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Invented in Austria

21.04.2020

Österreich hat eine Aufholjagd in puncto Forschung und Entwicklung hingelegt und zählt europaweit zur Gruppe der „Strong Innovators“. Auch bei der Bekämpfung des Coronavirus.

Ein Kleber, der nicht klebt und der dennoch zu einem Verkaufsschlager wird? Alles ist möglich. Die Vorgeschichte: Ende der 60er Jahre arbeitet der amerikanische Chemiker Spencer Ferguson Silver an einem neuen „Superkleber“. Er sollte besonders zäh und fest sein. Allein, das von ihm entwickelte „Acrylate Copolymer Microspheres“, das Silver 1970 zum Patent anmeldet, klebt zwar, lässt sich aber ebenso einfach wieder ablösen. Pech. Doch Silver suchte weiter hartnäckig nach einer Anwendungsmöglichkeit seines Klebers. Es dauerte noch ein paar Jährchen, bis er einen kongenialen Counterpart findet, der mit dem schwachen Kleber etwas anzufangen wusste.

Art Fry, so sein Name, singt zu jener Zeit in einem Kirchenchor und ärgert sich bei jeder Probe darüber, dass die fein säuberlich angebrachten Lesezeichen immer wieder aus seinen Gesangsnoten fallen. Fry erinnert sich an einen Vortrag von Silver und beginnt mit diesem an einer Lösung für sein Problem zu arbeiten. Als sie es gefunden haben, werden alle Kollegen mit den selbstklebenden Zetteln versorgt. Am 6. Februar 1973 melden Silver und seine Kollegen ein Patent mit dem Namen „Removable pressure-sensitive adhesive sheet material“ an. Die Produkteinführung von „Press'n'Peel“, wie die Zettelchen ursprünglich heißen, ist vorerst kein riesiger Erfolg. Es dauert noch bis 1980, um das neuartige Produkt mit seinem charakteristischen, kanarienvogelgelben Aussehen überall im Handel zu positionieren. Doch dann treten die nun „Post-it“ genannten Zettelchen ihren Siegeszug rund um den Globus an. Die 76 x 76 mm großen Klebezettelchen bescheren 3M, dem amerikanischen Multitechnologiekonzern, ein Bombengeschäft. Mehr als 50 Milliarden Post-its werden heute Jahr für Jahr in mehr als 100 Ländern verkauft.

Österreicher holen europäischen Erfinderpreis

Wien, am 20.06.2019: Ein großer Tag für die beiden oberösterreichischen Manager Klaus Feichtinger und Manfred Hackl. In der Wiener Stadthalle werden die beiden mit dem Europäischen Erfinderpreis in der Sparte Industrie ausgezeichnet. Ihre Idee, in den Kunsstoffrecyclingmaschinen der Firma Erema den Extruder (ein Rohr mit einer sich drehenden Schnecke) umzudrehen, hat die internationale Jury überzeugt. Denn: Dadurch können Kunststoffe effizienter sortiert und getrennt werden. Das bedeutet weniger Müll und mehr aufbereitetes Material für die Produktion. Auch die Kunden des oberösterreichischen Unternehmens, dessen Maschinen und Recyclinganlagen zu 98 % exportiert werden, sind begeistert. Binnen fünf Jahren konnte die Erema-Gruppe ihren Umsatz nahezu verdoppeln. Ein Umstand, der letztlich dazu beigetragen hat, dass der Europäische Erfinderpreis bereits zum vierten Mal in Österreich landete. Den Erfinderpreis in der Sparte Industrie erhalten nämlich nur Lösungen, die sich bereits am Markt durchgesetzt haben.
Am Markt durchsetzen, das ist eine der wesentlichen Voraussetzungen, um aus einer Erfindung eine Innovation zu machen. Oder wie es Tobias Müller-Prothmann und Nora Dörr in ihrem Buch „Innovationsmanagement – Strategien, Methoden und Werkzeuge für systematische Innovationsprozesse“  ausdrücken: „Innovationen resultieren erst dann aus Ideen, wenn diese in neue Produkte, Dienstleistungen oder Verfahren umgesetzt werden, die tatsächlich erfolgreiche Anwendung finden und den Markt durchdringen.“ Kurz formuliert: Innovation ist, wenn der Markt Hurra schreit.

So Innovativ ist Österreich

Auch wenn der „Hurra schreiende“ Markt aus einer Idee erst eine Innovation macht, so sind Erfindungen und die Patente darauf doch die Voraussetzung, um überhaupt den Markt schreien zu lassen. In diesem Punkt gehört Österreich mittlerweile zu den führenden Ländern in Europa, wie die Zahlen des europäischen Patentamtes für 2019 beweisen. Mit 2.341 (+2,6 % gegenüber 2018) für ein europäisches Patent angemeldeten Erfindungen kann sich unser Land auf Platz 14 der 50 größten Patentanmelde­länder positionieren. Rechnet man die vier außereuropäischen Länder USA, Japan, China und die Repu­blik Korea weg, so reicht es sogar für Platz 10. Das jährlich vom Statistik­amt der EU veröffentlichte „European Innovation Scoreboard“, das die Innovationskraft der EU-Länder miteinander vergleicht, bescheinigt der Alpenrepublik im Jahr 2019 den Status eines „Strong Innovators“. Die Autoren der Studie heben dabei vor allem die Innovationskraft österreichischer KMU, die mit anderen Institutionen wie Universitäten bzw. anderen Unternehmen kooperieren, hervor. Welche Potenziale österreichische Hochschulen in sich bergen, zeigte erst jüngst das Grazer Start-up Innophore auf. Das Bio-Informatik-Unternehmen, ein Spin-off der Karl-Franzens-Universität und des Austrian Centre of Industrial Biotechnoloy (ACIB), machte im Zuge der weltweiten Suche nach Mitteln gegen das Coronavirus auf sich aufmerksam, weil es mit seiner neuartigen Technologie bereits vorhandene Wirkstoffe identifizieren konnte, die möglicherweise dazu beitragen können, das Coronavirus zu bekämpfen. Das Unternehmen wurde daraufhin vom „Chinese Center for Disease Control and Prevention“ kontaktiert und arbeitet jetzt mit diesem und zwei Pharmafirmen in China zusammen.

Es fehlt am Kapital

Noch einmal kurz zurück zum EU Scoreboard: Die Autoren der Studie sehen eine der Schwächen Österreichs im Zugang zu Venture Capital, wo Österreich deutlich unter dem EU-Schnitt liegt. Laut Auswertung der AVCO flossen 2018 lediglich 84,9 Millionen Euro vonseiten der ­Private Equity bzw. Venture Capital-Industrie in österreichische Unternehmen. Zum Vergleich: 2007, also ein Jahr vor Ausbruch der Finanzkrise, waren es noch 443,8 Millionen Euro. Darüber, dass Österreich in puncto Beteiligungskapital wohl zu den am wenigsten entwickelten Ländern Europas zählt, können auch TV-Sendungen wie „2 Minuten 2 Millionen“ oder der boomende Crowdinvesting-Markt nicht hinwegtäuschen. Zwischen 2012 und Ende 2018 wurden zwar mehr als 111 Millionen Euro über Crowdinvesting-Plattformen für Unternehmen aufgetrieben, der überwiegende Teil des Geldes floss allerdings in Immobilien. Schade eigentlich, denn in puncto Forschung & Entwicklung hat die Alpenrepublik eine rasante Aufholjagd hingelegt.

Zwischen 2017 und 2019 sind die F&E-Ausgaben in Österreich laut Statistik Austria von 11,3 auf 12,8 Milliarden Euro gestiegen. Dabei lag Österreich bereits 2016 mit einer F&E-Quote von 3,09 % in Europa hinter Schweden auf Platz 2 und belegt weltweit die Nummer 7. Österreich zählt damit zu den forschungsintensivsten Ländern der Welt und ist in diesem Teilindikator für Innovation längst in die Gruppe der sogenannten „Innovation Leader“ aufgestiegen. Angetrieben wird das Wachstum bei den F&E-Ausgaben vor allem auch durch den öffentlichen Sektor, dessen Anteil an den gesamten F&E-Ausgaben in Österreich auf 34,9 % gestiegen ist. Die F&E-Ausgaben des öffentlichen Sektors in Österreich liegen ebenso wie jene der Unternehmen mehr als deutlich über dem EU-Schnitt, wie ein Blick auf das European Innovation Scoreboard offenbart.

Last but not least offenbart das Scoreboard aber noch eine weitere Schwäche Österreichs. Was den Anteil an Beschäftigten in rasch wachsenden Unternehmen betrifft, performt unser Land – wie im Bereich Beteiligungskapital – weit unter dem europäischen Schnitt. Durchaus möglich, dass die unterentwickelte Finanzierung damit in Zusammenhang steht.

Text: Harald Fercher

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