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„Ich laufe nicht für F&E, sondern für Innovation!“

08.07.2014

760 Forscher, 141 Millionen Euro im Budget und ein klares Ziel. – Wie Forschungsleiter Peter Schwab die Voestalpine mit Innovation an die Spitze führen will, warum er gern auf sein Bauchgefühl vertraut, und wieso seinem Unternehmen ohne Mut ein Milliardengeschäft entgangen wäre.

Sie leiten eine der größten außeruniversitären Forschungsabteilungen des Landes. Hätten Sie sich das als Physikstudent träumen lassen?
Bestimmt nicht. Ich habe 1993 in der Forschungsabteilung der Voest­alpine begonnen, bin dann in die Abteilung Physik gewechselt und wurde später Leiter der Qualitätsstelle. Dadurch wurde ich zu jener Person im Unternehmen, die man immer dann gerufen hat, wenn es ein Problem beim Kunden gab. Um es lösen zu können, habe ich immer Kontakt zur Forschung gehalten. Vielleicht ist unser Vorstandsvorsitzender Dr. Eder deswegen auf die Idee gekommen, dass ich die Forschung übernehmen soll.

 

Vermutlich ein Traumjob für einen Forscher.

Nun, Dr. Eder hat zum Glück lange vor mir erkannt, wie enorm wichtig Forschung und Entwicklung ist. Denn ich war damals noch nicht so überzeugt (lacht). Er wollte aber wirklich etwas bewegen und hat zu mir gesagt: „Pass auf! Heute stehen wir hier, aber in fünf Jahren müssen wir da vorne sein!" Das war eine sehr spannende Herausforderung für mich.

 

Wie groß war die Forschungsabteilung damals?

Mein Budget waren 36 Millionen, und heute sind es 141 Millionen Euro mit 760 Mitarbeitern in der Forschung.

 

Das sind wirklich enorme Mittel! Ist es schwierig, sie freizubekommen?

Nein, denn im Unternehmen sind alle fest davon überzeugt, wie wichtig das Thema ist. Ich berichte deshalb auch dreimal pro Jahr an den Vorstand – und die Herrschaften haben wirklich nur sehr wenig Zeit! Doch dadurch hat auch die Konzernspitze ein echtes Verständnis für das, was wir hier tun. Ich habe deswegen auch jedes Budget wie beantragt genehmigt bekommen.

 

Besprechen Sie bei diesen Summen auch manchmal einzelne Projekte mit dem Vorstand?

Natürlich. 2002 bin ich zum Beispiel mit einem Projekt angetreten, das wirklich großes Potenzial hatte. Leider lag die Wahrscheinlichkeit, dass wir es technisch umsetzen können, bei weniger als zehn Prozent, und es hätte 50 Millionen Euro gekostet. Bei so einer Wahrscheinlichkeit wird man schon ein wenig nervös. Aber ich wollte es trotzdem umsetzen und habe es präsentiert. Dr. Eder hat gesagt: „Probieren wir es einfach ein halbes Jahr, und dann schauen wir weiter." Vier Monate später hatten wir das Problem gelöst. Und jetzt haben wir mehr als eine Milliarde Volumen dadurch.

 

Worum ging es in dem Projekt?

Um ein neues Material, das extrem fest, leicht und mit Korrosionsschutz versehen ist und gut verarbeitet werden kann. Das kann keiner außer uns.

 

Wie lange bleibt man mit so einer Innovation an der Spitze?

Solche Innovationen fährt man immer, bis bessere auf den Markt kommen.

 

Werden Sie rasch kopiert und von der Konkurrenz verbessert?

Nein, nachmachen kann es niemand. Die Innovationen sind ja patentrechtlich geschützt. Wir haben allein auf dem Stahl 199 Patente, da bringt niemand einen Fuß hinein. Wir arbeiten aber selbst an Verbesserungen, mit denen wir uns ersetzen wollen. 2020 wird der Gipfel dieses Produkts im Lebenszyklus erreicht sein, und dann wird es langsam abflauen. Dann kommen wieder neue Produkte von uns auf den Markt, bei denen wir noch ordentlich etwas drauflegen.

 

Nach der Innovation ist also immer vor der nächsten Innovation.

Klar, dieser Kreislauf hört niemals auf. Wir müssen unsere Produkte ständig weiterentwickeln, und zwar nicht nur ein bisschen, sondern so, dass wir komplett neue Wege beschreiten können. Da der Entwicklungsprozess so lange dauert, darf man nie die Hände in den Schoß legen. Schließlich müssen viele Parameter passen. Es gibt Anforderungen ohne Ende, und wenn nur eine nicht passt, heißt es zurück an den Start.

 

Macht Ihre Abteilung auch Grundlagenforschung?

Wir arbeiten sehr stark mit Universitäten zusammen, die langfristige Forschungsarbeiten für uns übernehmen. Wenn wir etwa einen neuen Stahl entwickeln wollen und den Mechanismus nicht verstehen, übergeben wir die Aufgabe an die Uni. Fünf Jahre an einem Thema zu arbeiten geht bei uns einfach nicht. Reiner Blue-Sky-Research hat für ein Unternehmen also keinen Sinn. Bei uns geht es nur um angewandte Forschung.

 

Wie sehen die Strategien hinter der Forschungstätigkeit aus?

Es geht darum, das Unternehmen nach vorn zu bringen und dort zu halten. Wir folgen dabei unserer „Vision 2020", deren zentrales Ziel die ­Weltmarktführerschaft ist. Wir wollen immer schon den nächsten Schritt voraus sein und überlegen uns realistische Leitlinien, wie wir
das erreichen wollen. Ich arbeite nicht für Forschung und Entwicklung, sondern für Innovation! Wir müssen unsere Forschungsergebnisse zu Innovationen machen und wollen noch wettbewerbsunabhängiger ­werden.

 

Wie entscheidet man, woran konkret geforscht wird?

Die Forschung ist ein extrem koordinierter Prozess. Die Ideen selbst werden meistens bei den Forschern geboren. Doch die Anforderungen dafür kommen vom Kunden und sind in der Forschung bestens bekannt. Unsere Leute sind ja auch laufend beim Kunden. Da entstehen viele gute Ansätze.

 

Wie wird entschieden, welche Ideen verfolgt werden?

Wenn man Ideen hat, muss man sie natürlich auch bewerten. Da setzen sich einfach ein paar Leute zusammen und diskutieren sie. Von 100 ­Ideen verwirft man gleich einmal 90, weil sie zum Beispiel zu teuer sind. Diese Prüfung muss man aber ernst nehmen, denn damit spart man sich nachher viel Arbeit. Was übrig bleibt, wird noch genauer unter die Lupe genommen.

 

Fällt es Ihnen leicht, passende Forscher zu bekommen?

Hier in Linz haben 40 Prozent der Forscher die Johannes-Kepler-Universität absolviert. Viele kommen auch aus Leoben, von der Montanuniversität. Der Rest kommt von überall auf der Welt.

 

Ist es schwierig, Forscher zu führen?

Nein, denn man muss sie nicht motivieren und hinter ihnen stehen, um zu schauen, ob sie arbeiten. Das tun sie von selbst, weil sie unheimlich neugierig sind! Ich finde es immer toll, wie sie Dinge erkennen können. Denn das Brot hat schon immer zu schimmeln begonnen, aber man muss ein Flemming sein, um zu erkennen, dass man Penicillin draus machen kann. Dafür braucht es den Forschergeist. Man darf ihn nur nicht stören oder ihm im Weg stehen. Wenn man also ein positives Menschenbild hat und an seine Mannschaft glaubt, ist sie auch erfolgreich. Da kann man ruhig die Leine lang lassen.

 

Und wie gut funktionieren die Kooperationen mit den Unis?

Wir haben 70 nationale und internationale Kooperationen mit Unis. Erfahrungsgemäß sind sie umso erfolgreicher, je mehr Zeit wir investieren und je näher sie liegen. Die Qualität des Kontaktes ist wirklich entscheidend. Denn wenn wir mit einer Universität zu arbeiten beginnen, dauert es eine Weile, bis man dieselbe Sprache spricht. Das muss man lernen, und dann ist es eine Win-win-Situation. Dann geht’s dahin, und es ist fruchtbar. Das gefällt auch der Universität, weil sie Dinge machen kann, die gebraucht werden.

 

Ist die industrielle Forschung den Universitäten wirklich genauso wichtig wie die unabhängige?

Jeder Forscher ist daran interessiert, seine Forschungsergebnisse auch in einer nutzenstiftenden Umsetzung zu sehen. Dies ist jedoch nicht auf allen Forschungsgebieten möglich, da es nicht in jeder Fachrichtung eine unmittelbare industrielle Anwendung gibt. Wo eine Industrie zu einer Fachrichtung existiert, wird sich kein Forscher einer industriellen Kooperation verschließen.

 

Können Sie dem Forschungsstandort Österreich insgesamt ein gutes Zeugnis ausstellen?

Ja, aber wir denken noch zu wenig in Eliten. Wenn man nach Harvard schaut, wie dort gearbeitet wird – das erleben die Studenten hier erst, wenn sie zu uns kommen.

 

Gibt es eine Innovation, die Sie gerade besonders beschäftigt?

Mich beschäftigen momentan die strategischen Innovationen im Unternehmen. Was meine ich damit: 1985 ist es so richtig mit dem Sparen losgegangen. Die Kosten sind seitdem immer im Fokus. In den 90ern ist dann das Thema Qualität groß gekommen. Auch damit hört man nie wieder auf. 2000 ist es dann so richtig mit Forschung und Entwicklung losgegangen. Ab 2008 ging es dann um Innovation, insbesondere die stärkere Vernetzung von Forschung und Entwicklung mit allen Abteilungen im Unternehmen. Ich glaube, dass nun bald wieder so etwas kommen muss. Wir werden 2020 wieder einen großen Schub brauchen, und ich bin auf der Suche danach, was das sein kann.

 

Haben Sie schon eine Idee?

Meinem Gefühl nach glaube ich, dass es Serviceinnovationen und Businessmodellinnovationen sein werden. Da steckt noch sehr viel Potenzial drinnen. Da müssen wir anschieben und uns richtig aufstellen. Das gilt bestimmt auch für andere Branchen. Wo stehe ich, und was kommt als Nächstes? Man kann ja nichts überspringen. Wenn man ein innovatives Produkt hat, doch die Kosten und die Qualität passen nicht, wird man es auch nicht verkaufen können. Diesen Zyklus muss man durchlaufen.

 

Was können sich KMU von der Forschungsstrategie Ihres Unternehmens abschauen?

Was ich den KMU mitgeben will ist, dass jeder, der mit Unis kooperieren will, auch selbst eine Forschung braucht. Sonst kann man das Know-how nicht absorbieren. Man braucht jemanden, der es ins Unternehmen übersetzt. Und: Wenn man langfristig erfolgreich sein will, muss man ganz vorne sein. Man muss in Innovation investieren, und man muss sich fokussieren. Und wenn man sieht, dass es nichts wird, muss man aufhören. Doch man braucht auch viel Geduld!

 

Wie bringt man die Geduld in Einklang mit raschen Entscheidungen in Richtung Ausstieg?

Wenn das nicht so schwierig wäre, könnte es ja jeder (lacht). Oft macht es der Bauch! Man kann die Zahlen rauf und runter rechnen, aber daran glaube ich gar nicht. Wenn die Basisdaten vorliegen, und ich spüre, das wird nichts, vertraue ich auf mein Gefühl.

 

Witzig, dass gerade ein Wissenschaftler seinem Bauch die Entscheidung überlässt. Hat er Sie schon einmal schlecht beraten?

Na ja, wenn man einmal etwas eingestellt hat, findet man es zum Glück nicht heraus (lacht). Aber im Ernst: Man stoppt ja trotzdem immer zu spät. Wenn schon mal der Bauch sagen muss: Das ist ein Holler! Sobald man wirklich zweifelt, muss man aufhören.

 

Wird das Thema Innovation in Österreich genügend ernst genommen?

Ich fürchte nein. Die Politiker machen Lippenbekenntnisse, und die Bevölkerung versteht es nicht, weil es niemand gescheit erklärt. Die guten KMU befassen sich aber alle damit, da es sie sonst nicht gäbe. Leider hat das Thema aber nicht den Stellenwert, den es haben müsste. Dabei wäre es so wichtig für den Standort.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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