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Hau weg den Dreck?

20.03.2017

Sepp Eisenriegler hat das Reparatur- und Servicezentrum R.U.S.Z. gegründet, um Langzeitarbeitslose und Haftentlassene zu Elektrotechnikern auszubilden. Bald musste er ­feststellen, dass immer häufiger Sollbruchstellen in diversen Geräten verbaut sind. In ­seinem Buch „Konsum­trottel“ fasst er seine Beobachtungen zusammen. Ein Aufruf zu mehr Aufmerksamkeit.
 

Sie sagen, dass manche Hersteller die Konsumenten systematisch für blöd verkaufen und dabei auch noch den Planeten kaputtmachen. Welches System steckt dahinter?
Die Hersteller erwirtschaften ihre Profite durch den Verkauf enormer Stückzahlen von Geräten, die sehr wenig kosten, aber auch sehr rasch kaputt werden. Dieses Businessmodell wollen sie nicht ändern. Und aktuell zwingt sie auch niemand dazu.

Günstiger Preis, niedrige Qualität – klingt doch jetzt nicht so schlimm, oder? 
Ist es aber, denn es geht voll zu Lasten der Umwelt. Und dieses System ist auch noch doppelt subventioniert.

Inwiefern?
Profitorientierte, internationale Konsortien beuten zuerst Rohstoffe im Süden aus, die dann unter der Ausbeutung von Arbeitern in den Schwellenländern zu Produkten verarbeitet werden, die wir im Norden billig kaufen, wenig wertschätzen und schnell wegwerfen. 

Es gibt allerdings auch Produzenten, die echte Qualität anbieten. Warum setzen manche Hersteller auf billige Ramsch­geräte und andere nicht?
Weil viele um jeden Preis billig verkaufen wollen und müssen. Viele stehen ja selber unter Druck.

Wer macht ihnen Druck?
Der Handel. Denn umso billiger die Geräte sind, umso höher ist die verkaufte Stückzahl insgesamt. Und damit das klappt, werden diverse Tricks angewandt. 

Welche denn zum Beispiel?
Etwa die Energieeffizienzlüge. Man hat den Kunden eingeredet, dass die neuen Geräte weniger Energie verbrauchen, um sie zum Kauf zu animieren. Oft trifft das allerdings überhaupt nur für ein Programm zu, und die Wahrheit ist, dass die neuen Geräte viel kürzer halten als die alten. Das ist ökologisch und ökonomisch ein Irrsinn. 

Welche Abzocken beobachten Sie noch?
Am meisten ärgert mich die Marketinglüge! Den größten Effekt hat nämlich die Werbung, die uns zu Konsumtrotteln machen will. Slogans wie „Geiz ist geil“ und „Hau weg den Dreck“ plädieren nicht gerade für verantwortungsvollen Konsum. 

Aber kein Mensch kauft sich eine neue Waschmaschine, weil er in der Werbung eine sieht.
Es ist ja auch viel subtiler. Die Werbung findet nämlich dann statt, wenn Sie ein Problem mit Ihrem Gerät haben – bei Ihnen zu Hause.

Wie das?
Ihre Waschmaschine ist kaputt und Sie rufen den Werkskundendienst. Dann kommt jemand, der leider nicht an Reparaturen interessiert ist, sondern nur daran, Ihnen ein Neugerät zu verkaufen. Das ist Teil des Marketings. Er empfiehlt Ihnen, ein Gerät zu tauschen, das noch fünf oder zehn Jahre Lebensdauer hätte. Sein Argument: Die Reparatur zahlt sich nicht mehr aus, und er schwatzt Ihnen ein neues auf, das nur drei Jahre hält. Und weil ein grünes Pickerl draufklebt, glauben Sie auch noch, damit den Planeten zu retten.

Kein guter Deal.
Nein, vor allem, weil die Ressourcenverschwendung vorwiegend in der Produktion stattfindet. Über 50 Prozent der Umweltbelastung entstehen dort.

Konsumenten sind zwar blauäugig, aber nicht komplett dämlich. Wenn Geräte einer Marke so schnell kaputt werden, kauft sie doch niemand ein zweites Mal. 
Dann kaufen viele Kunden nach drei Jahren ein anderes Gerät um 300 Euro von einer anderen Billigmarke, und es passiert wieder das Gleiche. Es gibt viele, denen das egal ist. Durch dieses System wird ein langlebiges Produkt, das früher ein halbes Leben gehalten hat, zum Wegwerfprodukt. Und weil es billig ist, findet das Akzeptanz. 

Warum halten die Geräte aber jetzt so viel kürzer als früher?
Weil mittlerweile viele so konstruiert sind, dass sie nach einer genau definierten Zeit den Geist aufgeben. Ich habe einmal eine Liste bekommen, in der der Handel den Herstellern vorschreibt, wie lange die Geräte halten sollen. Bestellt wird eben bei den Herstellern, die sich das gefallen lassen. Wer es nicht macht, ist draußen.

Die Hersteller bauen also wirklich absichtlich Schwachstellen ein, um die Lebensdauer der Produkte künstlich zu verkürzen? Was sagen denn die Produktdesigner? Genieren die sich nicht?
Die sind unglücklich, weil es gegen ihre Ingenieursehre geht. Es gibt auch solche, die eine Herausforderung darin sehen, das vordefinierte Ablaufdatum punktgenau zu erreichen. 

Also die geplante Obsoleszenz als sportliche Herausforderung, sozusagen.
Ja, aber glücklich macht es sie auch nicht. Alle, die daran beteiligt sind, wollen ja, dass es auch noch ihren Kindern und Enkeln gut auf dem Planeten geht. 

Wie viele Hersteller arbeiten nach diesem Prinzip? 
Circa die Hälfte der Haushaltsgroßgeräte ist gut, die andere schlecht.

Als Nicht-Techniker muss man sich beim Kauf auf die Händlerexpertise verlassen. Weiß der durchschnittliche Verkäufer bei Mediamarkt oder Saturn überhaupt, was er da verkauft?
Ich will keine 0,1-prozentige Chance dementieren. Aber üblicherweise sind die Fachberater ahnungslos. Die haben keine technische Ausbildung. 

Wo soll man dann als Konsument hin?
Zum kleinen Elektrohändler, der auch repariert. Dort haben Sie eine Chance. Mein Tipp lautet, die Ersatzteilverfügbarkeit abzufragen. Wenn man erfährt, dass der Hersteller fünf oder zehn Jahre Ersatzteile anbietet, weiß man, für welche Lebensdauer das Gerät gebaut wurde. 

Was kann man noch tun, um weniger vertrottelt zu sein?
Als erstes sollte man die vorhandenen Geräte wertschätzen, gut warten und reparieren lassen. Man muss die Scheu vor Technik ablegen, sich beim Kaufen Zeit lassen und auch lästig sein, wenn Fragen offen bleiben, und im Zweifelsfall einfach den Händler wechseln. Und: Nicht billig kaufen, denn das kommt insgesamt viel teurer. 

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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