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„Ich habe kein Problem damit, Leute zu duzen“

20.07.2015

Reden wir über Beziehungen. Ein Gespräch mit der Xing-Österreich-Chefin Carmen Windhaber über Kontaktpflege in der virtuellen und realen Welt.

 

Interview: Daniel Nutz

Frau Windhaber, mit wie vielen Leuten sind Sie über soziale Medien vernetzt?

Derzeit pflege ich 1.322 Kontakte. Die Menge hat natürlich mit meiner Funktion zu tun. Bei mir vermehrt sich das vielleicht schneller als bei anderen Leuten. Aber ich kenne auch Leute, die 20.000 Kontakte haben.

Kennen Sie alle Ihre Kontakte persönlich?
Nein. Es gibt ja prinzipiell zwei Gruppen. Die eine sagt: Ich bestätige nur Kontakte, die ich auch persönlich schon einmal getroffen habe oder mit denen ich telefonisch oder in irgendeiner Form Kontakt hatte. Und dann gibt es das Lager, das sagt: Mir ist es gleich, ich nutze mein Netzwerk auch, um Kontakte aufzubauen, die ich nicht persönlich kenne. Ich war immer ganz offen dafür, weil die Welt dadurch einfach ein Stück kleiner wird.

 

Aufgrund Ihrer Position wollen bestimmt viele Ihrer Kontakte etwas von Ihnen. Ist das nicht lästig?

Das muss nicht immer schlecht sein. Ich bin schließlich auch auf der Suche nach Kooperationen. Wenn mich etwas nicht interessiert, kann ich immer noch sagen, dass ich nicht weiterhelfen kann oder etwas eben gerade keine Priorität hat. Ich bin prinzipiell offen, komme gerne mit Leuten ins Gespräch und schaue, was sich ergibt. Ich glaube, dass letztlich mehr Chancen als Risiken in diesem Austausch stecken.

 

Wann weisen Sie denn eine Anfrage ab?

Auch in sozialen Netzwerken soll eine gewisse Höflichkeit gewahrt bleiben. Ich reagiere allergisch, wenn mich jemand flapsig und dazu noch gespickt mit Rechtschreibfehlern anschreibt und dann auch für eine simple Grußformel keine Zeit zu haben scheint. Dann reagiere ich nicht auf die Anfrage.

 

Weniger Formalismus ist aber prinzipiell eine Spielregel sozialer Medien. Das verändert den Umgang – privat wie geschäftlich?

Zu viel Formalismus ist manchmal sicherlich hinderlich. Ich habe kein Problem damit, Leute zu duzen. Speziell im Businesskontext ermöglichen weniger formale Umgangstöne Dinge, die man sonst so nicht erreichen würde. Bei Xing gibt es darum beispielsweise die Möglichkeit, Hobbys einzutragen. Manche lehnen das ab. Ich nütze das aber als Anknüpfungspunkt für ein Gespräch. Es schadet nicht, wenn Businessbeziehungen persönlicher werden. Auch digitalen Smalltalk finde ich gut. Daraus entstehen Netzwerke.

 

Sehen Sie eigentlich Unterschiede darin, ob man online oder offline netzwerkt?

Das eine ergänzt das andere sehr gut. Online kann auch eine Art Vorhof sein. Ich habe da ein nettes Beispiel: Mir hat jemand einmal über Xing einen Anwalt als Kontakt vorgeschlagen. Ich fand sein Profil spannend gemacht – mit Referenzen und so weiter – und habe ihm deshalb geschrieben. Er hat zurückgeschrieben, wir machten uns ein Treffen für einen Kaffee aus und wir haben nebenher unsere Leidenschaft für frische Kirschen diskutiert. Als wir uns dann im Café trafen, ist er mit einem Sack Kirschen dahergekommen, weil er ein paar Tage zuvor bei einem Obstbauern in der Steiermark war. Das ist ein Beispiel dafür, dass im Business nicht immer alles so streng sein muss. Wenn ich das nächste Mal einen Anwalt brauche, denke ich bestimmt an ihn. So können sich dann Geschäftsbeziehungen einfach ganz einfach ergeben.

 

Die Grenzen zwischen privat und beruflich verschwimmen anscheinend. Man hört auch von Leuten, die sogar ihren Partner über Xing kennenlernen.

Viele Menschen verwenden Xing als Businessnetzwerk und oftmals noch etwas anderes wie Facebook für private Zwecke. Aber ja, wenn man seinen Partner über uns kennenlernt, ist das doch gut. Ich habe mal einen Freund über Skype kennengelernt. Die Plattform ist nicht entscheidend für die Art und Weise, der daraus entstehenden Beziehung. Obwohl, die Partnervermittlung ist jetzt nicht unsere primäre Aufgabe (lacht).

 

Viele Leute haben Angst, dass zu viel Privates im Netz landet. Verstehen Sie das?

Es gibt die Angst, Daten oder Bilder preiszugeben. Nur muss man halt erkennen, dass man sowieso Informationen über jemanden im Netz findet. Die wenigen Leute, von denen man nichts im Netz findet, sind einem mittlerweile fast ein bisschen verdächtig. Man muss eben vorsichtig sein. Ich poste beispielsweise nicht meine private Telefonnummer und bin bei privaten Fotos vorsichtig.

 

Sie können sich als Xing-Aushängeschild in Österreich ja auch keinen Fauxpas erlauben.

Ich achte jetzt sicher mehr darauf als früher. Aber das ist Geschmackssache und auch ein Generationenthema. Junge Leute gehen damit offener um.

 

Stichwort Junge: Wie verändert sich die Beziehung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern?

Fakt ist, dass sich alle Branchen um die besten Talente und die besten Arbeitskräfte streiten werden. Die jüngeren Generationen – nennen wir sie Generation Y oder Z – wollen ein iPad, haben Lust auf die freie Gestaltung des Arbeitsumfeldes und legen nicht mehr so viel Wert auf Gehalt, Dienstauto und solche Dinge.

 

Eine Prognose lautet: Künftig werden sich Unternehmen bei ihren Mitarbeitern bewerben müssen.

Richtig! Und um die Leute zu erreichen, muss ein Unternehmen flache Hierarchien entwickeln. Die Menschen wollen mitgestalten. Das heißt aber auch, dass es für Arbeitnehmer kein Problem ist, sich um acht Uhr abends noch einmal hinzusetzen, um noch etwas zu arbeiten. Diese Flexibilität muss auch der Arbeitgeber einbringen, etwa über variable Arbeitszeiten, Home-Office-Möglichkeiten und Ähnliches. Das Thema Unternehmenskultur wird immer wichtiger. Verschiedenste Studien belegen das.

 

Universitätsabgänger heuern mittlerweile bei Start-ups an, weil ihnen das Versprechen gemacht wird, dass Arbeit Spaß macht. Nur mit gutem Gehalt holt man anscheinend keine Leute mehr.

Genau. Ich bin da oft auch unterwegs in solchen Umfeldern. Da muss ich sagen: In Österreich haben wir noch viel zu tun.

 

Was denn zum Beispiel?

Wir wissen, dass rein homogene Organisationen nicht so innovationsfähig wie inhomogene Organisationen sind. Wenn ich einen Mitarbeiter tausendmal klone, kriege ich am Ende nicht so viel Innovation raus, wie wenn ich einen anderen Menschenschlag auch mit reinnehme. Natürlich sind inhomogene Teams schwieriger zu managen, aber wir müssen da innovationsfähig bleiben – gerade in Zeiten der Wissensarbeit. Teams mit unterschiedlichen Altersstrukturen, Herkünften, Ausbildungen sind erfolgreicher – das weiß man.

 

Spannendes Thema, leider ist unsere Zeit jetzt vorbei. Wollen wir uns über soziale Medien vernetzen und weiter plaudern?

Ja, natürlich!

 

Ich bin allerdings nicht bei Xing.

Dann sollten Sie das schleunigst ändern!

 

Wieso denn?

Erst wenn Sie es tun, werden Sie sehen, welche Möglichkeiten sich daraus ergeben.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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