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Im Renditecheck

27.11.2019

Die EZB-Politik des billigen Geldes offenbart immer stärker die dunkle Seite des Euro – eröffnet Firmen und Kleinanlegern aber auch neue Möglichkeiten.

Die letzte Sitzung der EZB unter ihrem Chef Mario Draghi war die bisher zerstrittenste: Gegen den Widerstand der Notenbanker aus Österreich, Deutschland, Frankreich, den Niederlanden und Estland beschloss die Zentralbank des Euroraums, ab dem heurigen November Anleihen mit einem Volumen von 20 Milliarden Euro zu kaufen – und zwar jeden Monat. Die Dauer dieser Maßnahme ist vorerst unbegrenzt. Das bedeutet: Die Gelddruckmaschinen laufen weiter auf Hochtouren. Mit Geld, das im Computer erschaffen wurde.

So deutlich wie selten wird damit klar, dass die Auswirkungen der Krise 2008, die in der Finanzwirtschaft der USA ihren Ausgang nahm, in Europa bis heute nicht bewältigt sind. Zum Gesamtbild gehört auch eine zweite, unbequeme und selten erwähnte Wahrheit: Der gemeinsame Währungsraum hat, so stark Österreichs Exporte auch davon profitieren, massive Nachteile. Die Politik der EZB begünstigt hochverschuldete Staaten vor allem im Süden Europas, für die eine hohe Inflation jahrzehntelang ein aktiv genutztes Werkzeug war. Währenddessen vernichtet der Euro die Sparguthaben und Altersvorsorgen von Menschen in Ländern wie Deutschland und Österreich – während Kanzlerin Merkel billigend in Kauf nimmt, dass auch Draghis designierte Nachfolgerin Christine Lagarde diesen Kurs fortsetzen wird.

Daraus ergeben sich allerdings vor allem für Firmen neue Möglichkeiten der Refinanzierung, deren Unternehmensanleihen in Zeiten von Nullzinsen plötzlich viel attraktiver erscheinen. Auch Kleinanleger können durchaus etwas gegen die schleichende Enteignung ihrer Sparbücher tun. Hier die aktuellen Eckdaten zu den wichtigsten Anlageformen.

STABIL UND BESCHEIDEN: Mit Tagesgeld gegen die Inflation

TAGESGELD und Festgeld sind Kredite und Geldanlagen mit einer Laufzeit von einem Tag bis zu einem Jahr. Dieser Teil des Kreditverkehrs verfügt heute weiter über geringe Risiken – aber in Zeiten von Nullzinsen der EZB auch über äußert bescheidene Aussichten auf Gewinn. Allerdings lässt sich mit den besseren Angeboten in diesem Bereich immerhin die Inflationsrate neutralisieren. Für Beträge bis 100.000 Euro gilt auf europäischer Ebene die volle Einlagesicherung.

IMMER MIT DER RUHE: Überschaubare Risiken bei Firmenanleihen

ANLEIHEN sind festverzinste Wertpapiere, die ein Unternehmen, eine Institution oder eine staatliche Stelle vergeben, um sich Kapital zu beschaffen. Diese Schuldscheine gibt es mit variablen und fixen Zinsen. Entscheidende Faktoren dabei sind die Kreditwürdigkeit des Anbieters, die sich im Zinssatz widerspiegelt, sowie die Laufzeit, wobei Anleihen in der Regel schon vor Ablauf der Laufzeit weiterverkauft werden können. Der Gewinn von Anleihen ergebe sich aus dem Zins und dem Kurswert, heißt es bei der Arbeiterkammer. Die Risiken gelten je nach Aussteller als überschaubar – die Rendite aber auch. Aktuell bekommt man für österreichische Unternehmensanleihen mit Laufzeiten von sieben Jahren in der Regel weniger als zwei Prozent Zinsen. Bei den Kosten kassieren allerdings Banken über Mindestspesen und Depotgebühr ab, zudem ist für Anleger eine Umsatzsteuer fällig.

KAPITALISMUS HAUTNAH: Dynamik mit Aktien

AKTIEN sind Beteiligungen an einem Unternehmen und damit an dessen Gewinnen und Verlusten. Entscheidend ist der Kurswert der Aktie, in dem sich die Einschätzung des Marktes zur künftigen Entwicklung des Unternehmens fokussiert. Entsprechend hoch sind die Risiken dieser Anlageform, die bis zum Totalverlust führen können, aber auch potenzielle Gewinne, die manchmal bis zu einer Vervielfachung innerhalb kurzer Zeit reichen. Zu beachten sind außerdem Faktoren wie die Dividende und die Kosten beim Kauf und Verkauf, Depotkosten sowie eine Umsatzsteuer von 20 Prozent. Aktuell erwarten Beobachter wegen der radikalen Politik des billigen Geldes weiterhin eher einen Anstieg der Aktienkurse und der Indizes wie des Dax oder des Dow Jones. Man darf jedoch nicht aus den Augen verlieren, dass der aktuelle Aufwärtstrend an den Aktienmärkten schon seit acht Jahren andauert – und eines Tages wieder umdrehen dürfte.

RISIKEN STREUEN: Breit aufgestellt mit Fonds

FONDS sind Pakete aus unterschiedlichen Aktien, Wertpapieren und anderen Anteilen. Sie werden entweder aktiv von Fondsmanagern je nach aktuellen Entwicklungen zusammengestellt oder sind passiv zusammengesetzt. Zum Beispiel als Fonds, in denen Aktien aller Dax-Firmen zu bestimmten Anteilen vertreten sind. Der große Vorteil von Fonds ist die Streuung der Anteile auf unterschiedliche Märkte und damit die Minimierung von Risiken, die ein einzelner Anleger oft kaum überblicken kann. Entsprechend gibt es Fonds, die aus Festgeldern, staatlichen Anleihen, Aktien oder Anteilen an anderen Fonds bestehen. Allerdings kann manchmal wie auch bei Aktien der Gewinn wie auch der gesamte Einsatz ausbleiben. Die Kosten sind grundsätzlich hoch und bei aktiv verwalteten Fonds nochmals deutlich höher.

BETONGOLD: Da weiß man, was man hat

Der Kauf einer IMMOBILIE bleibt eine der beliebtesten Anlageformen – für Kleinanleger wie auch für große internationale Finanzfirmen, die damit die Mieten und Wohnungspreise in den Städten Europas in unerträgliche Höhen schrauben. Der Gewinn ist hier nicht mit jenem anderer Anlageformen vergleichbar, außer man will kaufen und schnell wieder verkaufen. Die Preise in Österreich steigen seit Jahren immer weiter an. Risiken gibt es unter anderem, wenn man eine minderwertige Immobilie erwirbt, von Banken und Bauträgern nur eine Beteiligung an einer Immobilie kauft oder wenn die Attraktivität einer Liegenschaft verschwindet, weil sich die Nachbarschaft plötzlich sozial ändert oder nebenan eine Schnellstraße gebaut wird. Aktuell gibt es eine eindringliche Warnung von der EZB, die bekanntlich mit ihrer Politik den Run auf Betongold selbst entscheidend befeuert hat. Ende September schlug ein Expertengremium der EZB unter Leitung von Mario Draghi Alarm: Den Immobilienmärkten in Deutschland sowie in zehn weiteren Ländern Europas drohe akut eine Überhitzung. Das bedeutet, dass die Preise inzwischen schon viel zu hoch sind und der EZB zufolge ein Einbruch kommen könnte. Österreich wurde dabei allerdings nicht genannt – vorerst.

EDELMETALL fasziniert auch heute

GOLD ist die wohl berühmteste Geldanlage in Rohstoffe wie Erdöl, Metalle oder auch Agrarprodukte. Was Anleger gerne ausblenden: Die Förderung von Gold, anderen Metallen oder Erdöl verursacht enorme ökologische und soziale Schäden, und Wetten auf steigende Preise etwa bei Weizen sind ethisch mehr als fraglich. Andererseits gilt gerade Gold als eine Geldanlage für Krisenzeiten, die relativ wertbeständig ist und sich unabhängig von den Schwankungen des Aktienmarkts entwickelt. Zudem kommt: Gold ist selten, und es wird nicht nur für Schmuck gebraucht, sondern auch als Werkstoff für die Industrie, zum Beispiel findet sich Gold in jedem Handy. Weil Gold keine Zinsen abwirft, ergibt sich der Gewinn allein aus dem Verkaufswert. Aktuell ist der Goldpreis wegen der instabilen Weltlage allein seit Anfang Juni um fast 20 Prozent gestiegen und liegt nun bei mehr als 1.350 Euro je Feinunze (31,1 Gramm). Auch wenn ein Preiseinbruch auch bei Gold jederzeit möglich ist, erwarten Experten, dass die Preisrally des gelben Edelmetalls vorerst weitergeht. Trotzdem empfehlen Experten wie etwa bei der Unicredit Hypovereinsbank, auch bei Gold eher die langfristige Perspektive zu wählen. Die Kosten variieren je nach Produkt: Ob an Gold gekoppelte Fonds oder Anteile an Goldminen oder sogenannte „exchange traded commodities“ (ETF), also Wertpapiere, die eine Investition in Gold ermöglichen, ohne es lagern zu müssen.

Ausflug in die Welt der SPEKULANTEN

Je höher das Risiko, desto höher der potenzielle Gewinn – oder Verlust. Wem die Gefahren bei üblichen Geldanlageformen nicht reichen, kann es mit OPTIONEN versuchen. Das ist ein an der Börse erworbenes Recht, ein bestimmtes Wertpapier zu einem bestimmten Zeitpunkt zu kaufen oder zu verkaufen. Ein plakatives Beispiel dafür ist das Phänomen des „naked short selling“ – Wetten auf einen rasanten Kursverfall. Man kann auch in „forex tradings“ darauf wetten, dass der Kurs des Euro gegenüber dem Dollar einbricht oder umgekehrt. „Optionen sind jedenfalls Spekulationsmittel und nicht dazu geeignet, langfristig Kapital anzulegen“, so die Bilanz der Arbeiterkammer. Die AK hat auch untersucht, was in Österreich beim Handel mit digitalem Kryptogeld wie Bitcoin in der Praxis herauskommt. Auch hier ist das Ergebnis der AK das absolute Gegenteil des Medienhypes um diese Produkte: Völlig intransparente Kursentwicklung und massive Preisaufschläge beim Kauf und Verkauf.

 

Autor/in:

PETER MARTENS

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