fabrikarbeiter in den Selbstmord, und dass wir sie so rasch wechseln, zerstört die Umwelt. Wie dieser Teufelskreis zu durchbrechen ist? Nur indem man für Weltfrieden sorgt, meint der Fairphone Gründer Bas van Abel im Interview.

Sie haben vor vier Jahren ein Unternehmen mit dem Anspruch gegründet, ein Handy herzustellen, das unter möglichst fairen Bedingungen produziert wird. Wie kam es dazu?  
Bas van Abel: Ich habe lange in einem Medialab gearbeitet, und irgendwann hat sich in mir der Wunsch entwickelt, etwas mit Technologie zu tun, das Sinn stiftet. Es ging mir darum, Konsumenten stärker zu sensibilisieren, zu zeigen, wie Produkte entstehen und wie sie funktionieren. Dabei ist oft die Frage aufgekommen, was eigentlich genau passiert, bevor die Bestellung in einem Container aus China kommt. 

Und da kam Ihnen die Idee, ein faires Handy herzustellen?
Es war so, dass mich ein Freund bat, mit ihm eine Kampagne aufzusetzen, die sich konfliktbehafteten Rohstoffen widmet. Solche Rohstoffe werden zum Beispiel in Krisenregionen zu Tage gefördert und in unseren Handys verbaut. Dagegen wollten wir etwas tun. Eine zentrale Frage war, wie man die Geschichte dieser Minen im Kongo bis zu den Konsumenten transportiert. Denn wir alle wissen ja, dass dort schreckliche Dinge beim Abbau der Rohstoffe passieren.   

Das Marketing zeigt uns allerdings rund um die Uhr ganz andere Bilder.
Genau. Diese Marketingmechanismen sind extrem kraftvoll. Man kann sie aber zum Glück auch dafür nützen, um eine andere Geschichte zu erzählen und um etwas zu verbessern. Um den Menschen zu erklären, wo die Produkte herkommen. 

Was waren denn die konkreten ersten Schritte?
Wir hatten den naiven Gedanken: Alles kommt aus der Erde, und zwischen ihr und dem Endprodukt liegt die gesamte Welt. Wenn man also dem Produkt bis zur Quelle folgt, müsste man doch herausfinden können, was es alles braucht, um es herzustellen und diesen Prozess zu verbessern. Wir wollten deshalb genau wissen, wie Handys produziert werden, wo die Materialien herkommen, und warum sie einen Krieg im Kongo auslösen können. Und warum die Menschen in China wegen ihrer Jobs vom Dach springen.

Haben Sie sich mit diesen Fragen auch an die großen Hersteller gewandt?
Wenn man naiv bei großen Konzernen nachfragt, hört man schnell, dass die Idee, ein eigenes Handy herzustellen und in den Minen anzufangen verrückt ist – und das stimmt natürlich auch. Allerdings gibt es eben auch viele Menschen, die einen anspornen. Bei uns gibt es eine David-und-Goliath-Geschichte, die viele Leute fasziniert hat. Wir haben also sehr viel Zuspruch bekommen.  
Haben Sie auch Gegenwind von der Industrie bekommen? Nein, denn wir haben die Industrie nicht angeprangert, sondern lieber eine Plattform gegründet, um gemeinsam ein faires Handy zu erschaffen. Wir waren auch sehr offen für Kooperationen, Mitstreiter, Unterstützer und Partner aus der Lieferkette.    
Sie haben also versucht, ein kommerzielles Businessmodell aufzusetzen, um eine gesellschaftliche Veränderung herbeizuführen?
Der wirtschaftliche Aspekt war uns wichtig. Wir wollten es nicht als Kunstprojekt angehen, um am Ende in einem Museum zu landen. Wir wollten zeigen, dass man als Teil unseres Wirtschaftssystems Entscheidungen treffen kann, die den Menschen in den Mittelpunkt stellen und wert­orientiert sind. Uns war klar, dass wir es als Firma tun ­mussten, damit es glaubwürdig ist. 

Wie lange hat es gedauert, dass aus dem Projekt wirklich ein wirtschaftlich tragbares Geschäft wurde?
Wir haben gleich zu Beginn einen Businessplan aufgestellt. Es gibt eine wachsende Konsumentenschicht, die Wert auf eine ethische Lieferkette legt. Wir haben für genau diese Gruppe eine Kampagne aufgesetzt und ihr das Produkt im Vorverkauf angeboten. 

Sie haben also Geld für Produkte eingesammelt, die es noch nicht einmal gab?
Ja, ich habe einen Stein aus einer konfliktfreien Mine genommen und bin zu einem großen Mobilfunkanbieter gegangen und habe gesagt, dass ich daraus ein Fairphone machen würde. Dann habe ich ihm erklärt, dass ich von 1000 Menschen eine Kaufzusage habe und ihn gefragt, ob er als Partner dabei sein will. Da haben die Ansprechpartner große Augen gemacht.

Sind sie gleich aufgesprungen?
Zuerst ist die Geschichte bis zum Vorstand raufgegangen. Und dann haben sie ein Handy, das es nicht gab, von einer Firma, die es noch nicht gab, zu einem Preis, der nicht feststand, gekauft. Das Schöne war, dass wir damit in die Medien kamen und viele Konsumenten erreichen konnten, denen die Idee gefallen hat und die auch so ein Handy haben wollten. 

Da wurde dann vermutlich klar, dass Sie es auch wirklich durchziehen müssen.
Ja und vor allem, dass wir rasch Cash brauchen. So haben wir eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Wir haben die Firma gegründet und rasch über zehn Millionen eingesammelt. Wir wollten zunächst 5000 Handys verkaufen und landeten dann aber bei 25.000. Wir hatten also auf einmal richtig viel Geld auf unserem Konto, aber keine Ahnung, wie wir das Handy herstellen sollten. Wir hatten einen Stein, konnten eine Fabrik finden, die es uns herstellen würde und ausreichende Mittel. Da haben wir gesagt: Ok, gehen wir es an!

Klingt, als wären Sie extrem leichtsinnig oder sehr mutig.
Wir hatten natürlich auch Panik. Da waren viele Menschen, die uns vertrauten. Wir hatten ja da schon so viele Handys verkauft, die wir produzieren wollten. Und dann geschah etwas Überraschendes: Manche Leute haben dieses Handy, das es ja noch nicht gab, um mehr als den doppelten Preis verkauft. Die Nachfrage nach dem ersten Fairphone war so groß, dass Leute auf ebay 600 Euro für ein Teil bezahlt haben, das es noch gar nicht gab. 

Ein super Geschäftsmodell! Total.
(lacht) Also haben wir die Firma wirklich gegründet und losgelegt. Mit der Nachfrage und der Finanzierung konnten wir ja recht rasch starten. Wir waren damit in der Lage, das Handy zu produzieren und spannende Projekte in der Lieferkette aufzusetzen.

Zum Beispiel?
Wir beziehen einen Teil der benötigten Rohstoffe aus konfliktfreien Minen im Kongo, schaffen Verbesserungen der Arbeitsbedingungen in China, wo gefertigt wird, und betreiben Recyclingprogramme in Ghana. Aber damit hatten wir noch lange kein faires, eigenes Handy. Es war noch immer ein Handy, das in China von einer Fabrik hergestellt wurde. Wir haben in den ersten 1,5 Jahren 60.000 Stück verkauft bei einem Umsatz von 16 Mio. Euro. Wir waren profitabel und sind auf 45 Mitarbeiter angewachsen. Das ging richtig schnell. Da haben wir uns angesehen und gesagt: Heilige Scheiße, was geht denn hier ab? Wir haben gesehen, dass die Leute bereit sind, Geld für Werte auszugeben. 

Was hat das für Ihre Strategie bedeutet?
Wir wollten natürlich umso mehr ein gänzlich eigenes Handy herstellen, um noch bessere Kontrolle über alle Prozesse zu erlangen. Es ging uns darum, den CO₂-Fußabdruck deutlich zu reduzieren. Die größte Belastung entsteht nämlich bei der Produktion.  

Es geht also um die Produktion und das Recycling.
Ja, aber vor allem darum, die Produkte möglichst langlebig zu gestalten, damit sie nicht oft ersetzt werden müssen. Umso länger man sie behält, umso besser für die Umwelt. 

Und wie gelingt das?
Zum Beispiel über die Möglichkeit, den Akku einfach zu ersetzen. Wir haben es auch insgesamt robuster gebaut und so, dass es einfach repariert werden kann. Nur wenn man es einfach und günstig reparieren oder sogar upgraden kann, machen es die Menschen auch. Was besonders wichtig ist: Wenn man will, dass ein Handy länger verwendet wird, müssen sich die Konsumenten dazu entscheiden. Dafür muss man ihnen die richtige Geschichte über das Marketing vermitteln. Mit der richtigen Story kann man heute einen echten Mehrwert schaffen. Ein Produkt, zu dem die Menschen stehen können.   

Wenn man so eine Story erzählen will, muss sie natürlich super glaubwürdig sein. Wie stellen Sie denn heute sicher, dass alle Rohstoffe für Ihr Handy wirklich fair gewonnen und gehandelt wurden?
Eines muss einem klar sein, ein Handy ist keine Banane. Es hat schon bei simplen Produkten wie Orangen 15 Jahre gedauert, ein funktionierendes Fairtrade-System aufzubauen. Ein Handy beinhaltet mehr als 1200 Komponenten. Und es sind tausende Fabriken in die Produktion all dieser Teile involviert. Es gibt 92 Elemente und 80 davon befinden sich in einem Handy. Die ganze Welt ist also in die Produktion eines Handys involviert. Fairphone ist also noch nicht 100-prozentig fair – wir können noch nicht sicherstellen, dass alle Rohstoffe fair gehandelt sind. Aber wir arbeiten daran, Schritt für Schritt. 

Wie kann man dann ein faires Handy produzieren?
In dem man für Weltfrieden sorgt. Vermutlich werden wir nie alle Probleme lösen können, aber wir wollen ein Statement setzen und aufzeigen, wie man soziale und ökologische Innovationen setzen kann. Wir wollen einen Weg aufzeigen, den auch andere Unternehmen gehen können. Bis ins Kerngeschäft und zwar bei kommerziellem Erfolg. Als Mensch, als Unternehmen zerstört man immer etwas, wenn man etwas erschafft. Wenn man das im Zusammenhang mit unserem Wachstumsparadigma und der Art, wie wir Erfolg messen, bedenkt, wird klar, dass wir unseren Erfolg vom Ressourcenverbrauch irgendwie abkoppeln müssen.   

Eine Abkehr von steigenden Verkaufszahlen wird den Shareholdern vermutlich nur schwer zu erklären sein.
Wenn man ihnen erklärt, dass man nur die Hälfte der Geräte verkaufen will, weil man meint, dass die Leute keine neuen brauchen, ist klar, was mit den Aktien passiert. Aber man kann Kinderarbeit und Umweltverschmutzung nicht beheben, wenn man nicht bereit ist, die Systemfehler in Angriff zu nehmen. Dabei darf man aber nicht dogmatisch sein. Man kann nicht in den Kongo gehen und einfach Kinderarbeit abschaffen. Das geht einfach nicht.  

Gibt es bislang andere Firmen, die ihrem Vorbild nach­eifern?
Ja, wir holen bei den verschiedenen Projekten viele andere Unternehmen mit an Bord, aber am wichtigsten sind die Konsumenten. Sie sind es ja, die Unternehmen gestatten, sich unethisch zu verhalten. Im Kern von all dem steht die Preisfrage. Wir konsumieren heute mehr als die Königin von England vor der industriellen Revolution. Das ist toll. Aber das verursacht Kosten. Und wir bezahlen sie nicht. Der wahre Preis der Dinge ist uns ja oft nicht einmal bekannt. 

Es interessiert die meisten Leute vermutlich einfach nicht.
Darin liegt aber das größte Dilemma der Menschheit: Das wir uns so schwer tun, unsere eigenen Interessen gegen die der Gemeinschaft abzuwägen. 

Glauben Sie, dass unser System ohne radikalen politischen Umsturz verändert werden kann? Ist die Menschheit dazu fähig?
Ich denke, dass die Menschen schlau genug sind. Wir sind ja auch schlau genug, Produkte herzustellen, die wir nicht verstehen. Wir wurden aber in den letzten 200 Jahren nicht auf eine Art erzogen, die auf eine Lösung dieser Fragen einzahlt. Unsere Werthaltung dreht sich nur um uns als Konsumenten und als Individuen. Wenn man sich Nachhaltigkeit ansieht, liegt eines der Probleme darin, dass viele glauben, dass sie durch das Erfinden neuer Lösungen kommt. Aber wir brauchen vielmehr einen spirituellen Ansatz. Das sage ich, weil Nachhaltigkeit für mich nicht ohne Spiritualität funktioniert. 

Wie sieht dieser Ansatz aus?
Es geht um mehr, als die ­eigene Existenz zwischen Geburt und Tod. Aber dieses Verständnis haben wir verloren. Ich glaube schon, dass wir fähig sind, uns zu ändern, aber unsere Politik und unsere Gesellschaft müssen sich wieder in ein kollektives Gefühl einklinken, das uns als Gemeinschaft von Menschen begreift, die zusammengehören.

Die Frage wird dabei vermutlich sein, wie gut sich so eine Vorstellung in aufstrebenden Märkten wie China verankern lassen wird, wo der Wohlstand und die Freude am Konsum gerade erst angekommen sind.
Das wird schwierig. Die Art, solche Themen zu betrachten, ist natürlich vom sozialen Wohlfahrtstandard abhängig. Nachhaltigkeit darf aber nicht als elitäres Nischendenken verstanden werden. Eine der spannendsten Erkenntnisse unseres Projektes lautet: Fairness hat viele verschiedene Perspektiven. Als wir im Kongo in den Minen filmen wollten, mussten wir zuerst den Kommunikationsminister bestechen. Das war eine unserer ersten Ausgaben als Fairphone. Das ist die Realität. Ich lebe nicht in einer Traumwelt. Wir wollen Menschen auf verschiedenen Eben verbinden und ein gemeinsames Verständnis für Fairness schaffen. 

Wie sehen denn Ihre konkreten Ziele aus, um dort hinzukommen?
Wir wollen natürlich das Handy immer fairer machen. Aber es gibt auch das politische Element. Und ich finde, dass Unternehmen immer auch ein wenig politisch sein sollten. Genauso die Konsumenten. Vor allem, wenn es darum geht, die Gemeinschaft mit den persönlichen Inte­ressen auszusöhnen. Wir werden als Konsumenten erzogen, die sich nur um sich selbst kümmern, wir sind aber auch Bürger und Menschen. Dieses Bewusstsein muss man fördern. 

Gelingt Ihnen das bereits?
Wir können zum Beispiel zeigen, dass man als Unternehmen mit so einem Ansatz am Markt bestehen kann. Erfolg ist möglich, auch wenn man sich wie ein Mensch benimmt. Wir können uns sicher ändern. Wir brauchen diese Veränderung aber wesentlich schneller. Wir müssen echt schneller handeln, wenn die Welt nicht den Bach runtergehen soll. Denn eines muss uns auch klar sein: Wenn die Menschheit es nicht schafft und ausstirbt, ist das der Natur scheißegal. 

Haben Sie einen Rat für andere Unternehmer, die so denken wie Sie?
Es braucht echt Eier. Es macht einen sehr verletzlich, wenn man solche Projekte startet. Kinderarbeit gibt es im Kongo gratis. Und in China kann man nicht fertigen und innerhalb des Rechts bleiben. Es geht nicht! Man kann nicht einfach sozial handeln, ohne sich angreifbar zu machen. 

Ohne Schmutzige Hände ist also keine Verbesserung möglich?
Nein, und weil man es transparent machen sollte, bekommt es auch noch jeder mit. Das ist der Grund, warum es kaum jemand angeht. Weil es risikoreich ist. Doch wenn man erst kapiert hat, dass alles mit allem verbunden ist, wird einem klar, dass alles wichtig ist. Dass man nichts mehr ignorieren kann. Und das ist ein enormer Antrieb! 

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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