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KI: Das zweischneidige Schwert

09.10.2019

Von künstlicher Intelligenz gesteuerte Dienste erobern gerade die Produktionswelt. Der Standort Österreich hat dabei beste Chancen, eine führende Rolle zu spielen. Doch mit KI drohen Gesellschaften auch einen Teil ihrer Freiheit zu verlieren.

Die Vorstellung von selbstdenkenden Maschinen erinnert immer noch an einen düsteren Science-Fiction-Film aus den 1970er-Jahren, der in einer fernen Zukunft spielt. Technologieminister Andreas Reichhardt widerspricht. „Zu sagen, künstliche Intelligenz kommt und wir bereiten uns vor, das war gestern. KI ist längst da“, so Reichhardt auf dem heurigen Forum Alpbach mit einem Cocktail in der Hand, den extra für ihn eine KI-Maschine des Österreichischen Patentamts „kreiert“ hat. Ob diese Maschine wirklich viel mehr kann als seinerzeit der Kaffeeautomat der Serie „Kottan ermittelt“, ist nicht überliefert. Doch die Dienste, die von künstlicher Intelligenz gesteuert werden, sind tatsächlich längst allgegenwärtig.

DIE SYSTEME SIND UNTER UNS

Am Computer filtern Algorithmen die Suchergebnisse, empfehlen Lieder, Bücher und Shampoos und blocken unerwünschte Mails. Am Smartphone und Tablet warten Programme auf Sprachbefehle und registrieren auch sonst sehr aufmerksam jedes Gespräch und jeden Ortswechsel. Ruft man beim „digitalen Amt“ an, muss man sich zuerst länger mit einer freundlichen weiblichen Tonbandstimme unterhalten, bevor man mit einem echten Menschen reden kann. Auch sortieren bei Bewerbungen in vielen Firmen heute schon Programme den Großteil der Anschreiben automatisch aus, bevor ein Personalchef den Rest zu sehen bekommt. Beim Autofahren halten digitale Assistenten die Spur. Und in Krankenhäusern erkennen KI-Systeme auf Röntgenbildern und MRT-Aufnahmen Erkrankungen wie etwa Krebs – wie es heißt, sogar besser als Ärzte.

Alles Beispiele aus dem Alltag – doch auch sehr viel größere KI-Dimensionen sind bereits Realität. Zum Beispiel am Finanzmarkt. Während in Berichten über die Wall Street oder die Deutsche Börse stets nervöse Aktienhändler vor Bildschirmen zu sehen sind, sind es in Wahrheit inzwischen Algorithmen, die einen Großteil des Handels bestimmen. Im sogenannten Hochfrequenzhandel hantieren sie mit Milliardenbeträgen, und zwar innerhalb von Sekundenbruchteilen. Gelegentlich sorgen die Programme dabei für vollkommen irrationale Kursstürze, über die danach Rätselraten herrscht.

Noch unheimlicher ist die Entwicklung in China, die zeigt, wohin die Reise gehen kann. Dort sammelt ein „soziales Bonitätssystem“ jeden Klick im Netz und jedes Überqueren einer roten Ampel, um jeden Einzelnen danach zu sanktionieren oder zu belohnen, etwa mit günstigeren Krediten oder einer Sperre für Fernreisetickets.

DAS DILEMMA EUROPAS

„Wenn wir uns fragen, was KI nicht können wird, dann bleibt bald nicht viel übrig, was sie in Zukunft nicht beherrschen wird“, so Sepp Hochreiter auf dem heurigen Forum Alpbach, das sich ausführlich dem Thema gewidmet hat. Hochreiter leitet das Labor für KI an der Universität Linz und hat mit dem „Long Short Term Memory- Nutzen“ selbst eine der globalen Grundlagen für KI geschaffen, die heute von Konzernriesen wie Google und Amazon breit eingesetzt wird. KI sei demnach wie Strom oder das Internet in praktisch jedem Bereich des Lebens einsetzbar. Die Technologie sollte trotzdem selbst keine Entscheidungen treffen, sondern nur die Grundlage dafür liefern, so Hochreiter gegenüber der Austria Presse Agentur.

Doch genau in diesem Punkt steckt Europa in einem Dilemma, eingekeilt zwischen der radikalen Technikgläubigkeit des Silicon Valley und dem Einsatz zur staatlichen Überwachung der Chinesen. Auch wenn beides nicht der richtige Weg zu sein scheint, stellt sich die Frage, wie stark man KI regulieren muss und wie sehr deren Anwendungen zu fördern sind. Auf jeden Fall seien KI-Anwendungen viel stärker zu fördern als heute, heißt es bei der Industriellenvereinigung. Das Förderbudget für angewandte Forschung müsse jedes Jahr um rund zehn Prozent angehoben und die Kooperation zwischen Leitbetrieben, dem Mittelstand, Hochschulen und Start-ups gestärkt werden, so Generalsekretär Christoph Neumayer in Alpbach. Nur jene Standorte, die auf Schlüsseltechnologien wie KI setzten, würden in Zukunft bestehen können.

UNIKONFERENZ: BESTE CHANCEN ÖSTERREICHS

Sehr eindeutig ist auch die Position der österreichischen Universitätenkonferenz Uniko. In einem diesen Sommer vorgelegten Papier plädieren die Universitäten für die Gründung eines großen neuen KI-Instituts in Österreich und für die Schaffung der nötigen Rechen-Infrastruktur, insbesondere eines Grafikkarten-Clusters. Der Appell der Universitätenkonferenz an die künftige Bundesregierung hat einen konkreten Anlass: Österreich habe im Moment laut den Autoren von Uniko „ausgezeichnete Chancen“, neben den Universitäten ETH Zürich, Tübingen und Cambridge europaweit einer der wenigen begehrten Standorte für ein neues Netzwerk aus KI-Instituten zu werden, dessen Aufbau die EU soeben koordiniert. Für dieses Großprojekt mit dem Namen „Ellis“ (European Laboratory for Learning and Intelligent Systems) sei zwar für die nächste Dekade national eine Finanzierung von rund 30 Millionen Euro nötig – doch die Vorteile für den Standort Österreich wären enorm. Nötig sei ferner auch die Schaffung eines nationalen Netzwerks, da die heimische Firmenstruktur und KI-Landschaft derzeit recht kleinteilig gestaltet sei.

Alles andere als klar sind dagegen die Prognosen über die Folgen am Arbeitsmarkt. Einer Untersuchung der Firmenberatung Accenture zufolge kann die Wachstumsrate der österreichischen Wirtschaft mit KI auf drei Prozent steigen. Dagegen schreibt das deutsche Science Media Center: „Es erscheint offen, ob Zahl und Qualität der neuen Jobs jenen der wegfallenden gleichkommt.“

OHNE REGELUNGEN WIRD ES NICHT GEHEN

Auf der anderen Seite wird auch der Ruf nach Regulierungen umso lauter, je umfassender KI in alle Abläufe eindringt. Die OECD etwa fordert in ihrer aktuellen Publikation „Künstliche Intelligenz in der Gesellschaft“, besonders auf Systeme zu achten, die „vertrauenswürdig“ seien und „die Menschenrechte und demokratische Werte achten“. In Österreich widmet sich genau dieser Aufgabe schon seit 2017 der Rat für Robotik und Künstliche Intelligenz (Acrai). Doch all die Empfehlungen bleiben reichlich nebulös und teilweise in sich widersprüchlich, so das Ergebnis einer im September vorgelegten Inhaltsanalyse der ETH Zürich, die weltweit 84 Leitlinien von Organisationen und Regierungen unter die Lupe genommen hat. Es bleibt tatsächlich fraglich, ob gut klingende Positionspapiere am Ende reichen. Wie gefährlich KI sein kann, zeigt eine Studie der niederländischen NGO Pax. Die Organisation hat Ende August eine Studie vorlegt, wonach Unternehmen wie Amazon und Microsoft gerade Programme entwickelten, die man in autonomen Waffensystemen einsetzen könne – also in Waffen, die ohne menschliche Einwirkung über Leben und Tod entscheiden. Dass diese Anklage nicht ganz aus der Luft gegriffen ist, zeigt eine aufsehenerregende Entscheidung von Google. Im Vorjahr ist der Internetriese aus dem Bieterrennen um einen ebensolchen Auftrag des US-Verteidigungsministeriums ausgestiegen – wegen ethischer Skrupel seiner Mitarbeiter.

Auch sonst bleibt KI ein zweischneidiges Schwert. Praktisch immer stünde in der Beurteilung nicht der Mensch im Vordergrund, sondern die Vorteile für die Produktivität, so der Soziologe Jörg Flecker. Noch nie sei das große Versprechen von Industrie 4.0 eingelöst worden, Menschen für kreative Aufgaben frei zu machen. Eine Entwicklung, die der große amerikanische Kybernetiker Norbert Wiener schon Ende der 1940er-Jahre vorausgesagt hat. Seine These: Wenn die Menschheit sich bei der Architektur der digitalen Welt an den Sklavereien der Vergangenheit orientieren werde, werde sie nichts als Sklaverei ernten. Gesellschaften müssen also aktiv um ihre Freiheit kämpfen. Inwieweit das allerdings in einer vollständig automatisierten Produktionswelt und in einem privaten Leben entlang der Suchergebnisse von Google und dem „social graph“ von Facebook noch möglich ist, bleibt offen.

 

Autor/in

PETER MARTENS

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