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Jede Region darf mächtig sein

21.04.2020

Der Aufstieg Asiens bedeute nicht den Untergang des Westens, sondern sei im Gegenteil eine große Chance besonders für Europa, sagt der indisch-amerikanische Strategie­berater Parag Khanna. In seinem neuen Buch „Unsere asiatische Zukunft“ erklärt er, warum das 21. als das asiatische Jahrhundert in die Geschichte eingehen werde.

Sie sind in Indien geboren, in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Amerika und Deutschland aufgewachsen und leben jetzt in Singapur. Wie asiatisch fühlen Sie sich?

Ich habe kein Problem mit meiner indischen Identität und bin immer Asiate gewesen, war aber zugleich nie ein reiner Inder, sondern immer weltbürgerlich. Meine Weltanschauung ist, dass Identitäten sich vermehren und aufeinander aufbauen. Ich habe also eine indische Identität, dazu eine arabische und auch eine amerikanische Identität, ich bin auch amerikanischer Staatsbürger geworden. Außerdem fühle ich mich total deutsch. Meine Frau wirft mir vor, viel mehr deutsch als indisch oder amerikanisch zu sein, weil mir Ordentlichkeit und Pünktlichkeit wichtig sind. Wir sind aus Spaß und Zufall nach Asien zurückgekommen und zwar als amerikanische Expats. In Singapur, das sehr kosmopolitisch ist, leben haufenweise junge Amerikaner, die versuchen, sich hier zurechtzufinden. Mir macht es großen Spaß, mit den Identitäten zu spielen.

Was sind die wichtigsten Dinge, die der Westen über ­Asien und seine Wirtschaft nicht weiß oder versteht?

Das vielleicht Wichtigste ist, dass Asien zu einem System geworden ist. Der Begriff kommt aus der Politikwissenschaft: Staaten eines Systems haben engere und tiefere Beziehungen zueinander als zu Nichtmitgliedern des Systems. Wir haben das in unseren theoretischen Entwürfen konkret gemessen anhand der Bündnisse, Einrichtungen, der In­frastruktur, des Handels, der Investitionen oder der Kultur. Ich kenne kein Buch, in dem Asien bisher als System bezeichnet wurde.

Was bedeutet es für Europa und den Westen, dass asiatische Länder mehr untereinander interagieren als mit anderen Ländern?

Der erste Rückschluss ist, dass sich die Asiaten selbst wichtiger nehmen als den Rest der Welt. Daher müssen nicht sie nachweisen, wie wertvoll sie für den Rest der Welt sind, sondern der Rest der Welt, wie wertvoll er für Asien ist.

Das klingt nach viel Selbstbewusstsein.

Ich bin keiner, der versucht zu provozieren. Ich schaue mir die Daten an und versuche bewusst, langweilig zu sein, indem ich alles belege. Die Daten, etwa von Investitions- und Menschenströmen, diplomatischen Beziehungen etc., zeigen alle, dass Asien ein tiefes System bildet. Und das ist keine Zukunftsprognose, sondern schon seit Jahren so.

Sie sprechen und schreiben über Asien. Die westlichen Medien befassen sich aber fast ausschließlich mit China.

Asien ist mehr als China. Asien besteht aus rund 4,5 Milliarden Menschen. China ist der wichtigste Staat der 35 bis 40 asiatischen Staaten, aber dort bremst sich das Wirtschaftswachstum ein. In vielen Sektoren wie etwa Energieversorgung oder Mobilfunk ist China gesättigt. Jetzt folgt die vierte Welle asiatischen Wachstums in rund zehn Staaten Südostasiens, darunter Indonesien, Thailand und Singapur. Wer Asien anschaut und nur China sieht, versäumt die Märkte der Zukunft.

Sie thematisieren in Ihrem Buch, dass der Westen glaubt, der Aufstieg Asiens sei für die eigene Wirtschaft der Niedergang. Woran liegt das?

Wir bilden uns ein, dass der Aufstieg der einen den Untergang der anderen bedeutet. In meinem Entwurf ist das nicht der Fall. Jede Region darf mächtig sein: Nordamerika, Europa, Asien. Die westlichen Mächte waren immer multipolare Ordnungen, und jetzt befinden wir uns zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte in einer globalen multipolaren Weltökonomie. Davor muss man keine Angst haben.

Warum nicht?

Weil gerade Europa vom Aufstieg Asiens profitieren kann. Wir sehen die Scheidung des Westens: Europa und die USA driften auseinander. Die Schweiz, Italien und andere Länder haben sich der Belt and Road-Initiative angeschlossen oder Kooperationsverträge mit China geschlossen. Sie sehen die neue Seidenstraße als Möglichkeit, die sie sich nicht entgehen lassen wollen. Andere sehen Asien nur als Bedrohung. Europa hat aus asiatischer Sicht eindeutig die besseren Chancen, zum wichtigsten Partner zu werden als die USA. Europa braucht mehr Selbstbewusstsein. Asien asiatisiert sich, und gleichzeitig wird sich die Welt asiatisieren.

Warum ist das so?

Die meisten asiatischen Staaten waren ehemalige europäische Kolonien. Dieses Erbe verwandelt sich vom Negativen ins Positive: Heute kommen Europäer haufenweise nach Asien, aber nicht mit Kolonien, sondern mit Technologien. Sie sind herzlich willkommen, Niederlassungen aufzumachen. Es gibt Freihandelsabkommen der EU mit Singapur und Japan, auch mit Asean (Association of South­east Asian Nations) wird es ein Abkommen geben. Europa versucht, asiatische Märkte nicht durch einen Handelskrieg, sondern durch Engagement zu erschließen. Das ist der Unterschied zur amerikanischen Vorgangsweise und hat Riesenkonsequenzen, was man etwa in der Luftfahrtbranche sieht.

Was meinen Sie konkret?

Die Chinesen haben früher zwischen Boeing und Airbus ausbalanciert und darauf geachtet, etwa gleich viele Flugzeuge in Amerika und Europa zu bestellen. Doch seit einem Jahr wird China selbstbewusster und bestellt 60 bis 70 Prozent der Flugzeuge bei Airbus. Boeing macht Verluste. Das ist kein Zufall und hat mit dem Handelskrieg zwischen China und den USA zu tun. Jeder europäische Di­plomat und Geschäftsführer weiß, dass Europa mehr mit Asien handelt als mit den USA, aber es gibt keinen Amerikaner, der das weiß.  

Asien gelangt in einer Zeit zur Höchstform, wo der Klimawandel weltweit deutliche Folgen zeigt. Haben Asiaten ein Recht auf so viel zerstörerischen Reichtum wie der Westen – oder eine Verantwortung, Wachstum ökologisch zu gestalten?

Das ist zum falschen Gegensatz geworden. So etwas sagen wir, wenn wir nicht fähig sind, Investitionen in die jüngsten Spitzentechnologien zu machen, die uns gleichzeitig Wachstum und Nachhaltigkeit liefern. Diesen Gegensatz gibt es in Davos, aber nicht unter den Leuten, die etwas tun. Auch in den ärmsten Ländern der Welt versucht man, mit erneuerbaren Energien den Energiebedarf zu decken, was auch von der Weltbank subventioniert wird. Wir sind vielleicht in der Übergangsphase, wo man gleichzeitig Investitionen macht und Kohle ausbeutet, aber wir wissen, dass Solarenergie inzwischen sehr billig geworden ist. Ein sogenanntes moralisches Paradox gegenüber den Schwellenländern ist inzwischen kein Thema mehr.

Inwiefern werden sich Ihrer Einschätzung nach die Beziehungen zwischen Europa und Asien durch die Erfahrungen der Corona-Krise verändern?

Ganz bestimmt wird sich das Misstrauen gegenüber China erhöhen, weil es das Virus in die Welt gesetzt hat. Andererseits gibt es die Notwendigkeit, zumindest vorübergehend im Bereich Gesundheit, mit China zusammenzuarbeiten. Trotz der Gefahren auf der neuen Seidenstraße ist es aber nach wie vor eine Riesenchance für Europa, mit Asien Geschäfte zu machen.

Zur Person

Parag Khanna, geboren 1977, ist Politikwissenschaftler und Strategieberater. Sein Beratungsunternehmen FutureMap arbeitet daten- und sze­nariobasiert. Khanna war u. a. für den Thinktank ­Council on Foreign Relations und das Weltwirtschaftsforum tätig und hat mehrere Bestseller geschrieben. The Esquire listete ihn 2008 als einen der einflussreichsten Menschen des 21. Jahrhunderts.

Autor/in:
Alexandra Rotter
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