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„Das Bargeld ist und bleibt das Rückgrat des Handels.“?Kurt Pribil, Direktor der Nationalbank

Kein Geld ist auch keine Lösung

12.10.2015

Prominente Ökonomen plädieren für eine Abschaffung des Bargeldes. Das hätte zwar einige Vorteile, wirklich denkbar ist eine Welt ganz ohne Banknoten aber auch künftig nicht.

 

Text: Daniel Nutz

Das gute alte Sparschwein könnte demnächst seine Funktion verlieren. Zumindest wenn es nach dem Willen von manchem schwergewichtigen Ökonomen geht. Der deutsche Wirtschaftsweise Peter Bofinger, seines Zeichen einer der fünf politisch einflussreichsten Ökonomen der Bundesrepublik, ist so einer. In einem Interview mit „Der Spiegel" bezeichnete er das Bezahlen mit Münzen und Geldscheinen unlängst als anachronistisch. Bargeld habe aufgrund des technologischen Fortschritts keine Notwendigkeit, argumentiert der Wirtschaftsweise. Eine Abschaffung würde illegale Transaktionen wie Steuerhinterziehung oder kriminelle Geschäfte eindämmen, schlägt auch der ehemalige IWF-Chefökonom Kenneth Rogoff in dieselbe Kerbe. Dem Rat der Ökonomen folgen will übrigens die dänische Regierung. Sie plant, Geschäfte, Restaurants und Tankstellen schon im kommenden Jahr von der Bargeldpflicht zu entbinden. Die Unternehmen können dann selbst entscheiden, ob sie die Barzahlung künftig überhaupt noch annehmen. Das Ende des Bargelds scheint mit großen Schritten zu nahen. In Internetforen wird gegen die Möglichkeiten der totalen Überwachung und Überprüfung sämtlicher Geldströme polemisiert. Wird man tatsächlich bald nur mehr mit Karte, Handy oder Ähnlichem bezahlen können? Hat der Konsument dem Bargeld bereits abgeschworen?

 

Bargeld weiter beliebt

Ein Blick auf die Fakten zeigt, dass das Bargeld im Alltagsgebrauch mitnichten im Schwinden begriffen ist. Mit einem Umlaufvolumen von 1.060 Milliarden Euro ist derzeit um neun Prozent mehr physisches Geld im Umlauf als noch im Vorjahr. Das mag an den niedrigen Bankzinsen liegen, aber auch daran, dass Bares in Kriegsländern eine Krisenwährung darstellt. Speziell aus der Ukraine gab es zuletzt eine rapide Nachfrage nach Euroscheinen. Doch auch im politisch stabilen Alpenraum steht das Bare hoch im Kurs. Wie eine Untersuchung der Österreichischen Nationalbank zeigt, wird im heimischen Handel zu 80 Prozent bar bezahlt. Darum sieht Nationalbank-Direktor Kurt Pribil keinen Grund, das Bargeld abzuschaffen: „Das Bargeld ist und bleibt das Rückgrat des Handels." Neuen Formen des Bezahlens räumt Pribil dennoch großes Potenzial ein.

 

Neue Formen des Bezahlens

Eine Anfrage beim heimischen Marktführer zeigt, dass die Nutzung der von der Firma Six (vormals Paylife) herausgegebenen Karten in den vergangenen fünf Jahren um 20 Prozent auf rund 61 Millionen Transaktionen jährlich gestiegen ist. Doch nicht nur das klassische Prepaid- und Kreditkartengeschäft nimmt zu. So wie sich die Tonträger von der analogen Schallplatte über die digitale CD bis hin zum immateriellen MP3-Format entwickelt haben, steckt nun auch das Bezahlen in einem digitalen Wandel. Der Funktechnikstandard NFC hat sich mittlerweile etabliert. Um den Konsumenten die bargeldlose Zahlung in Zukunft noch schmackhafter zu machen, wird daran gearbeitet, wie das allgegenwärtige Smartphone konventionelle Karten ersetzen kann. Richten wird es eine App, die auch dann zum Einsatz kommt, wenn ein Freund einem anderen ein paar geborgte Euro zurückgeben möchte oder auch wenn bei einem Weihnachtsmarkt weder Bankomatkassa noch Geldautomat in Sicht sind. Eine Entwicklung, die für viele Konsumenten Vorteile bringt. „Wenn für den Konsumenten die Sicherheit garantiert ist, stehen wir auch einer Weiterentwicklung der elektronischen Zahlungsmittel positiv gegenüber. Jedenfalls muss der Wettbewerb der Zahlungsmittel gewahrt sein", glaubt Pribil an eine noch stärkere Pluralität der unterschiedlichen Bezahlformen in Zukunft.

 

Datensammeln

Neben der Sicherheit ist der Datenschutz bzw. das Sammeln von Daten das brisanteste Thema in der Diskussion um neue Bezahlformen. Denn wer über das Bezahlen Kundendaten erhebt, betritt damit den womöglich wichtigsten Markt der Zukunft. Wer über Kundendaten diverse Nutzerprofile erstellt und somit auf Einkaufsverhalten und Produktvorlieben schließen kann, schafft sich einen entsprechenden Wettbewerbsvorteil. Kein Wunder, dass Handelsketten wie Rewe oder Metro Möglichkeiten des Bezahlens über Fingerabdruck oder Iris-Scan testeten. Um an wirklich wertvolle Daten der Kunden zu kommen, ist allerdings mehr gefragt als die Implementierung digitaler Bezahlmethoden. Der deutsche Zukunftsforscher und Prophet der digitalen Revolution, Karl-Heinz Land, meint: „Wer von den Kunden Daten haben will, muss ihnen einen Mehrwert bieten." Das können monetäre und nichtmonetäre Vorteile sein.

Werden Unternehmen, wenn die rechtlichen Rahmenbedingungen es zulassen sollten, ihren Kunden demnächst die Möglichkeit verweigern, mit Bargeld zu bezahlen? Es sieht nicht so aus. „Geld ist geprägte Freiheit", sagte einmal der russische Literat Fjodor Dostojewski. Und so sehen es auch weiter viele Konsumenten. Wir geben eben ungern über Jahrhunderte tradierte Verhaltensmuster auf. Es ist bestimmt sinnvoll, darüber nachzudenken, das Bargeld bei größeren Transaktionen zu eliminieren, wie es etwa in Italien schon heute bei Transfers von mehr als 1.000 Euro gehandhabt wird. Ein paar Scheine werden wir so auch künftig in unseren Portemonnaies mitführen. Es wird uns auch helfen, ein Stück Brot zu beziehen, sollten die elektronischen Terminals einmal ausfallen.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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