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Ich will nicht immun sein

14.05.2020

Wenn wieder einmal ein gewaltiges Datenleck publik wird, löst das bei vielen Menschen nur noch ein resigniertes Schulterzucken aus. Eine Reaktion, die nicht zur Gewohnheit werden darf.

Als ich vor Kurzem im Radio vom Datenleck beim Wirtschaftsministerium hörte, setzte mein Herz für ein, zwei Schläge aus. Von vermutlich Hunderttausenden Österreichern, darunter Aktivisten, Journalisten und Politiker, waren über die Website des Ministeriums jahrelang Geburts- und Adressdaten abrufbar sowie teils auch Informationen darüber, wann sie Dokumente beim Finanzamt eingereicht haben. Doch nicht, dass ein so großes Datenleck überhaupt möglich war und so lange unentdeckt blieb, verlieh mir einen Schock. Und es war auch nicht die Tatsache, dass meine Daten darunter waren, obwohl mir bei dem Gedanken schon etwas mulmig im Solarplexus wurde.

Ein kalter Schauer fuhr mir über den Rücken, als ich realisierte, dass ich selbst zufällig seit wenigen Wochen über dieses offen zugängliche Register Bescheid wusste und ich damals keine gröbere Reaktion zeigte als ein wenig Erstaunen und Verwunderung ob dieses Datenschatzes, bei dem sich jeder, der davon wusste, nach Lust und Laune bedienen konnte. Noch dazu konnte man einzelne PDFs zu den Personen von Interesse per Mausklick downloaden und abspeichern. Und gerade jetzt, als auch ich davon erfuhr, wusste eine Menge Leute davon, denn viele, die um Unterstützung beim Härtefall ansuchen wollten, brauchten eine bestimmte Registrierungsnummer, die dort, im „Ergänzungsregister für sonstige Betroffene“ der Republik Österreich, zu finden war. Man musste nur seinen Namen eingeben und schwupps, zeigte das Register all die spannenden Daten an. Der Versuchung, nicht nur meinen Namen ins Suchfenster einzugeben, widerstand ich tapfer.

Zwar ließ es mich auch damals nicht völlig kalt, dass hier wichtige Infos über mich – Name, Geburtsdatum und Adresse sowie Beginn meiner selbstständigen Tätigkeit – frei zugänglich waren, aber offenbar regte es mich auch nicht so sehr auf, dass ich zum Hörer gegriffen und nachgefragt hätte, wie dieses Datenschutz-Vergehen nur möglich war, noch dazu schon zwei Jahre, nachdem die Datenschutzgrundverordnung in Kraft getreten ist. Und all das, obwohl ich Datennutzung, -sicherheit und -schutz zu meinen wichtigsten journalistischen Interessensgebieten zähle.

Ich habe nur eine Erklärung: Ich bin immun. Zumindest teilimmun, was viel besser klingt, oder? Angesichts der mittlerweile Masse von Meldungen über solche und ähnliche Vorkommnisse, die Woche für Woche bekannt werden, ist das zwar nicht zu entschuldigen, aber doch verständlich. Hier nur ein paar Schlagzeilen aus den letzten Wochen aus der Reihe „Zeigt her eure Daten“: „Sicherheitsforscher warnen vor Datensammlung auf Xiaomi-Geräten“, „Überwachungsfirmen werben für ihre Spyware gegen das Coronavirus“, oder „Dank Zoom kann dein Computer zum Spionagetool werden“. Kein Wunder, wenn sich da schon ein emotionaler Grundtenor von „Eh scho wurscht“ einstellt. Man will sich ja nicht ständig verrückt machen lassen.

Doch natürlich ist das alles sowas von gar nicht wurscht. Unternehmen, die es etwa auch nur mit den geringsten für Außenstehende interessanten Daten zu tun haben und so eine schulterzuckende Mentalität an den Tag legen, werden vielleicht nicht mehr lange im Marktgeschehen mitspielen – und das nicht, weil das Corona-Virus ihr Geschäft zerstört hat. Mir jedenfalls hat diese Erfahrung einen Denkzettel verpasst. Ich will weder teil- noch ganz immun sein gegen Nachrichten wie jene vom Datenleck im Ministerium. Es soll mich ordentlich reißen, wenn ich so etwas wieder realisiere – und nicht erst, wenn es in den Newsfeeds auftaucht. Immunität wünsche ich mir derzeit in einem anderen Kontext.

Autor/in:
Alexandra Rotter

berichtet von den aktuellen Cyberwar-
Schauplätzen über Angreifer und deren Strategien,
Schäden sowie Rettungs- und Schutzmaßnahmen.

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